Tschuang-tse: Seltsam fürwahr, dass gerade Selbstvergessen fähig war, sie zu finden

 

PDer Herr der gelben Erde wandelte jenseits der Grenzen der Welt. Da kam er auf einen sehr hohen Berg und schaute den Kreislauf der Wiederkehr.

Da verlor er seine Zauberperle.

Er sandte Erkenntnis aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder. Er sandte Scharfblick aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder. Er sandte Denken aus, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder.

Da sandte er Selbstvergessen aus. Selbstvergessen fand sie. Der Herr der gelben Erde sprach: „Seltsam fürwahr, dass gerade Selbstvergessen fähig war, sie zu finden!“

aus: Tschuang-tse, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

HDie drei zielstrebigen Macher Erkenntnis, Scharfblick und Denken versagen kläglich dabei, die Zauberperle zu finden. Nur Selbstvergessen, von dem es am wenigsten zu erwarten gewesen wäre, findet die Zauberperle. Warum hat der Herr der gelben Erde überhaupt seine Zauberperle verloren, habe ich mich gefragt. Er hatte sie noch, als er jenseits der Grenzen der Welt wandelte. Dann kam er auf einen sehr hohen Berg, d.h., er befand sich nicht mehr außerhalb der Grenzen der Welt. Von diesem Berg aus schaute er den Kreislauf der Wiederkehr. Auch Buddha soll vor seiner Erleuchtung den Kreislauf der Widerkehr gesehen haben und so den Weg der Befreiung aus diesem Kreislauf erkannt haben.
SDer Herr der gelben Erde scheint auf dem sehr hohen Berg von seinem Blick auf den Kreislauf der Wiederkehr derart gefesselt worden zu sein, dass er glaubte, seine „Zauberperle“ verloren zu haben. Ganz verzweifelt versuchte er seine kostbare Zauberperle wieder zu finden. Er geriet in eine geradezu hektische Betriebsamkeit. Er versuchte sich zu erinnern, wo er sie verloren haben könnte, irrte ziellos umher, guckte in die verborgensten Winkel, setzte sich hin, um nachzudenken, wo sie in drei Teufels Namen sein könnte, aber nichts, nichts und wieder nichts. Seine Zauberperle blieb verschwunden.

Von langem Suchen völlig erschöpft, resignierte er und gab die sinnlose Suche endgültig auf. Ohne meine Zauberperle will ich auch nicht mehr leben, dachte er noch, bevor er völlig in sich zusammensackte. Er starrte auf diese seltsame Welt mit ihrem ewigen Kreislauf der Wiederkehr, vergaß schließlich Zeit und Raum und sich selbst und dann, mit einem Mal sah er sie direkt vor sich liegen und konnte sehen, dass sie nie verloren gewesen war. Und mit einem wohligen Seufzer legte sich der Herr der gelben Erde auf die gelbe Erde nieder, schloss seine Augen und schlief den Schlaf des Gerechten.
P

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7 Antworten zu Tschuang-tse: Seltsam fürwahr, dass gerade Selbstvergessen fähig war, sie zu finden

  1. Ingeborg schreibt:

    20151017_144348_LLS_resized_resized

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  2. Marianne schreibt:

    und dann, mit einem Mal sah er sie direkt vor sich liegen und konnte sehen, dass sie nie verloren gewesen war.

    Preisfrage: Was macht diese Erfahrung mit einem »Massenmörder«?😉
    Am Ende der Angulimala-Buddha-Geschichte heißt es:

    An diesem Abend konnte Angulimala zum ersten Male wirklich meditieren. Er hatte seine edle Geburt angenommen. Er wusste jetzt, dass er im Moment seiner Ordination neu geboren war. Sieben Jahre später erreichte er die Erleuchtung.

    Quelle: http://www.gelnhausen-meditation.de/Angulima.html

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  3. Eno Silla schreibt:

    heute habe ich einen kleinen radiobeitrag, den mir eine freundin geschickt hat.

    „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“
    – Oscar Wilde

    „Es ist an der Zeit, den Fatalismus neu zu entdecken – als Möglichkeit, das Leben gut zu leben. Matthias Drobinski mit einem Plädoyer für mehr Schicksalsergebenheit.“

    http://www.ndr.de/ndrkultur/epg/Es-kommt-wie-es-kommt,sendung538012.html

    nichts suchen, geschehen lassen? wie erleichternd! dann lass ich mich überraschen von allem vorgefundenen!

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