Ramesh S. Balsekar: Der Witz an dem Ganzen


RWenn sich der Mind in Ruhe befindet und Gedankenstille herrscht, dann führt die erste Regung im Mind zu der beharrlichen Frage: Was ist der Sinn dieser ganzen Manifestation, in der wir alle wechselseitig erscheinen? Und wo ist der Ursprung?

Die Beharrlichkeit liegt an der Tatsache, dass das Bewusstsein, das sich fälschlicherweise mit dem individuellen psychosomatischen Apparat als das „Ich“ identifiziert hat, beständig seine eigene Quelle sucht. Und wie Nisargadatta Maharaj sagte, ist der Witz an dem Ganzen, dass einzig und allein Bewusstsein existiert; was das Bewusstsein daher als seine eigene Quelle sucht, ist es selbst! Die Suche hält solange an, bis das intuitive Erfassen geschieht, dass Bewusstsein das ICH-Gewahrsein ist, das sich seiner selbst nicht gewahr sein kann, weil Gewahrsein kein Selbst kennt, dessen es sich gewahr sein könnte. Getrennt und aufgespalten in erkennendes Subjekt/erkannte Objekte erkennt das ICH jeden konzeptuellen Gegenstand, der erkannt werden kann – außer das, was erkennt. Das was erkennt, ist unbegreifbar, da es keine Sache ist; und es ist keine Sache, da es unbegreifbar ist!

aus: Ramesh S. Balsekar, „Die Lehre erleben“

NHab ich nie in der Schule gehört. In welchem Fach denn auch? Das einzige Fach, das mir dazu einfällt, wäre Religion gewesen. Ausgerechnet Religion! Na ja, vielleicht hätte uns ein Pauker was beipulen können zum Beispiel in Griechisch. Heraklit hätte sich angeboten. Aber von dem hab ich in der Schule nie was gehört. Inhalte, Inhalte, Inhalte, … also Konzepte ohne Ende, aber nie etwas darüber, dass Bewusstsein das ICH-Gewahrsein ist und dass wir ohne dieses ICH-Gewahrsein alle einpacken könnten, weil es dann zappenduster wäre – aber nicht mal das würde dann noch wahrgenommen  werden. Bewusstsein oder ICH-Gewahrsein ist sich seiner selbst nicht gewahr, weil Gewahrsein kein Selbst kennt, dessen es sich gewahr sein könnte. Wen wundert’s also, wenn in der Schule nicht über etwas gesprochen wird, das in keiner Weise bewiesen werden kann.

 

Natürlich wird in der Schule über Gott gesprochen und sogar gesungen und niemand interessiert, dass ihn niemand wahrnehmen kann. Das ist dann halt Glaubenssache. Auch über Tugenden wird gesprochen und über Ideale und Werte. Die kann auch niemand wahrnehmen. Nun sind Gott, Tugenden, Ideale und Werte allesamt Objekte, über die man munter plaudern kann, was wir ja denn auch allüberall ausgiebig zu tun pflegen, niemand interessiert sich allerdings für das, was erkennt, also das ICH-Gewahrsein. Das scheint gar nicht zu existieren. Von Interesse sind dann höchstens noch die Filter, die sich vor das Bewusstsein geschoben haben. Ich meine damit die gesamte psychisch-mentale Struktur, also zum Beispiel eine bipolare Störung oder eine enneagrammtypische Dynamik.
EMit dem, was erkennt, hat das alles nichts zu tun. Höchstens mit dem Wie, und das ist schon wieder ein Objekt. Alles, was wir in der Schule mitbekommen haben, waren Objekte. Das Erkennende war einfach kein Thema. „Die Suche [im Außen] hält solange an, bis das intuitive Erfassen geschieht, dass Bewusstsein das ICH-Gewahrsein ist, das sich seiner selbst nicht gewahr sein kann, weil Gewahrsein kein Selbst kennt, dessen es sich gewahr sein könnte.“ … bis das intuitive Erfassen geschieht – und das ist nicht machbar. Ein Grund mehr, dass die Schule kein Ort ist, der darauf warten will, dass das vielleicht geschieht. Was wäre das aber auch für eine Verschwendung von Steuergeldern! Das liefe dann bloß doch wieder darauf hinaus, „die Sache“ zu operationalisieren und zu beschleunigen: „Jetzt kneifen wir mal alle ganz fest die Augen zusammen und schauen nach innen zum ICH-Gewahrsein!“

J

Wer sucht,
soll nicht aufhören zu suchen,
bis er findet.
Und wenn er findet,
wird er erschrocken sein.
Und wenn er erschrocken ist,
wird er verwundert sein
und König sein über das All.

Jesus im Thomasevangelium, 2

 

 

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11 Antworten zu Ramesh S. Balsekar: Der Witz an dem Ganzen

  1. kekabe schreibt:

    Guten Morgen, lieber Nitya!🙂

    ich hoffe sehr, dass ich morgen all die Gedanken noch zusammenfügen kann, die mir eben beim Lesen deines Beitrages durch den Kopf gingen…heute sind Zeit und Aufmerksamkeit ganz bei meiner Tochter, die an diesem Tag ihren 18. Geburtstag begeht.❤
    Also grüß ich dich derweil von Herzen, danke für dieses Thema und deine Worte!
    Kerstin

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  2. Brigitte schreibt:

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    • Eno Silla schreibt:

      „Ein irischer Journalist fragte Ma einmal: Ist es richtig, dass Du Gott bist?
      Sri Ma antwortete: „Es gibt nichts ausser Ihn; jeder und alles ist lediglich eine Form Gottes. In Deiner Person ist Er hierher gekommen, um darshan zu geben“.
      Der Journalist fragte weiter: „Was ist der Zweck Deines Lebens in dieser Welt? “
      Ma antwortete: „In ‚dieser’ Welt? Ich bin weder ‚hier’ noch ‚da’ oder ‚in dieser Welt’. Ich Selbst ruhe in mir Selbst.
      Der Journalist: „Ich bin Christ“.
      Sri Ma antwortete: „Ich bin auch Christ, Muslim, was immer du willst.““

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  3. ananda75 schreibt:

    Guter Text
    das implodiert dann quasi irgendwie – kicher grad wieder über mich selbst – ich kann es einfach nicht lassen😉

    Hab einen schönen Tag❤

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  4. alexandra schreibt:

    Danke lieber Nitya, aus dem Urlaub im sonnigen, wilden Süden Frankreichs , wo öfter mal das Internet streikt, aber es sich so schön lebt…
    Herzliche Grüße Alexandra
    P..S. Stimmt total mit der Schule – leider. Schon die Sprache, Subjekt, Objekt… Und den Satz“ich bin “ gibt es nicht. Aber man kann so ein’ges interessantes philosophieren mit den Kindern heute. Selbst bei sehr konservativem Religionsunterricht…. Glaubt ja so keiner mehr ( zum Glück)

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    • Nitya schreibt:

      „Glaubt ja so keiner mehr (zum Glück)“

      Liebe Alexandra, das würde ich so nicht unterscheiben wollen. Die Glaubensinhalte mögen sich verändert haben, aber da ist wahrlich genug da, an was man glauben kann. An Karriere zum Beispiel, an Sicherheit, an Gut und Böse, …

      Wer sucht,
      soll nicht aufhören zu suchen,
      bis er findet.
      Und wenn er findet,
      wird er erschrocken sein.
      Und wenn er erschrocken ist,
      wird er verwundert sein
      und König sein über das All.

      Jesus im Thomasevangelium, 2

      Suchen heißt hier nicht glauben, sondern offen sein für das Unfassbare. Der Verlust des Glaubens an Gott, Jesus und den Heiligen Geist als Objekte, bedeutet ja nicht, dass das geschieht, was Jesus in den wenigen Zeilen beschrieben hat.

      Herzlichst
      Nitya

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      • alexandra schreibt:

        Lieber Nitya, das stimmt, oft ersetzt ein glaube den anderen… Aber ich finde es erst mal gut, dass Kinder heute nicht einfach alles so glauben. Sie hinterfragen mehr und ich sage ihnen immer , glaubt nicht alles.. Was dann noch so in ihrem Leben eine Rolle spielen wird, darauf habe ich keinen Einfluss. In meinem Klassenraum hängt die Zeichnung „alte Frau, junge Frau“.. Damit erinnere ich die Kinder immer wieder daran, dass es allein ihre Perspektive ist, aus der sie das Leben sehen.

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