Tschuangtse: Vom höchsten Gut


TMein Meister sprach: Der SINN schirmt und trägt alle Wesen; unendlich ist seine Größe.

  1. Ihm gegenüber muss der Edle alles eigne Streben aus seinem Herzen verbannen.
  2. Was wirkt, ohne zu handeln, heißt der Himmel.
  3. Was Begriffe erzeugt, ohne zu handeln, heißt das LEBEN.
  4. Die Menschen lieben und den Dingen nützen, das heißt Güte.
  5. Das Nicht-Übereinstimmende übereinstimmend machen, das heißt Größe.
  6. Die Grenzen und Verschiedenheiten zu überwinden, das heißt Weitherzigkeit.
  7. Zahllose Widersprüche besitzen, das heißt Reichtum.
  8. Festhalten an den Prinzipien des LEBENS, das heißt Herrschaft.
  9. Verwirklichtes LEBEN, das heißt Beständigkeit.
  10. Anschluss haben an den SINN, das heißt Vollkommenheit.

Der Edle, der in diesen zehn Dingen erleuchtet ist, zeigt die Größe seines Herzens darin, dass er über seinen Werken steht. Sein Einfluss übt auf alle Wesen eine anziehende Macht aus. Wer also ist, der lässt das Gold verborgen liegen in den Bergen und die Perlen verborgen liegen in der Tiefe. Nicht Güter und Besitz sind ihm Gewinn. Er hält sich fern von Reichtum und Ansehen. Langes Leben ist ihm nicht Grund zur Freude; frühzeitiger Tod ist ihm nicht Grund zur Trauer. Erfolg bedeutet für ihn keine Ehre; Misserfolg bedeutet für ihn keine Schande. Und würden ihm alle Schätze der Welt gehören, er hält sie nicht fest als sein eigenes Teil. Und wäre er Herrscher der ganzen Welt, er sieht darin nicht eine persönliche Auszeichnung. Seine Auszeichnung ist es, dass er erschaut, wie alle Dinge eine Heimat haben und Leben und Tod gemeinsame Zustände sind.

aus: Tschuang-tse, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland.“

ZBei den DeMolays, dieser Freimaurerjugendorganisation, gab man uns sieben Tugenden mit auf den Weg, die wir in unserem Alltag verwirklichen sollten. Bei unseren Treffen sollten wir über diese Tugenden sprechen und uns darüber austauschen, wie wir sie verwirklichen könnten. Dass unsere Gespräche über die Tugenden meistens nicht im Sinne der Erfinder abliefen, sei nur am Rande erwähnt. Schließlich „sollten“ aus uns ja mal rebellische 68er werden und keine amerikanischen Präsidenten. Als ich den Tschuang-tse Text las, musste ich unwillkürlich an die Zeit damals denken. Das ist halt der bemerkenswerte Unterschied zwischen der Krone der Tugenden der DeMolays und dem, um was es Tschuang-tse in seinem Text geht.
KDas, was Tschuang-tse da auflistet, sind keine Tugenden, die man anstreben sollte, sondern seine Beschreibung des „Edlen“. „Wer also ist, der lässt das Gold verborgen liegen in den Bergen und die Perlen verborgen liegen in der Tiefe“, sagt Tschuang-tse. Er spricht  von einem IST-Zustand und nicht von einem SOLL-Zustand, wie etwa der Freimaurer Johann Wolfgang von Goethe: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Aber vielleicht war auch das von Goethe nie als SOLL-Zustand gemeint, sondern ganz im Sinne Tschuang-tses als reine Beschreibung ohne den geringsten Aufforderungscharakter. Ich weiß es nicht. Ich muss halt bei den Freimaurern immer an den rauen Stein und den Hammer denken, mit dem man den Stein zu einem brauchbaren Stein im Gesamtbauwerk machen sollte. Aber wie gesagt, ich habe keine Ahnung. Ich hatte es nur bis zum Lehrling gebracht, als ich wieder auf Wanderschaft ging.
R„Der Edle, der in diesen zehn Dingen erleuchtet ist, zeigt die Größe seines Herzens darin, dass er über seinen Werken steht.“ Er steht über seinen Werken, indem er „seine“ Werke nicht als seine Werke betrachtet. Genau deshalb lässt er auch das Gold verborgen liegen in den Bergen und die Perlen verborgen liegen in der Tiefe. Es ist alles nicht Seins. Nicht weil ihm das jemand gesagt hätte, sondern weil er es einfach nicht fühlen kann. Der Gedanke und das Gefühl „meins“ tauchen einfach nicht auf. Gedanke und Gefühl „meins“ tauchen jedoch unweigerlich auf, wenn es scheinbar ein Ich und damit einen Handelnden gibt. Der Edle ist kein Edler, weil er sich darum bemüht hat, ein Edler zu werden, sondern weil er ein Edler ist, ohne irgendeine Ahnung davon zu haben. Frag mich bloß keiner, warum der eine ein Edler ist und der andere nicht. Spekulativ könnte ich sagen, weil diese Traumwelt eben polar ist. Und so braucht es für jeden Edlen einen Unedlen. Krishna hat da in der Bhagavad Gita eine andere Rechnung. Ich hab’s nicht genau im Kopf: Auf 10.000 Unedle ein Edler oder so. Na, Prost Mahlzeit. Wenn das so ist, braucht einen gar nix mehr zu wundern.
N

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