Jean Klein: der Verstand ist ETWAS, Stille ist NICHTS


KStille bedeutet nicht, einen friedlichen Verstand zu haben, da ein friedvoller Verstand ETWAS ist und Stille NICHTS. Der Verstand kann zeitweise ruhig sein, aber das ist nicht Stille. Sobald wir zur Stille jenseits des Verstandes erwacht sind, wird der Verstand aufhören erregt zu sein, er wird auf seine Funktionsweise beschränkt, die Bewegung ist. Stille wird von dieser Bewegung nicht im Geringsten beeinflusst. Es ist nicht richtig zu sagen, dass es in der Stille keine Verstandesfunktionen mehr gibt. Es ist die Natur des Verstandes, sich zu bewegen, auch wenn es spontane Augenblicke der Nicht-Bewegung geben kann, wenn der Verstand aussetzt durch Wunder, Erstaunen oder Bewunderung oder durch irgendein unerwartetes Ereignis, zu dem sich keine frühere Erfahrung in Beziehung setzen lässt, oder in dem Augenblick, nachdem ein begehrtes Objekt erreicht worden ist. Funktion und Nicht-Funktion gehören dem Verstand an, aber sie tauchen in der Stille auf, die keine Funktion ist, und lösen sich darin wieder auf.

aus: Jean Klein, „Nichts als Gegenwart“

MGestern hatte ich ja das Denken in der Mangel. Das Denken, das für viele auf dem sog. spirituellen Weg so diskreditiert wird. Jean Klein gibt da einen wichtigen Hinweis: „Der Verstand kann zeitweise ruhig sein, aber das ist nicht Stille.“ Wie oft habe ich von jemandem den Satz gehört, man solle „in die Stille gehen“. Oder „ich gehe in die Stille“. Ich gehe jetzt in die Stille und – „Tschü-üss.“ Ich bin gerade hier und gehe jetzt dahin. „Ich wandle still, bin wenig froh. … dort, wo ich (gerade) nicht bin, dort ist das Glück.“ Und ich wandle von einem Ort zum anderen. Ich, ich, ich. Und nun kommt dieser Jean Klein daher und sagt: „Der Verstand kann zeitweise ruhig sein, aber das ist nicht Stille.“ Als ob das zeitweise Schweigen des Verstandes irgendetwas damit zu tun hat, dass man jetzt Stille erreicht hätte! Man setzt sich auf sein Zafu, schließt die Augen, atmet ruhig, versucht ganz hier und jetzt zu sein, … Nichts dagegen. Das kann vielleicht sehr erholsam sein, aber mit der Stille, auf die Jean Klein aufmerksam machen will, hat das absolut nichts zu tun. Stille kann nicht  gemacht und nicht erreicht werden. Stille ist. Das ist nicht wie in der Schule, wo die Lehrerin sagt: „So Kinder, jetzt wollen wir mal alle ganz still sein!“

SStille wird von dem Erscheinen des Gedankens „Stille ist“ in keiner Weise berührt. Es spielt keine Rolle, ob der Gedanke „wahr“ ist oder nicht. Er taucht auf und verschwindet, während Stille jenseits von Zeit, jenseits von Raum, jenseits von jeder Bewegung ist. Osho sprach oft von „Meditation auf dem Marktplatz“. Das heißt nichts anderes als, dass jedes ETWAS aus dem NICHTS geboren wird, dieses aber in keiner Weise berühren kann. Wenn also kein ETWAS je das NICHTS berühren kann, jedes ETWAS jedoch sehr wohl jedes ETWAS, dann wäre es vielleicht doch ratsam, auf jedes ETWAS zu achten. Schließlich geht auch vermutlich niemand noch einmal zu einem Chirurgen, der ihm das falsche Bein amputiert hat. Ein bisschen Qualität darf’s dann eben doch schon sein. Und darin dürfen wir getrost die Qualität unseres Denkens miteinschließen. Klares Denken hat noch niemandem geschadet.

V

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Eine Antwort zu Jean Klein: der Verstand ist ETWAS, Stille ist NICHTS

  1. Nitya schreibt:

    Ich habe mal den Begriff „Verstand“ ersetzt durch den Begriff „Krieg“. Das liest sich dann so:

    Stille bedeutet nicht, einen friedlichen Krieg zu haben, da ein friedvoller Krieg ETWAS ist und Stille NICHTS. Der Krieg kann zeitweise ruhig sein, aber das ist nicht Stille. Sobald wir zur Stille jenseits des Krieges erwacht sind, wird der Krieg aufhören erregt zu sein, er wird auf seine Funktionsweise beschränkt, die Bewegung ist. Stille wird von dieser Bewegung nicht im Geringsten beeinflusst. Es ist nicht richtig zu sagen, dass es in der Stille keine Kriegsfunktionen mehr gibt. Es ist die Natur des Krieges, sich zu bewegen, auch wenn es spontane Augenblicke der Nicht-Bewegung geben kann, wenn der Krieg aussetzt durch Wunder, Erstaunen oder Bewunderung oder durch irgendein unerwartetes Ereignis, zu dem sich keine frühere Erfahrung in Beziehung setzen lässt, oder in dem Augenblick, nachdem ein begehrtes Objekt erreicht worden ist. Funktion und Nicht-Funktion gehören dem Krieg an, aber sie tauchen in der Stille auf, die keine Funktion ist, und lösen sich darin wieder auf.

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