Huang-po: der Dharma der Soheit – „erfasst“ ist „erfasst“


AWenn der Augenblick des Begreifens gekommen ist, dann denkt nicht in Begriffen von verstehen und nicht verstehen. Denn keiner von diesen ist festzuhalten. Wenn dieser Dharma der Soheit „erfasst“ ist, ist er „erfasst“. Aber der „Erfassende“ ist sich dieses Erfassens ebenso wenig bewusst, wie jener, der nichts von diesem Dharma weiß, sich bewusst ist, dass er ihn nicht erfasst hat.

Ach, dieser Dharma der Soheit – bisher haben ihn so wenige begriffen, dass geschrieben steht: „Wie wenige gibt es in dieser Welt, die ihr Ich verlieren!“ Worin unterscheiden sich diejenigen, die es durch Anwendung eines bestimmten Grundsatzes oder durch Schaffen einer besonderen Umgebung, durch Schrift, Lehre, Alter, Zeit, Name, Wort oder mit Hilfe ihrer sechs Sinne zu erlangen versuchen, von hölzernen Puppen?

Würde aber unverhofft ein Mensch erscheinen, der sich keine Vorstellungen auf der Grundlage irgendwelcher Namen und Formen machte, man könnte ihn, das versichere ich euch, in einer Welt nach der anderen suchen und würde ihn doch nicht finden. Seine Einzigartigkeit würde ihm die Nachfolge des Patriarchen sichern, und er würde es verdienen, der wahre Sohn des Shākyamuni genannt zu werden.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

Ich hab Es nicht, ich will Es haben, „denkt Es und hält sich für ein strebsames Ich“. Es denkt natürlich gar nichts. Da bin anscheinend ich und will das haben, was andere vor mir bekommen haben. Irgendwie werde ich das schon noch gebacken kriegen. Und so, wie ich auf einem Bein hüpfend meine Schwimmfähigkeit vortäuschend das Schwimmen erlernte, so hoffe ich, meine Erleuchtung durch das Zitieren von Weisheiten großer Meister vortäuschen zu können und so vielleicht tatsächlich meine Erleuchtung zu erlangen. Huang-po macht sich über derartige Versuche lustig und fragt: „Worin unterscheiden sich diejenigen, die es durch Anwendung eines bestimmten Grundsatzes oder durch Schaffen einer besonderen Umgebung, durch Schrift, Lehre, Alter, Zeit, Name, Wort oder mit Hilfe ihrer sechs Sinne zu erlangen versuchen, von hölzernen Puppen?“

1Huang-po sagt: „Wenn der Augenblick des Begreifens gekommen ist, dann denkt nicht in Begriffen von verstehen und nicht verstehen. Denn keiner von diesen ist festzuhalten. Wenn dieser Dharma der Soheit ‚erfasst‘ ist, ist er ‚erfasst‘. Aber der ‚Erfassende‘ ist sich dieses Erfassens ebenso wenig bewusst, wie jener, der nichts von diesem Dharma weiß, sich bewusst ist, dass er ihn nicht erfasst hat.“ – „Erfasst“ wird der Dharma der Soheit weder von einem „Erfassenden“ noch von einem „Nichterfassenden“. Es ist eben keine Sache des Verstehens oder Nichtverstehens von irgendeinem „Jemand“. All die Bemühungen um das Erfassen und Verstehen sind nichts als die vergeblichen Versuche der „hölzernen Puppe“, die Kontrolle über alles in die Finger zu kriegen.

Wenn alle Vorstellungen verschwunden sind, wenn das Erfassenwollen abgefallen ist, wenn Tschuang-tses Selbstvergessenheit grenzenlos geworden ist, dann … vielleicht … offenbart sich … der Dharma der Soheit …

Z

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9 Antworten zu Huang-po: der Dharma der Soheit – „erfasst“ ist „erfasst“

  1. Georg Alois schreibt:

    „……… dann … vielleicht … “
    geschieht ein Systemfehler, – vielleicht wie bei Suzanne Segal………….

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  2. fredoo schreibt:

    es ist (letzlich) nur ein kurzer „leerer“ MOMENT ……………………………………………… plötzlich auftauchend ( etwas besser formuliert , „sich selbst offenbarend“ , nicht weil es so kompliziert wäre , sondern weil es so unvorstellbar schlicht und ein-fach ist ) , unveranlasst , damit un-be-dingt , und trotzdem , letztlich , auch un-nötig …

    seltsam das …

    und wie bleibt er „erhalten in der Bewusstheit“ ?

    durch ein seltsames Phänomen … da er ( dieser MOMENT ) das alles erfüllende EINE ist , ist er selbst in dualer Erinnerung nicht mehr be-zwei-felbar … ( kann nicht in Zwei geformt werden ) .
    es verbleibt etwas was ich gerne „die Nabelschnur zum EIGENTLICHEN“ nenne …
    und was nix anderes ist , als das erstmalig auftauchende Phänomen der Unbe-zwei-felbarkeit in einer Lebensgeschichte …
    das mit „Wissen“ oder „Wahrheit“ zu bezeichnen , ist mir noch nicht in den Sinn gekommen ,
    obwohl es wohl nix anderes ist …

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    • Nitya schreibt:

      Ich würde Worte wie „Wissen“ oder „Wahrheit“ auch lieber vermeiden. Überhaupt Worte vermeiden. Haben sie je „irgendjemandem“ genützt? Oder nur Verwirrung gestiftet?

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      • fredoo schreibt:

        ich frage mich das auch …
        und doch bemerke ich immer wieder , wie ich meiner geschwatzigkeit Tribut zolle .

        es scheint auch zum Spiel dazuzugehören …

        und ich mag ja besonders diese Mehr-Deutigkeit von Worten ( gerade der deutschen Sprache ) … das ist dann immer ein wenig wie eine Ent-Deckung-sreise in das hinein , was man oft , einfach so , daher schwatzt …

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  3. ananda75 schreibt:

    jetzt les ich’s grad in deinem letzten Kommentar:
    „Überhaupt Worte vermeiden“

    also ich seh das ja als Herausforderung – immer noch und immer wieder Worte zu finden, die vielleicht irgendwo irgendwas Sinnvolles auslösen können –
    graaaaaaaaaaaaaaaaah 😆 ja ja ….. is egal, ob sinnvoll, is mein Hobby, ich brauch das für mein Wohlbefinden 😆

    hab einen schönen warmen Tag

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  4. fredoo schreibt:

    ergänzend zu nitya …
    ich beobachte ja ganz gerne manche dieser wortlastigen etüden „derer davorne“ …
    bei denen , die ich mag , erscheint mir der Effekt der Verwirrung stiften , gar vortrefflich zu klappen …
    wenn ich ein paar Jahre in die „fredoo“-Geschichte zurückblicke , scheint genau das , recht effektiv gewesen zu sein …
    nur … effektiv für was ? 😉

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