Liä Dsi: so zeigt man seine Gesinnung


TDie Leute von Gan Dan brachten dem (Dschau) Giän am Neujahrstag Felsentauben dar. Der war hocherfreut darüber und belohnte sie reichlich. Sein Gastfreund fragte, warum er das tue. Giän sprach: „Wenn man am Neujahrstag Lebendes befreit, zeigt man dadurch seine milde Gesinnung.“

Der Gastfreund sprach: „Wenn die Leute merken, dass ihr Herr die Tiere fliegen lassen will, so fangen sie sie um die Wette und töten dabei eine große Anzahl. Wenn der Herr sie am Leben lassen will, so ist es besser, den Leuten das Fangen zu verbieten. Wenn man sie erst fängt und dann wieder fliegen lässt, macht man durch seine Milde noch nicht einmal das wieder gut, was vorher verfehlt worden ist.“

Giän sprach: „So ist es.“

aus Liä Dsi, „Das wahre Buch vom Quellenden Urgrund“
FTja, was sich der olle Taoist bei dieser Geschichte wohl gedacht hat? Das ist alles sehr mehrdeutig und bietet genug Raum für allerlei schräge Spekulationen. Der Herr Giän scheint wohl ein Politiker zu sein, dem es nicht gleichgültig ist, wie die Leute von ihm denken. Er möchte von ihnen jedenfalls warum auch immer für mildtätig gehalten werden. Nein, er ist keineswegs mildtätig, er will nur als mildtätig erscheinen. Also lässt er die dummen Leute ein Spektakel aufführen, das sie in seinem Sinn manipulieren soll. Die Rolle des Gastfreundes ist weniger klar. Er sagt: „Wenn man die Tauben erst fängt und dann wieder fliegen lässt, macht man durch seine Milde noch nicht einmal das wieder gut, was vorher verfehlt worden ist.“ Der Herr Giän bestätigt das. Es geht aber doch gar nicht für den Herrn Giän um Milde, sondern nur um den Schein der Milde, nur um sein Ansehn. Das Schicksal der Tauben ist ihm vermutlich völlig egal.

H

Der Gastfreund scheint für dieses offensichtliche Motiv des Herrn Giän in keiner Weise interessiert zu sein. Ihm geht es in seiner Antwort allein um das Wohl der Tauben. Er sagt: „Wenn die Leute merken, dass ihr Herr die Tiere fliegen lassen will, so fangen sie sie um die Wette und töten dabei eine große Anzahl. Wenn der Herr sie am Leben lassen will, so ist es besser, den Leuten das Fangen zu verbieten.“ Jetzt hat er den Herrn Giän im Sack. Dieser Logik kann er sich nur schwerlich entziehen. Wenn er jetzt noch weiter Tauben fangen lässt, um sie wieder fliegen zu lassen, ist das kein Zeichen mehr für Mildtätigkeit, sondern für blanken Egoismus. Er opfert die Tauben, um vor den Leuten gut dazustehen. Was kann der arme Herr Giän jetzt noch machen außer „So ist es“ zu stammeln.

Was soll jetzt daran besonders taoistisch sein? Nun, der Gastfreund hat dem Herrn Giän gezeigt, wes Geistes Kind er in Wahrheit ist, ohne ihm offen die Maske der Heuchelei vom Gesicht zu reißen. Der Herr Giän konnte sein Gesicht wahren und hat dabei vielleicht doch etwas über sich erkennen können. Das hat er doch gut hingekriegt, da kann man wirklich nicht meckern. Gestern verkündete Steven Harrison lautstark: „Ich muss wieder ‚ich‘ werden.“ Kann man das vielleicht auch ein bisschen „taoistischer!“ rüberbringen, so, dass kein Verkünder der großen Wahrheit, dass jedes Ich nur eine Illusion sei, sein Gesicht verlieren muss? Das Tetralemma muss man manchen eben sehr schonend beipulen. Entweder-Oder ist halt eher für schlichte Gemüter. Es lebe das Sowohl-Als-Auch oder so oder gar nicht …
K

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2 Antworten zu Liä Dsi: so zeigt man seine Gesinnung

  1. fredoo schreibt:

    das Credo des Taoismus „hinterlasse keine Spuren“ bezieht sich halt auch auf Konflikte und auf möglicherweise opportune Kompromisse …
    auch da gilt dieses „hinterlasse keine Spuren“ im Sinne , dass es im Konfliktfall eher darum geht dem Konflikt selbst das Wasser abzugraben , ihn zum Versiegen zu bringen , als in irgendeiner Weise zu „gewinnen“ und sei es als Entblöser „getarnter Motive“ … Motive , die ja häufig vor der betreffenden Person selbst „getarnt“ sind … wird dann dem Konflikt „das Wasser abgegraben“ , laufen diese Motive ins Leere , können damit deutlich von der Person selbst bemerkt werden , ohne dass sie ihr Gesicht verlieren müsste , vor sich selbst oder den anderen …
    es geht damit viel weniger um ein richtig oder falsch , sondern um einen fließenden Prozess , der eher durch Ausweichen funktioniert als durch Gegenhalten und Überwinden … das Prinzip der Kampfkünste lässt grüßen …

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    • Nitya schreibt:

      Bei den Sufis findet man eine ähnliche Haltung, vielleicht überhaupt im Islam. Na ja, welchem Islam? Vielleicht auch im gesamten asiatischen Raum. Das Gesicht nicht verlieren scheint ein hoher Wert zu sein. Da man weiß, dass auch der andere sein Gesicht nicht verlieren will, schont man auch das Gesicht des anderen, wissend, dass man mit dem anderen keine vernünftigen Geschäfte mehr machen kann, wenn man seinee Ehre verletzt hat.

      Der Westen scheint da eine grundsätzlich andere Haltung einzunehmen. Schonungslos wird dem anderen die Maske vom Gesicht gerissen. Freud lässt grüßen. Das kommt nicht von ungefähr, dass sich bei uns die Psychoananlyse so verbreiten konnte.

      Du hast das schön auf den Punkt gebracht mit dem Prinzip der asiatischen Kampfkünste. Es gibt ja auch westliche Kampfkünste, die sehen allerdings etwas anders aus.

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