Leo Hartong: Es erscheint als „ich“, als „du“, …


D
Nicht ich bin es, der das Spiel spielt. Das ist einfach nur DAS. ES spielt mich. Es geht bedeutungsvoll/bedeutungslos voraus. Das sind einfach nur Bezeichnungen und Modifikationen im Strom des Lebens. Es gibt kein „Ich“ als Handelnden, nur DAS. ES erscheint ALS du, ich und alles andere. Jetzt wird gerade getippt. Jetzt – als du – wird gelesen. Jetzt erscheint der nächste Gedanke wie ein Bläschen in einem Glas Sekt. Daraufhin kann es zu einer Handlung kommen oder auch nicht. Das alles ereignet sich spontan, nicht für oder durch dich, sondern ALS wir. Nimm das nicht persönlich, weil es nicht persönlich sein kann … Der kosmische Witz ist, dass es kein „Du“ gibt, das versteht, das die Spielsachen aussucht, das das Spiel genießt oder das Leiden beendet. Es gibt nur eine Energie, die alle Gestalten und Formen annimmt und in allen möglichen Mustern vibriert. Da ist nur DAS. Es erscheint ALS Verstehen, ohne ein „Du“, das das Verstehen bewerkstelligt. Das „Ich“ in „ich denke“ (oder das „Ich“ in „ich“ verstehe) hat ebenso viel Substanz  wie das „Es“ in „es“ regnet.

Natürlich ist es in Ordnung, das Wort „ich“ zu benutzen wie das Wort „es“ – solange es als Abstraktion erkannt wird, die es ist.

aus: Leo Hartong, „Betrachtungen vom Spielfeldrand“

„Natürlich ist es in Ordnung, das Wort ‚ich‘ zu benutzen wie das Wort ‚es‘ – solange es als Abstraktion erkannt wird, die es ist.“ Schön, dass das mal gesagt wurde. Immer wieder tauchen Traumgestalten auf, die anderen Traumgestalten so etwas wie eine (Traum-)Erleuchtung zu- oder absprechen. Das ist richtig witzig. Aber mal grundsätzlich zum Thema Traum und im Zusammenhang damit das Tetralemma.

LIch hab die Geschichte sicher schon einmal erzählt, sei’s drum: Ein hinduistischer Meister sitzt am Ganges und guckt so vor sich hin auf das Fließen des Flusses, wie sich das gehört. Kommt ein junger Mann daher und sagt: „Meister, ich denke nur noch an Gott. Ihm habe ich mein ganzes Leben geweiht. Ihm gehöre ich. Ich kann Tag und Nacht an nichts anderes mehr denken. Bitte segne mich!“ Der Meister sagt gar nix. Stattdessen packt er den Kopf des jungen Mannes und tunkt ihn in die Wasser des heiligen Flusses. Er tunkt und tunkt so vor sich hin, dass man schon hätte annehmen können, dass er den jungen Mann völlig vergessen hätte. Dann, ganz plötzlich zieht er ihn wieder hoch und fragt: „Sag, an was hast du gedacht?“ Der junge Mann japst nach Luft und kann erst nach einer kleinen Ewigkeit das Wort herausstoßen: „Luft!“

Das war vor über 50 Jahren, dass ich das gelesen habe, aber wie ihr seht, ich habe die Geschichte nie vergessen. Und deshalb gefällt mir auch das Tetralemma so gut. „Alles ist ein Traum und nur ein Traum.“ Klar doch. Stimmt. – „Untergetaucht werden ist absolute Scheiße.“ Stimmt auch. Stimmt zu 100 %. Oh Mann, ist das Scheiße! – „Alles ist ein Traum und untergetaucht werden ist absolute Scheiße.“ Absolut richtig. Unterschreibe ich sofort. – „Weder ist alles ein Traum noch ist untergetaucht werden absolute Scheiße.“ Na ja, wenn ich nicht gerade untergetaucht werde, ist das alles ein einziges Wortgeklingel und ich habe keine Mühe, auch diesem Satz vollkommen zuzustimmen.

„Zen ist die größte Lüge aller Zeiten“, hat Kodo Sawaki gesagt und ich sage dasselbe über Advaita. Advaita pur ist das Langweiligste, was es gibt, schlimmer noch als Smalltalk in feiner Gesellschaft. Lasst euch das noch einmal auf der Zunge eures Geistes zergehen, was Ikkyû Sôjun in aller Kürze dazu zu sagen hatte:

Nur ein Kôan ist wichtig:
Du.

YObwohl du nur eine Traumfigur bist,
füge ich mal so dazu.

 

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3 Antworten zu Leo Hartong: Es erscheint als „ich“, als „du“, …

  1. fredoo schreibt:

    bedeutungslos
    meint nicht – ohne bedeutung
    es meint – ohne einen bedeuter

    was fehlt daran ?
    alles und nix
    hat das bedeutung ?
    keine ahnung
    was ändert das ?
    alles und nix
    hat das bedeutung ?
    immer noch
    keine ahnung

    und jetzt ?
    einatmen – ausatmen
    was sonst
    und wenn der atem endet ?
    hat ohnehin nix mehr eine bedeutung
    es endet also ohnehin alles in bedeutungslosigkeit
    aha …
    und nu ?
    was weiß denn ich

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  2. gabrielehappe schreibt:

    Die Geschichte mit dem Untergetauchten- genau! Da endet jedesmal meine Betrachtung des Lebens. Ich bin ein Traum und Zahnweh sind ganz schön echt! Wenn alles nur erscheint auf der Leinwand, die ich für mich halte und meistens Zahnweh und Untergetaucht werden auf meiner Leinwand erscheinen und beim Nachbarn der bessere Film abgespielt wird, findet das Traumich das gemein. Und alle Illusion auf einen anderen Sender umzuschalten vergebens, weil der Film da erscheint, wo er halt erscheint. Meine Fresse, ein schönes Tetralemma.

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