Weil: Die wesentliche Tendenz der Parteien ist totalitär


SDer Zweck einer Partei ist etwas Vages und Unwirkliches. Wäre er etwas Wirkliches, verlangte er eine große Anstrengung an Aufmerksamkeit, denn eine Konzeption des Gemeinwohls zu denken ist nicht leicht. Die Existenz der Partei ist greifbar, evident; sie zu erkennen, verlangt keine Anstrengung. So ist unweigerlich die Partei sich selbst ihr eigener Zweck. Und schon herrscht Götzendienst, denn legitimerweise ist allein Gott ein Zweck für sich selbst. Der Übergang ist leicht. Man setzt als Axiom: Die notwendige und zureichende Bedingung dafür, dass die Partei wirksam der Konzeption des Gemeinwohls dient, um dessentwillen sie existiert, ist der Besitz einer großen Menge Macht. Keine endliche Menge an Macht aber, zumal wenn sie einmal erlangt ist, kann je als zureichend gelten. Weil es ihr an Denken fehlt, befindet sich die Partei tatsächlich in einem fortwährenden Zustand der Ohnmacht, den sie stets der unzureichenden Menge an Macht zuschreibt, über die sie verfügt. Und wäre sie absolute Herrin über das Land, dann würden ihr die internationalen Zwänge enge Schranken setzen.

Die wesentliche Tendenz der Parteien ist somit totalitär, nicht nur hinsichtlich einer Nation, sondern hinsichtlich der ganzen Erde. Gerade weil die Konzeption des Gemeinwohls irgendeiner Partei eine Fiktion, ein leeres Ding ohne Wirklichkeit ist, muss sie nach totaler Macht streben. Jede Wirklichkeit impliziert von selbst eine Grenze. Was gar nicht existiert, lässt sich niemals begrenzen.  Deshalb besteht eine Affinität, ein Bündnis zwischen dem Totalitarismus und der Lüge.

aus: Simone Weil, „Anmerkungen zur generellen Abschaffung der politischen Parteien“


Parteien waren noch nie mein Ding, so wenig wie andere menschliche Organisationen, Vereinigungen, Gruppen. Ich bin und war schon immer ein Eigenbrötler. Trotzdem entschloss ich mich, einmal in eine Partei zu gehen, und zwar in die SPD und das zu dem Zeitpunkt, als Rainer Barzel 1972 im Parlament sein konstruktives Misstrauensvotum gegen Willy Brandt einbrachte. Es gab noch einen zweiten Grund für mich. Ich hatte mir eine Stammschule ausgesucht, von der aus ich meine Tätigkeit als Fortbildungsleiter gestalten konnte. Der Schulleiter tat alles, um mich in die CSU zu holen, und mir machte es eine diebische Freude, ihm meinen Beitritt in die SPD mitzuteilen. Auf diese Weise kam ich ganz unbeabsichtigt in die Situation, Erfahrungen im Inneren einer Partei zu machen. Alle meine Erfahrungen deckten sich vollkommen mit dem, was Simone Weil in ihrem Büchlein aufgezeigt hat: „Die wesentliche Tendenz einer Partei ist totalitär.“ Ihr Hauptziel ist Machterhalt und Machterweiterung im Sinne grenzenlosen Wachstums. Soll niemand glauben, dass dies nur für Parteien wie die NSDAP gilt. Es gilt für alle Parteien, im Prinzip für alle Organisationen.


Ich kannte mal jemanden, der zu Hause eine große Landkarte an der Wand hatte. In die steckte er immer wieder kleine Fähnchen, mit denen er für sich anzeigen wollte, welche neuen Gebiete er inzwischen wieder erobert hatte. Ein Mann, der die ganze Welt erobert. Ein Mann, ein Ego, und der Wunsch nach grenzenloser Machtentfaltung.

FWenn Simone Weil sagt, dass die wesentliche Tendenz einer Partei totalitär sei, so kann ich nur sagen, dass jedes Ego diese Tendenz hat. Ego bedeutet das Bewusstsein, getrennt von allem zu sein. Und da steht das Ego dann mutterseelenallein auf weiter Flur und hat eine grauenvolle Angst. Dieses Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit ist so unerträglich, dass sich das Ego wünscht, mächtig zu sei, allmächtig, um dieses grauenvolle Gefühl nicht mehr fühlen zu müssen. Es holt sich imaginäre Hilfe bei einem Gott, einem Führer, einer Partei, einem Verein und wenn es ein Fußball- oder Schrebergartenverein ist. Jetzt muss sich das Ego nicht mehr so ausgeliefert und allein fühlen und kann einigermaßen beruhigt seinen Größenwahn pflegen. Eine Partei besteht einfach aus einem Haufen durchgeknallter Egos.
P

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9 Antworten zu Weil: Die wesentliche Tendenz der Parteien ist totalitär

  1. kekabe schreibt:

    Guten Morgen lieber Nitya!😉
    Lange Zeit habe ich dieses Gemeinwohl im Hintergrund der Parteien gesucht, daran geglaubt…nur um zu erkennen, dass es hinter keinem einzigen Parteikonzept ein solches Ziel gibt. Die Zersplitterung ist lesbar an fast allem, was wir im Lande vorfinden – selbst innerhalb der Parteien. Du beschreibst es sehr schön, worum es geht: Um Macht. Doch wofür eigentlich? Welche Macht wollen sie haben? Was wollen sie mit ihr tun? Ich glaube, vor der Antwort würden wir sehr erschrecken. Sie haben keine konkreten Vorschläge gegen solche Erlässe, die die Spaltung immer weiter antreiben und fortführen.

    Schau dir das Bildungssystem an, die Inhalte der Lehrpläne…es werden Herden gezüchtet – Prozess – Erfüllungsgehilfen, die sich nicht einmal untereinander ob der Ländergrenzen austauschen können. – Zersplitterung. Entmachtung. Ja, von wem oder was eigentlich?!!!
    Da werden viele Unterrichtsstunden vergeudet mit der Lehre der „Form der Bewerbung“ auf dem späteren Arbeitsmarkt, der für die Schüler noch Jahre entfernt ist – so dass in den Schülern gar nicht erst der Gedanke an die EIGENmacht, den Willen und das SELBSTVERSTÄNDNIS aufkeimt, wenn sogar die Eltern die Prozesse mit Leben verwechseln.
    Doch das nur als Beispiel…

    Parteien sind geschlossene Systeme, deren Inhalt nicht ohne Grund undurchsichtig ist.

    Wie du siehst…ein Reizthema für mich.
    Und das so früh am Morgen!!! …Gleich ist der Kaffee fertig.🙂 Es regnet. Wie gemütlich…😀

    Lieben Gruß zu dir!
    Kerstin

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Kerstin,

      ich kann nur jedes Wort von dir unterschreiben. Das ist auch für mich ein einziges Reizthema und war es schon immer. Grund genug für mich, nach kurzer Zeit wieder aus der Partei auszutreten, Grund genug für mich, aus dem Schuldienst auszuteten. Eigentlich war ich mein Leben lang überwiegend damit beschäftigt, irgendwo auszutreten. Es ist eine Affenschande.

      Ich sehe, das Reizthema konnte dir nicht deinen Morgenkaffee vermiesen. Es regnet auch bei dir. Wie gemütlich, schreibst du. Siehst du, das ist auch eine Form auszutreten. Einfach seinen Kaffee zu genießen, den Regentropfen zuzugucken und es gemütlich zu haben. Meinen Glückwunsch!

      Herzlichst
      Nitya

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  2. Pingback: Weil: Die wesentliche Tendenz der Parteien ist totalitär | nit möööglich! – Andreas Große

  3. Brigitte schreibt:

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  4. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    konsum-kulturpolitisch betrachtet , bin ich ein treuer , parteilicher Wähler . Morgens eine schöne Tasse Kaffee : “ AAAHHH ! “
    Liebe Grüße
    Punito
    P.S. … Mensch sein – und Menschentum wahren . Braucht es dafür eine Parteigründung ,
    lieber Nitya ? Für mich sicherlich nicht !

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      • Eno Silla schreibt:

        ist es nicht diese sehnsucht
        diese unstillbare
        tiefe melancholie
        die uns antreibt
        die uns suchen lässt

        und ist es nicht das angekommen sein
        das immer fahl und hohl
        uns leer zurücklässt
        mit verblassenden farben
        die einstmals so grell und bunt
        uns glauben machten
        wir hätten gefunden

        so geht es weiter
        eine letzte zigarette noch
        ein letztes glas wein
        und ein goodbye an die
        schönheit des vergangenen
        auf dem weg
        zu neuen ufern

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  5. punitozen schreibt:

    Lieber Eno ,
    Dylans Neverending-Tour ha tauch jenes Schmankerl für seine “ Jünger der 1. Stunde “
    i m Angebot .
    Liebe Grüße Punito

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