Huineng: der Geist derMenschen


B

Huineng: „Eben in dem Augenblick, in dem du nicht an Gutes und nicht an Böses denkst, kehre zu dem zurück, was du warst, ehe dein Vater und deine Mutter geboren wurden.“ Bei diesen Worten gelangte Wei-ming zu einem plötzlichen, schweigenden Begreifen. Er verneigte sich bis zur Erde und sprach: „Ich bin wie ein Mensch, der Wasser trinkt und in sich selbst erfährt, dass es kalt ist. Dreißig Jahre habe ich bei dem Fünften Patriarchen und seinen Schülern gelebt, aber erst heute bin ich fähig, die Fehler meines früheren Denkens zu verbannen.“ Der sechste Patriarch antwortete: „Genau das. Nun verstehst du endlich, warum der Erste Patriarch, als er aus Indien kam, unmittelbar auf den Geist der Menschen deutete, durch den sie ihr wahres Wesen erfassen und zu Buddhas werden konnten, und warum er niemals etwas anderes sagte.

Wissen wir nicht, dass Kāshyapa , als er von Ānanda gefragt wurde, was der von aller Welt verehrte mit dem goldenen Gewand zusammen übermittelt habe, ausrief: ‚Ānanda!‘ Und als Ānanda ehrfurchtsvoll antwortete: ‚Ja?‘, fuhr er fort: ‚Wirf die Fahnenstange am Eingang des Klosters zu Boden.‘ Dies war das Zeichen, das der Erste (indische) Patriarch ihm gab. Dreißig Jahre lang hatte der weise Ānanda dem Buddha persönlich gedient. Da er aber sehr auf das Ansammeln von Erkenntnissen bedacht war, tadelte ihn der Buddha: ‚Wenn du auch tausende von Tagen Erkenntnis suchst, so wird dies weniger nützen, als wenn du einen Tag lang den Weg richtig erforschst. Erkennst du ihn nicht, wirst du nicht imstande sein, auch nur einen einzigen Tropfen Wasser zu verdauen.'“

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

L

Kāshyapa und Ānanda stehen für mich für Ch’an/Zen einerseits und Buddhismus andererseits. Das soll jetzt keine historische Wahrheit sein, sondern die beiden Nachfolger Buddhas sind für mich einfach Symbole für zwei sehr unterschiedliche Grundhaltungen. Ānanda glaubte anscheinend, dass er durch das Ansammeln, Verstehen und Umsetzen von Buddhas Hinweisen zum Ziel der Erleuchtung kommen könne, während Kāshyapa wie später Bodhidharma „unmittelbar auf den Geist der Menschen deutete, durch den sie ihr wahres Wesen erfassen und zu Buddhas werden konnten.“ Buddha bestimmte ihn und nicht Ānanda zu seinem Nachfolger, weil ihm wohl mehr als allen anderen das intuitive Erfassen, das schweigende Begreifen geschehen war.

„Wei-ming sagte: Ich bin wie ein Mensch, der Wasser trinkt und in sich selbst erfährt, dass es kalt ist.“ Niemand muss ein Hochschulstudium absolviert haben oder besonders schlau sein, um die Kälte des Wassers, das er gerade trinkt, in sich selbst zu erfahren. Was, könnte man sich fragen, muss denn um Gottes willen passieren, dass jemand nicht mehr die Kälte des Wassers, das er gerade trinkt, in sich selbst erfährt? Ich würde es so sagen: Dieser jemand muss innerlich so sehr mit etwas beschäftigt sein, was nicht da ist, dass er das, was da ist, einfach nicht mehr wahrnimmt.

Z

Auf der Darstellung lenkt das Buch den Herrn Professor davon ab, eine vorbeigehende Studentin zu bewundern. Das Buch ist zu sehen und die Studentin auch. Das, was war, ehe dein Vater und deine Mutter geboren wurden, ist nicht zu sehen. Um wieviel verständlicher ist es hier, von was auch immer erscheinen mag, abgelenkt zu sein.

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