Leo Hartong: Gewahrsein drückt sich durch alles aus

 

GFrage: Ohne Körper und Gehirn könnten wir nicht einmal über das Konzept des Gewahrseins sprechen, oder? Benötigt Gewahrsein  demzufolge nicht den Körper und das Gehirn?

Leo: Ohne diese Körper würde es diese spezifischen Körper/Gehirn-Aktivitäten nicht geben. Dennoch braucht Gewahrsein keine Körper und Gehirne; Gewahrsein drückt sich ALS Körper/Gehirne und alles andere aus. Zu sagen, dass Gewahrsein von den Formen abhängt, ist wie zu sagen, dass Gold vom Ohrring abhängt, um Gold sein zu können. Gold ist Gold und es hängt von keiner angenommenen Form ab; es ist der Schmuck, der vom Gold abhängt. Auf dieselbe Weise wäre es sehr viel zutreffender zu sagen, dass Körper vom Gewahrsein abhängen, um funktionieren zu können. Vielleicht ist „Gewahrsein“ nicht das richtige Wort für dich, sondern Sein, Leben, intelligente Energie oder ES. ES drückt sich als Gedanke durch das Gehirn aus, als Duft durch die Rose und als Süße durch den Honig.

aus: Leo Hartong, „Betrachtungen vom Spielfeldrand“

K

Das ist eine sehr beliebte Frage: Verschwindet Gewahrsein, wenn der Körper mit seinen Wahrnehmungsorganen und seinem Gehirn verschwindet? Oder anders gefragt: Verschwindet die Welt, wenn ich nicht mehr bin, der sie wahrnimmt? Oder: Gab es überhaupt eine Welt, bevor der Mensch auftauchte?

Bei Mose, 1 finden wir den Hinweis: „Und Gott machte die Tiere auf Erden, ein jegliches nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art, und allerlei Gewürm auf Erden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“ Die Tiere machte Gott am 5., die Menschen am 6. Tag. Die Antwort der Bibel auf die letzte Frage ist also: Bevor es den Menschen gab, gab es schon die Welt. Die zweite Frage ließe sich mit einer Gegenfrage beantworten: Warst du denn je, bevor du nicht „mehr“ warst? Auf die erste Frage geht Leo Hartong ausführlicher ein. Er vergleicht Gewahrsein mit Gold und fragt: Kann es ein goldenes Ohrgehänge ohne Gold geben? Die Antwort liegt auf der Hand. Ein goldenes Ohrgehänge ist ohne das Material Gold nicht möglich.
BIch könnte weiter fragen: Ist Gold ohne Ohrgehänge, Krone, Becher, Ring oder irgendeine andere Form möglich und komme zu dem Schluss, dass Gold immer eine Form braucht, und sei es die Form einer Goldader im Gestein. Wir hatten das schon einmal beim Thema Shiva (Gold) und Shakti (Form): Shakti ist identisch mit Shiva. Es gibt keinen Unterschied zwischen Shiva und Shakti, so wie es keinen Unterschied gibt zwischen dem Feuer und seiner brennenden Kraft. So wie man Hitze nicht von Feuer trennen kann, kann man Shakti nicht von Shiva trennen. Shiva und Shakti sind eins. Sie sind lediglich zwei konzeptuelle Aspekte ein und desselben. Leo Hartong sagt: „ES drückt sich als Gedanke durch das Gehirn aus, als Duft durch die Rose und als Süße durch den Honig.“ ES, das Gewahrsein oder Shiva drückt sich durch Shakti aus, durch alles, was erscheint, durch alles, was geschieht. Namaste bedeutet: In allem, was erscheint und geschieht, wird Shivas Ausdruck erkannt. In allem, ohne jede Ausnahme.

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23 Antworten zu Leo Hartong: Gewahrsein drückt sich durch alles aus

  1. Swami Prem Punito schreibt:

    Heut verstehe ich mal wieder NICHTS , Lieber NItya .
    Herzlichst
    Punito
    P.S. So habe ich gehört …..
    vor Tausenden von Lebzeiten, als mein Körper von König Kalinga in Stücke gerissen wurde, war ich nicht der Vorstellung von einem Selbst, einer Person, einem Lebewesen oder einer Lebensspanne verhaftet. Wäre ich zu jener Zeit in eine dieser Vorstellungen verstrickt gewesen, so hätte ich dem König gegenüber ein Gefühl des Ärgers und des Übelwollens empfunden.

    Ich erinnere mich auch, in alten Zeiten, fünfhundert Lebzeiten lang, vollkommene Geduld praktiziert zu haben und nicht in die Vorstellung von einem Selbst, einer Person, einem Lebewesen oder einer Lebensspanne verstrickt gewesen zu sein. Wenn, Subhuti, ein Bodhisattva den unübertrefflichen Geist des Erwachens entwickeln will, muss er alle Vorstellungen aufgeben. Er kann sich nicht auf Form stützen, will er diesen Geist entwickeln, noch auf Klang, Ton, Geruch, Geschmack, Berührbares oder Objekt des Geistes. Nur den Geist kann er entwickeln, der an nichts verhaftet ist.

    Der Tathagata hat erklärt, dass alle Vorstellungen Nicht-Vorstellungen sind und alle Lebewesen Nicht-Lebewesen. Subhuti, der Tatagatha spricht von den Dingen so, wie sie sind, er sagt, was wahr ist und mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Er spricht nicht trügerisch oder um Menschen zu gefallen. Subhuti, wenn wir sagen, dass der Tathagata eine Lehre erkannt und verwirklicht hat, so ist diese Lehre doch weder als wahr noch als trügerisch zu erfassen……..
    Das Vajracchedika Prajnaparamita Sutra
    (Aus: Thich Nhat Hanh / Das Diamant-Sutra )

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  2. Brigitte schreibt:

    Lieber Punito,
    ja, so gehts mir auch manchmal. Ich lese einen Text und das in Worte gewandete erreicht mich gar nicht. Kein Verstehen oder Nicht-Verstehen scheint nötig zu sein in diesem Moment. Da ist einfach schauen, wahrnehmen, stillsein mit dem, was grad hier ist. Es ist, als wäre der Verstand davon geflogen.

    Herzgruß, Brigitte

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  3. fredoo schreibt:

    das kenne ich auch …
    dieses „einfach nicht kapieren können“
    einerseits … gibt es da den spruch von irgendeinem der immer so klug daher schwätzen kann :
    „was du nicht mit einfachen worten ausdrücken kannst , hast du nicht verstanden“
    andererseits … kann ich aus eigenem berichten , dass kaum etwas gesagtes/geschriebenes dann so fruchtbar und irgendwie „weiterführend“ war , wie das , was ich anfangs „einfach nicht kapieren konnte , bzw. wollte ( ! ) “ …
    also … es könnte sich lohnen , da genau „dran zu bleiben“ …

    und wenn nicht , ist das „nicht“ auch höchst interessant …😀

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    • Nitya schreibt:

      Da kann man jedem nur den Wei Wu Wei empfehlen, um diese Erfahrung zu machen.🙂

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      • fredoo schreibt:

        yep … dessen texte hab ich mir geradezu vokabel für vokabel erkämpft … und bin dem ochs vorm scheunentor nicht entkommen … aber irgendetwas „duftete da durchs scheunentor hindurch , was mich dran bleiben liess … und irgendwann als ich geradezu gewöhnt entspannt in dieser „ochs“nummer erschien das erste „ach sooo“ … dem viele folgten … meine (anfangs völlig unbewusste) „methode“ war eine art stoisches einfach dranbleiben … manchmal wirklich wort für wort halbwegs verstehend erschliessen und dann als ich wohl meinen frieden mit meiner beschränktheit gemacht hatte , zeigte sich von ganz allein mehr und mehr tiefe in diesen texten … soweit , dass ich , wenn man mich fragte welche drei bücher ich auf die einsame insel mitnehmen würde , das „offenbare geheimnis“ sicher aufzählen würde …

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      • Brigitte schreibt:

        Lieber Nitya, erinnerst du dich an den einen Abschnitt ziemlich am Anfang des Buches? Den find ich so köstlich. Da schreibt er (habs eben vorgeholt):

        „Und sollte einer meiner Leser plötzlich (bevor ich selbst soweit bin) begreifen, dass das Geheimnis in der Tat gänzlich offenbar ist, werde ich mindestens genauso glücklich sein wie er. Ist das nicht großzügig von mir? Nein, wirklich nicht, denn im Bemühen das offenbare Geheimnis zu ergründen, sollten wir zumindest wissen, dass dies keinem von uns möglich wäre, wenn da in diesem Augenblicke wirklich einer wäre, es zu tun!“

        Herrlich und so auf dem Punkt🙂

        Du hast mich inspiriert, erneut darin zu lesen. Und ich weiß bereits jetzt, es wird ein außerordentliches Vergnügen sein😉

        Lieben Gruß, Brigitte

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      • Nitya schreibt:

        Nein, liebe Brigitte, die von dir zitierte Stelle war mir nicht mehr gegenwärtig. Danke für die Erinnerung!

        „Ich suche das Mysterium zu ergründen, wohl wissend, dass es nur ein scheinbares ist; ich suche das Geheimnis zu enthüllen, wohl wissend, dass es offenbar ist; und dies in der Sprache unserer Zeit, indem ich die Worte so genau, so sorgfältig wie möglich wähle, und – wie in Philosophie und Wissenschaft – Kauderwelsch und Fachjargon über Bord werfe. Alle Leser, denen mein Vorgehen zusagt, lade ich ein, sich mir in meinem geduldigen Bemühen anzuschließen Dabei folgen wir vor allem dem Rat der alten Meister aus China, ohne dabei die aus anderen Nationen und Glaubensrichtungen zu vernachlässigen.“ Es ist wunderschön, seine Schlichtheit und Aufrichtigkeit zu spüren.

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      • Brigitte schreibt:

        … ja, wunderschön. Danke🙂

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    • Brigitte schreibt:

      so enthüllt sich das vorerst Verborgene ganz von selbst🙂

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      • Eno Silla schreibt:

        „so enthüllt sich das vorerst Verborgene ganz von selbst“
        sich selbst
        und kann sich doch nicht enthüllen
        und ist damit ganz enthüllt
        da bin ich
        nur noch
        null
        allesumfassend
        nicht zu
        fassen

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      • Brigitte schreibt:

        Lieber Eno, danke für deine Ergänzung. Heute ist mir ein Video über Quantenphysik zugefallen. Weiß jetzt nicht, ob du dich dafür interessierst. Ich stelle es einfach mal hier rein, da ich ganz spannend finde, welche Erkenntnisse die Quantenphysik auf diesem Gebiet so hergibt. Liebe Grüße an Dich.

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      • Eno Silla schreibt:

        Liebe Brigitte,

        danke für den Link, es interessiert mich sehr und ich schaue mir das Filmchen nachher an. Es ist für mich so, dass ich mehr und mehr lerne (wieder erlerne), alles, was mir in diesem Jetzt-Sein begegnet, mit mehr und mehr Interesse zu betrachten, weniger und weniger auf diese alles kommentierende Stimme zu hören, die da immer mitläuft, und die dinge wieder frisch, neu, neutral, oder wie auch immer man es bezeichnen mag, zu betrachten und ich fühle dabei wieder eine so lange vermisste kindliche Freude…
        Ich bin jetzt ein paar Tage auf Reisen, hab einen Auftrag in Berlin. Ich hab da wohl keine Internetzeit, also keine Zeit für diesen Blog.

        Ganz liebe Grüße

        Eno

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      • Brigitte schreibt:

        So ist es, lieber Eno. Sich dem Moment vollständig hinzugeben und total zu genießen. Ohne Grund. Einfach so. Das ist Lebendigkeit und Freude pur. Was gibt es Schöneres. Eine gute Reise und eine schöne Zeit in Berlin. Bis bald!

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  4. fredoo schreibt:

    oh ich liebe ihn und seine worte auch sehr … diesen stets um die akuratess der wortwahl bemühten terence gray , der genau damit , die oft unsichtbare „tiefe“ unserer sprache würdigt …

    es kann wohl nie genau formuliert werden , was da IST … man kann sich aber schon um das vermeiden der plumpesten missverständnisse bemühen … meint herr fredoo …

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  5. fredoo schreibt:

    auch von mir mal ein Link .

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  6. Eno Silla schreibt:

    je öfter ich ihm zuhöre jetzt, desto sympathischer wir mir dieser kerl🙂 :

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