Huang-po: nichts als der Eine Geist


BWer auf dem Weg fortschreiten will, muss zuerst die Schlacken fortwerfen, die er durch die verschiedenartigen Studien angesammelt hat. Vor allem müssen das Suchen nach irgendwelchen Objekten und jegliches Anhaften aufgegeben werden. Wenn die Schüler auch tiefste Lehren vernehmen, so müssen sie sich doch so verhalten, als hätte ein leichter Wind ihre Ohren gestreichelt, als wäre ein Stoßwind in Blitzesschnelle an ihnen vorübergebraust. Auf keinen Fall dürfen sie den Versuch machen, solchen Lehren zu folgen. Wer diesen Unterweisungen entsprechend handelt, dringt in die Tiefe ein. Die bewegungslose Versenkung der Tath
āgatas beinhaltet die geistige Ch’an-Haltung jener, die für immer den Kreislauf von Geburt und Tod verlassen haben. Von den Tagen an, da Bodhidharma nichts als den Einen Geist übermittelte, gab es keinen anderen gültigen Dharma. Auf die Identität von Geist und Buddha deutend, zeigte er, wie die höchsten Formen der Erleuchtung überschritten werden können. Gewiss hinterließ er keinen anderen Gedanken als diesen: Wenn ihr durch das Tor unserer Schule eintreten wollt, muss dies euer einziges Dharma sein.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

TDas einzige Dharma: „Alle Buddhas und alle Lebewesen sind nichts als der Eine Geist, neben dem nichts anderes existiert.“ Ein feiner Satz, kann man sich schön merken und als Buddhismus-Kenner bei passender Gelegenheit zum Besten geben. Ansonsten geht das Leben weiter wie immer, als hätte man den Satz noch nie gehört. Warum nennen Bodhidharma und seine Nachfolger das, wofür dieser Satz steht, das einzige Dharma? Na ja, das ist halt der Witz in der Geschichte: Den Satz kann man getrost vergessen, ist halt nur ein Satz. Es geht um das, wofür er steht und da ist mit Worten nichts zu machen.

Huang-po versucht es anders herum, versucht es mit dem, wo mit Worten möglicherweise etwas zu machen ist. Er sagt: „Wer auf dem Weg fortschreiten will, muss zuerst die Schlacken fortwerfen, die er durch die verschiedenartigen Studien angesammelt hat. Vor allem müssen das Suchen nach irgendwelchen Objekten und jegliches Anhaften aufgegeben werden.“ Das erinnert mich sehr an das, was dir alle Naturheilkundigen sagen: Wenn du deinen Organismus entgiftest und alle Schlacken beseitigst, kann der Körper sich wieder selbst heilen. Wenn du dich dagegen vollstopfst mit Chemie jeder Art, vergiftest du dich nur noch mehr und blockierst deine Selbstheilungskräfte. Huang-po fährt fort: „Wenn die Schüler auch tiefste Lehren vernehmen, so müssen sie sich doch so verhalten, als hätte ein leichter Wind ihre Ohren gestreichelt, als wäre ein Stoßwind in Blitzesschnelle an ihnen vorübergebraust. Auf keinen Fall dürfen sie den Versuch machen, solchen Lehren zu folgen.“ Das hat er sehr poetisch ausgedrückt, aber genau auf den Punkt gebracht. Selbst die tiefsten Lehren dürfen nicht als Wissensobjekte betrachtet, eingeordnet und gespeichert werden, sondern im Grunde sofort wieder vergessen werden. Vernehmen und vergessen. Vielleicht ist dabei irgendetwas geschehen oder auch nicht. Es ist nicht wichtig. Nichts muss erreicht werden.
GDies ist keine Statue von Siddharta Gautama, die man anbeten sollte, sondern eine visuelle Metapher für „die bewegungslose Versenkung der Tathāgatas, die die geistige Ch’an-Haltung jener beinhaltet, die für immer den Kreislauf von Geburt und Tod verlassen haben.“ Mein Gott klingt das schon wieder bombastisch! Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, sagt man. Das, was dieses Bild auszudrücken versucht, ist stets gegenwärtig als „ich“ – ohne jede Form, ohne jede Vorstellung, nicht zu erreichen, weil es nie nicht ist. Aber wo ist es denn zum Kuckuck! – Wo ist es nicht?

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