Steven Harrison: Religion ist Leugnung der Wirklichkeit


HTheologen behaupten, das Leben drehe sich um die „Seele“. Religion ohne ein solches Zentrum würde keinen Sinn haben. Wenn es aber keinen Handelnden gibt, dann würde es weder Sünde geben noch Erlösung. In einem Universum ohne Ursache und Wirkung gibt es für Religionen keinen Platz. Religionen sind sinnlos, da sie das Universum weder beschreiben noch kontrollieren können. Ein zorniger Gott kann beschwichtigt, ein lieber Gott verehrt werden. Aber aus einem Gott ohne Ursache und Wirkung können nur Chaos und Verwirrung, kosmische Kreativität und zufällige Zerstörung hervorgehen. Eine Religion lässt sich nicht auf Nicht-Kausalität und Raum- und Zeitlosigkeit begründen. Aber genau das scheint die wirkliche Natur des Universums zu sein.

Unsere Religion, egal  an wen oder was wir glauben, ist eine Leugnung der Wirklichkeit. Religion funktioniert ganz wunderbar darin, die universelle Wahrheit nicht zu umfassen, sondern sie von unseren tatsächlichen Erkenntnissen abzusondern. Uns fehlt die Fähigkeit, die Wirklichkeit des Lebens in uns aufzunehmen, und wir sind leicht mit mythologischen Geschichten zufriedenzustellen, die uns von den Religionen vorgesetzt werden.

aus: Steven Harrison, “ Was kommt?“

RAlso mal wieder ein Wort zum Sonntag: „Unsere Religion, egal an wen oder was wir glauben, ist eine Leugnung der Wirklichkeit.“ Oh, das ist so spannend, das ist zum Verrücktwerden, so spannend ist das. Seit Jahrtausenden läuft dieser irre Film: Die Leugnung der Wirklichkeit, genannt Religion. Im Augenblick sind es mal wieder die Muslims, die in aller Munde sind und über die sich das ach so christliche Abendland ganz wundervoll echauffieren kann. „Herr, wir danken dir, dass wir nicht so sind wie diese da.“ Wir sind genauso, keinen Deut besser. Von wegen „wir sind aufgeklärt“! Wir sind dieselben Wirklichkeits-Leugner wie die Typen, die anderen den Kopf absäbeln und dabei wie die Bekloppten الله أَكْبَر brüllen, auf Deutsch allāhu akbar oder „ich hab den längsten“. Ich kann nur hoffen, dass diese Gotteslästerung unentdeckt bleibt, weil man mir sonst am Ende auch noch den Kopf absäbeln würde. Mann, wo leben wir eigentlich? Das ist doch ein einziges Irrenhaus! Irre sind ja noch harmlos. Das sind lauter irre Mafiosis!

Aber bevor wir nun alle mit dem Finger auf die ganzen Religioten zeigen, sollten wir uns lieber mal unseren Zeigefinger anschauen, der ist nämlich, weiß Gott, tatsächlich der allerlängste: Wir sind doch die Wirklichkeitsleugner und die Religionen sind nur die Folge davon und die Kopf-Absäbelei wiederum ist die Folge davon, dass wir unsere Wirklichkeitsleugnung zur einzigen Wirklichkeit erheben und jeden, der was anderes sagt, einen Kopf kürzer machen wollen. Dazu brauchen wir noch nicht einmal eine organisierte Religion, das schaffen wir auch ganz allein. „Wer mir am Stammtisch oder zu Hause widerspricht, den mach ich platt. Meine Meinung ist meine Religion und die ist mir heilig.“ So einfach ist das. Sengts’ans Weisheit müsste sich halt mal rumsprechen: „Suche nicht nach dem Wahren, enthalte dich nur deiner Meinungen!“ Wenn das jeder beherzigen würde, wäre diese hübsche Erde ein Paradies.

„Uns fehlt die Fähigkeit, die Wirklichkeit des Lebens in uns aufzunehmen“, sagt Steven. Und deshalb führt kein Weg daran vorbei, dass jeder bei sich anfangen und sich fragen muss: Wie verhindere ich es, die Wirklichkeit des Lebens aufzunehmen? Solange das nicht weltweit geschieht, werden wir wohl weiter in dem Schlamassel leben müssen, in dem wir leben.
Z

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11 Antworten zu Steven Harrison: Religion ist Leugnung der Wirklichkeit

  1. kekabe schreibt:

    Hey Nitya…was ist los? Ich vermisse die Zuversicht am Ende deines wunderwahren Beitrags. Guten Morgen!🙂
    Natürlich können wir die Welt nicht ändern, du hast vollkommen Recht und sagst es ja selbst: Jahrtausendelang gewachsene Einstellungen sind vergleichsweise schnell hinterfragt und deren Hintergrund erkannt , doch geschieht das immer nur einzeln…kann ja gar nicht anders sein. Und es ist schon viel wert, diese Erkenntnisse zu bewahren und neue Wege zu gehen, wenn auch im Kleinen. Das ist niemals eine Beschränkung, denn es enthebt die Ursprünge des Hingenommenen, Geduldeten und niemals wirklich Hinterfragten.

    Letztlich ist es so, wie du sagst: Es geht mit dem sinnbildlichen Satz: „Ich hab den längsten“ um Recht haben, um territoriale Verteidigung….und erinnert mich eben an die Folgen der Revierkämpfe von Rehböcken: Jenem Bock, der dabei Verletzungen am Gemächt davonträgt, wachsen die Geweihstangen von da an nicht mehr nach oben, sondern vollkommen formlos und in schaurigen Wülsten wie ein Hut über Haupt und Augen. Ist kein Scherz und sieht zum Fürchten aus! Ist es nicht verrückt, dieses Niveau heranziehen zu können (müssen)? Und ist es nicht wunderbar, sich davon zu trennen? Wir sind Menschen…mit Bewusstsein!

    Vielen Dank für diesen tollen Beitrag und herzliche Grüße!
    Kerstin🙂

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Kerstin,

      zum Startschuss deines spannenden Kommentars: Was los ist? Wenn ich das nur wüsste. Habe ich bei dir so einen miesepetrigen Eindruck hinterlassen? Du schreibst: „Ich vermisse die Zuversicht am Ende deines Beitrags.“ Woher nehmen, wenn nicht stehlen, frage ich mich. Die letzten Jahrtausende inspirieren mich nicht gerade zu irgendwelchen Hoffnungen. Und ein Film muss ja auch nichtunbedingt immer ein Happy Ende haben. Ich weiß weder, wie der Film enden wird noch ob er je enden wird. Und das Luther zugeschriebene Zitat, dass er ein Apfelbäumchen auch im Angesicht des Weltuntergangs pflanzen würde, ist ja nicht unbedingt ein Zeichen von Zuversicht. Er pflanzt es trotzdem wider alle Vernunft. Fühlt sich einfach gut an, das zu tun, auch wenn es darüber hinaus keinen Sinn zu machen scheint.

      Wenn ich ausschließlich das Wirken der Menschen und die Folgen dieses Wirkens betrachte, müsste ich mich eigentlich auf der Stelle am nächsten Ast aufknüpfen. Die „Logik der Selbstausrottung“, wie sie Bahro beschrieben hat, scheint sich unausweichlich ihrem Endpunkt zu nähern. Als ich in jungen Jahren den Kriegsdienst verweigerte und der hohen Prüfungskommission genau diese Entwicklung vor Augen hielt, stritten die Herren das unisono entrüstet ab. Schließlich hätte man ja aus dem „leider“ verlorengegangenen Krieg gelernt. Sie glaubten sich das vermutlich sogar und waren voller Zuversicht. Diese Zuversicht ist mir Zeit meines Lebens abgegangen. Was nicht heißt, dass ich deswegen in Depressionen schwelge. Es kommt, wie es kommt. Und wenn man nicht auf das „Außen“ bauen kann, dann entdeckt man vielleicht etwas, was völlig unabhängig von jedem „Außen“ und „Innen“ ist und einem stets ein fröhliches Liedchen singen lässt. So ein Happy End wäre ja vielleicht auch nicht das Gelbe vom Ei. Tucholsky: „Es wird nach einem Happy End im Film jewöhnlich abjeblendt.“ Wär ja irgendwie schade, wenn der Film schon aus wäre. Findste nich?
      Das mit den armen Rehböcken wusste ich noch gar nicht. Gut dass Menschen kein Geweih haben, sonst würde ich sicher auch schon längst mit vollkommen formlosen und in schaurigen Wülsten herum laufen, die wie ein Hut über Haupt und Augen hängen. Grusel. Nee, also das ist doch wirklich Klasse: Menschliche Männchen ohne Geweih! Das war doch jetzt wirklich ein sehr vergnügter Abschluss. Gelle?

      Dir einen hübschen Sommertag
      Herzlichst
      Nitya

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      • kekabe schreibt:

        …dass du jetzt ausgerechnet Tucholsky zitierst! Manchmal habe ich bei ihm das Gefühl, dass er das Wirken der Menschen, das Durchschauen der Systeme einfach nicht ertrug. Aber Recht hat er! Immer wird im Film das Happy End zur schützenden Decke für die Gemüter und behütet den Menschen vor der anderen Seite…🙂
        Aber Tucholsky hat auch das hier: „Entspanne dich. Laß das Steuer los.Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.“
        Mach ich jetzt.😉

        Bis bald!

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      • Nitya schreibt:

        „Entspanne dich. Laß das Steuer los.Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.“

        Sag ich doch.😉 Überhaupt könnte da was dran sein, was einige Astrologen behaupten, dass Menschen, die am gleichen Tag Geburtstag haben, ähnliche Gundstrukturen besitzen. Der Tucholsky ist mir jedenfalls sehr nah.

        Fein, dass du dir seine Trudel-Empfehlung jedenfalls für den Augenblick zu eigen machst.

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  2. ananda75 schreibt:

    Ich misch ja alle Religionen und andere Weisheiten fröhlich durchananda – weil sie im Kern eh alle das Gleiche sagen – und ich habe nicht das Gefühl, dass mich das von der Wirklichkeit fern hält🙂

    Mit Religion wie mit allem – nichts ist an sich gut oder schlecht / förderlich oder nicht förderlich – es kommt immer darauf an, was man damit macht.

    Und ob ich nun handel im Sinne Christus, mich in buddhistischem Mitgefühl übe oder hinduistische Mantras singe – auf das praktizieren kommt es an.

    Sinn-Suche, Wahrheits-Suche – als Selbst-Zweck ist das nicht besser als zum Frisör zu gehen.
    Tun was getan werden muss, der Sinn kommt ganz von alleine, da, wo wir ihn am wenigsten suchen.
    Das sind alles scheue Rehe – Der Sinn, die Wahrheit, das Glück – je mehr wir sie jagen, umso schneller laufen sie weg.
    Gar nicht drum kümmern, dann werden sie neugierig und kommen von alleine schnuppern😉

    Einen schönen Sonnentag wünsch ich dir🙂

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  3. Anonuema schreibt:

    Hallo lieber Nitya,
    ich empfand deinen heutigen Betrag so, wie es zu meiner heutigen Stimmung passt. Also stimmig😉 Darum habe ich nun eine Geschichte ohne Happy End aufgeschrieben und sie auf meinem Blog veröffentlicht. Ich wünsch dir einen schönen Tag und wenn du magst gute Unterhaltung mit meiner weißen Pudel Geschichte!
    https://wechselbalgs.wordpress.com/2016/07/24/der-weisse-pudel/

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    • Nitya schreibt:

      Hallo lieber Wechselbalg, liebe Anonuema,

      ich rätsele gerade herum, welche Stimmung mein heutiger Beitrag wohl vermittelt, damit er zu deiner heutigen Stimmung passt. Da ich den Beitrag abgesondert habe, müsste ich mich möglicherweise in einer ähnlichen Stimmung befinden wie du. Ist es wirklich legitim, von meiner momentanen Stimmung auf deine zu schließen? Da du dich selbst als Wechselbalg erlebst, wirst du sicher nachvollziehen, dass der Tag lang ist und die Stimmungen darin zahlreich. Der Mensch, der den Beitrag geschrieben hat, existiert schon lange nicht mehr. Insofern sind alle meine Rätselversuche wohl wenig erhellend und ich kapituliere einfach.

      Die Weiße-Pudel-Geschichte konnte ich gut mitfühlen. Ob die Dame wohl den Schlüssel außen an der Tür stecken und Hella vor der Tür gelassen hat, um aufgefunden zu werden? Jetzt bin ich schon wieder am Rätseln. Na ja, am Tag der Beerdigung deines ehemaligen Verlobten macht man sich halt so seine Gedanken.

      Herzlichen Dank fürs Mitteilen.

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  4. Eno Silla schreibt:

    tauchte einfach so mal wieder auf:

    ganz schön fett, aber schön🙂

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    • Eno Silla schreibt:

      Von Meng Hsiä wird berichtet:

      Als ihm zu Ohren kam, dass neuerdings die jungen Künstler sich darin übten, auf dem Kopf zu stehen, um eine neue Weise des Sehens zu erproben, unterzog Meng Hsiä sich sofort
      ebenfalls dieser Übung, und nachdem er es eine Weile damit
      probiert hatte, sagte er zu seinen Schülern: „Neu und schöner blickt die Welt mir ins Auge, wenn ich mich auf den Kopf stelle.“

      Dies sprach sich herum, und die Neuerer unter den jungen Künstlern rühmten sich dieser Bestätigung ihrer Versuche durch den alten Meister nicht wenig.

      Da dieser als recht wortkarg bekannt war und seine Jünger mehr durch sein bloßes Dasein und Beispiel erzog als durch Lehren, wurde jeder seiner Aussprüche beachtet und weiter verbreitet.

      Und nun wurde, bald nachdem jene Worte die Neuerer entzückt, viele Alte aber befremdet, ja erzürnt hatte, schon wieder ein Ausspruch von ihm bekannt. Er habe, so erzählte man, sich neuestens so geäußert: „Wie gut, dass der Mensch zwei Beine hat! Das Stehen auf dem Kopf ist der Gesundheit nicht zuträglich, und wenn der auf dem Kopf Stehende sich wieder aufrichtet, dann blickt ihm, dem auf den Füßen Stehenden, die Welt doppelt so schön ins Auge.“

      An diesen Worten des Meisters nahmen sowohl die jungen Kopfsteher, die sich von ihm verraten oder verspottet fühlten, wie auch die Mandarine großen Anstoß.

      „Heute“, so sagten die Mandarine, „behauptet Meng Hsiä dies, und morgen das Gegenteil. Es kann aber doch unmöglich zwei Wahrheiten geben. Wer mag den unklug gewordenen Alten da noch ernst nehmen?“
      Dem Meister wurde hinterbracht, wie die Neuerer und die Mandarine über ihn redeten. Er lachte nur. Und da die Seinen ihn um eine Erklärung baten, sagte er: „Es gibt die Wirklichkeit, ihr Knaben, und an der ist nicht zu rütteln. Wahrheiten aber, nämlich in Worten ausgedrückte Meinungen über das Wirkliche, gibt es unzählige, und jede ist ebenso richtig wie sie falsch ist.“

      Zu weiteren Erklärungen konnten ihn die Schüler, so sehr sie sich bemühten, nicht bewegen.

      Hermann Hesse

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