Watts: Abhängigkeit von allen anderen Formen des Lebens


AIch habe noch nie einen Heiligen oder Weisen getroffen, der nicht irgendwelche menschliche Schwächen hatte. Denn solange man sich in einem menschlichen oder tierischen Wesen manifestiert, muss man andere Lebewesen töten, um zu essen, und muss man die Einschränkungen seines eigenen Organismus akzeptieren, der durch Feuer immer noch verbrannt wird und in dem eine Gefahr Adrenalinsekretion bewirkt. Die Moral, die sich aus diesem Weltverständnis ergibt, ist vor allen Dingen, dass man offen seine Abhängigkeit von Feinden, Untermenschen, Out-Groups und in der Tat von allen anderen Formen des Lebens anerkennt. Sosehr man auch in die Konflikte und Wettspielchen des Alltagslebens eingespannt sein mag, man wird nie mehr der Illusion verfallen können, dass der „Angreifer“ vollkommen im Unrecht ist und ausgelöscht werden sollte. Dafür tauscht man die unschätzbare Fähigkeit ein, sich von Konflikten nicht überwältigen zu lassen, zu Kompromissen bereit zu sein und sich anzupassen; man gewinnt die Fähigkeit zu spielen, und zwar mit Gelassenheit spielen zu können. Das entspricht dem, was mit „Ganoven-Ehre“ bezeichnet wird, denn die wirklich gefährlichen Leute sind diejenigen, die nicht dazu stehen, dass sie Ganoven sind – jene Unglücklichen, die die Rolle  der „Guten“ mit solch blindem Eifer spielen, dass sie sich dessen nicht bewusst sind, wieviel sie – was den eigenen Status anbelangt – den „Bösen“ verdanken. Um die Bibel zu paraphrasieren: „Liebet eure Konkurrenten und betet für diejenigen, die eure Preise unterbieten“. Wo wären wir ohne sie? Die politische und persönliche Moral des Westens, insbesondere in den Vereinigten Staaten, ist – weil der Sinn für diese Zusammenhänge fehlt – äußerst schizophren. Sie ist eine monströse Kombination von kompromisslosem Idealismus und skrupellosem Gangstertum, und es mangelt deshalb an dem Humor und der Menschlichkeit, sich als eingestandene Schurken zusammenzusetzen und vernünftige Dinge auszuhandeln.

aus: Alan Watts, „Die Illusion des Ich“

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„Eine monströse Kombination von kompromisslosem Idealismus und skrupellosem Gangstertum“ – nackt mit Silikonkissen in den Brüsten „in aufreizender Pose“ und züchtig zugleich mit schwarzen Balken „das Schlimmste“ bedeckend. So hätte man eigentlich die Freiheitsstatue gestalten müssen, um diese monströse Kombination vor aller Augen sichtbar zu machen.

Was ist eigentlich so schwer daran, vor sich und allen anderen seine Abhängigkeit von allem um sich herum einzugestehen? Alan Watts sagt: „Solange man sich in einem menschlichen oder tierischen Wesen manifestiert, muss man andere Lebewesen töten, um zu essen, und muss man die Einschränkungen seines eigenen Organismus akzeptieren, der durch Feuer immer noch verbrannt wird und in dem eine Gefahr Adrenalinsekretion bewirkt.“ Das ist eine ganz gemeine Aussage für all diejenigen, die so gerne edel, hilfreich und gut wären. Die wollen das für keinen Preis wahrhaben, geben ihrem Hund Salat zu fressen und lieben ihren Nächsten, ob er will oder nicht. Sie tun alles, wirklich alles, um ÜBER der menschlich-tierischen Natur zu stehen. In Wahrheit aber, so Alan Watts, sind wir alle Ganoven und unsere Ganoven-Ehre gebietet eigentlich, dass wir auch dazu stehen. Statt „Ich bin ein Berliner“ hätte Kennedy lieber sagen sollen: „Ich bin ein Ganove“.

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Aber nein, aber nein, wir wollen ja immer etwas Besseres sein. Wenn schon nicht gottgleich, so doch zumindest gottähnlich, wie immer wir uns auch Gott vorstellen mögen. Das ganze Theater veranstalten wir nur aus einem einzigen Grund: Wir wollen mächtiger sein als der Rest der Welt: „Macht euch die Erde untertan!“ Daran arbeiten wir nun verzweifelt seit Adam und Eva. Ein Räuberhauptmann ist eine vergleichsweise ehrliche Haut. Er steht zu seinem Gewerbe. Wirklich beherrscht wird die Welt jedoch von Räubern im Pfaffenkostüm, die im Namen Gottes, im Namen der Demokratie, der Gerechtigkeit, der Freiheit oder was weiß ich für einen Unsinn millionenfach morden, rauben, unterdrücken.

Alan Watts sagt: „Die wirklich gefährlichen Leute sind diejenigen, die nicht dazu stehen, dass sie Ganoven sind – jene Unglücklichen, die die Rolle der ‚Guten‘ mit solch blindem Eifer spielen, dass sie sich dessen nicht bewusst sind, wieviel sie – was den eigenen Status anbelangt – den ‚Bösen‘ verdanken.“ Ich muss gestehen, dass ich mich mit den Ganoven zeit meines Lebens entschieden wohler gefühlt habe, als mit den Frömmlern. Jesus muss es ähnlich gegangen sein: „Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Schulen und an den Ecken auf den Gassen, auf dass sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin.“ (mt 6,5) Vive les scélérats!

GWas ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?
Bert Brecht

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3 Antworten zu Watts: Abhängigkeit von allen anderen Formen des Lebens

  1. fredoo schreibt:

    „““Ich habe noch nie einen Heiligen oder Weisen getroffen, der nicht irgendwelche menschliche Schwächen hatte.“““

    Ich möchte sagen , Gott sei Dank … Allzumal ich schon immer einen Würgereiz verspürte , wenn sich da irgendwelche Nasen , „die davorne sitzen“ zum PerfektPopanz aufblasen, oder aber ersatzweise ihre devotesten Epigonen , ihnen einen Besonderheitsstatus der idealsten Vorstellung eines Menschen zuschreiben …
    Seltsam genug , als ich meine fast schon körperliche Aversion gegen diese „IdealPuppies davorne“ erstmals nach fast 30 Jahren überwand , waren es gerade die Macken und liebenswerten Unperfektheiten dieser Version „DavorneSitzer“ , die mich erstmals so etwas wie „Liebe und tiefe Sympathie“ für eine solche Figur empfinden lies …
    Und das folgende Zitat ruft noch heute breitestens Grinsen bei mir hervor : „Es mag sein , dass dich manche Leute für erleuchtet halten … Deine Frau wird dir nur schmunzelnd den Abfalleimer in die Hände drücken … und wie Recht sie damit hat , der Müll muss in die Tonne !“ …

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  2. ananda75 schreibt:

    Marilyn Monroe hätten sie auch nehmen können als Freiheits-Statue – die verkörpert doch auch das Ideal – nach außen schön und innen todunglücklich.
    Ein gutes Beispiel für die heutige Zeit sind auch die Fahrrad-Fahrer in unserem Stadt-Teil – finden sich ganz toll weil sie ökologisch Fahrrad fahren und fahren auf dem Fußgängerweg die Leute über den Haufen.
    Man könnte die Liste endlos fortsetzen – problematisch wird es immer da, wo Menschen etwas darstellen wollen – oder sollen … und keiner weiß mehr, wer er ist und was er will…
    https://ananda75.wordpress.com/2016/08/08/die-antwort-meiner-mutter/

    Alles Liebe – genau da fängt’s übrigens und nämlich an – sich selbst zu lieben, von den anderen mal ganz abgesehen
    Also, noch mal🙂
    Alles Liebe von Ananda❤

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  3. gnosis schreibt:

    “ Ich muss gestehen, dass ich mich mit den Ganoven zeit meines Lebens entschieden wohler gefühlt habe, als mit den Frömmlern. Jesus muss es ähnlich gegangen sein“

    Was manchmal bei gewissen mystischen Interpretationen der Jesus-Geschichte verloren geht, ist, nun ja, die Jesus-Geschichte: Ein Typ mit nem Vaterkomplex und ganzheitlichem Bewusstsein, der es nicht hinbekommt, dieses Bewusstsein anders zu channeln als durch seine jüdische Religion, gegen die er dann herzerweichend aufbegehrt und die Rolle des guten Jungen so konsequent spielt, dass er selbst bei seiner Höllenfahrt noch ein paar Leute rettet. Was für ein Ganef!

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