Liä Dsi: man siegt nicht, es siegt sich von selber


WEs gibt in der Welt einen immer sieghaften Sinn und einen immer sieglosen Sinn. Der sieghafte Sinn heiß Demut, der sieglose Sinn heißt Gewalt. Beides ist leicht zu erkennen, aber die Menschen erkennen es noch nicht. Darum haben die Alten gesagt: Gewalt verlässt sich darauf, dass anderes dem eigenen Selbst nicht gleichkommt; Demut verlässt sich auf das, was aus dem eigenen Selbst hervorgeht.

Wenn einer sich darauf verlässt, dass andere seinem eigenen Selbst nicht gleichkommen, und die anderen erreichen es dann doch, seinem eigenen Selbst gleich zu kommen, so kommt er in Gefahr. Wer sich auf das verlässt, was aus seinem eigenen Selbst hervorgeht, kommt nie in Gefahr. Dadurch siegt man über ein Ich wie nichts; dadurch waltet man über der Welt, wie nichts. Das heißt, man siegt nicht, es siegt sich von selber. Man waltet nicht, es waltet sich von selber.

Meister Yu sprach: „Willst du Härte, musst du sie durch Weisheit wahren. Willst du Stärke, musst du sie durch Schwäche schützen. Übe dich in Demut, so wirst du fest. Übe dich im Schwachsein, so wirst du stark. Wenn du darauf siehst, was einer übt, so weißt du, ob Glück oder Unglück ihm naht. Die Gewalt siegt über das, was dem eigenen Selbst nicht gleichkommt. Das, was dem eigenen Selbst gleichkommt, stößt hart mit ihr zusammen. Demut siegt durch das, was aus ihrem eigenen Selbst hervorgeht, ihre Macht ist ohne Maß. Lǎo Dān, sprach:

Sind Waffen stark, so bersten sie.
Ist ein Baum stark, so zerbricht er.
Weichheit und Schwäche sind Gesellen des Lebens,
Festigkeit und Stärke sind Gesellen des Todes.

aus: Liä Dsi, „Das wahre Buch vom Quellenden Urgrund“
HAuf dem Bild oben ist Zen-Meister Hakuin mit einem Samurai abgebildet. Ein bis an die Zähne bewaffneter Samurai, tritt dem am Boden sitzenden Hakuin gegenüber. Ein falsches Wort von diesem und er ist seinen Kopf los. Gewalt vs. Demut. Liä Dsi sagt: „Demut siegt durch das, was aus ihrem eigenen Selbst hervorgeht, ihre Macht ist ohne Maß.“ Hakuin siegte nicht, „es siegte sich von selbst.“ Was könnte „Demut“ bei Liä Dsi bedeuten? Wir neigen ja ständig dazu, unsere Definitionen etwa auf ins Deutsche übersetzte Begriffe zu übertragen. Bei Demut denkt manch einer vielleicht an Demütigung, was ja nicht ganz unverständlich ist, wenn man an das althochdeutsche“ diomuoti“ denkt, was so viel wie „dienstbar“ bedeutet. So wie Liä Dsi den Begriff verwendet, meint er wohl u.a. die Akzeptanz der kreatürlichen Natur, die Ikkyû Sôjun in einem Haiku so beschrieben hat:

Wir kommen in die Welt um zu essen
zu schlafen und zu scheißen – danach gibt es
nur noch eins zu tun: Sterben

Der Demut gegenüber steht das, was man „Hybris“ nennt. Das ist eine Haltung des menschlichen Geistes, die glaubt, über dem Kreatürlichen zu stehen und die Natur kontrollieren und beherrschen zu können. Der Zustand der Umweltzerstörung zeigt uns, wohin uns das bisher schon geführt hat und es ist noch kein Ende abzusehen. Die Hybris des Menschen in Verbindung mit seinem Intellekt scheint absolut grenzenlos zu sein. Gestern hatte ich das Video mit Alan Watts reingestellt. Er spricht über dasselbe Thema wie hier Liä Dsi.
LLǎo Dāns (Laotses) Einsicht, dass „Weichheit und Schwäche Gesellen des Lebens sind, Festigkeit und Stärke dagegen Gesellen des Todes“, hat mich mein Leben lang begleitet. Ich denke gerade an meine vielen Rippenbrüche und die Diagnose Osteoporose sowie die fachärztlichen Empfehlungen, Kalzium, Bisphosphonate, Calcitonin, Fluor und ich weiß nicht was zu mir zu nehmen, die allesamt darauf hinauslaufen sollten, meine Knochen zu härten. „Gelobt sei, was hart macht!“ Gegen heftigen Widerstand habe ich alle Hartmacher abgelehnt und stattdessen Silicium bevorzugt, das die Knochen flexibel macht. Seitdem hatte ich nie wieder einen Rippenbruch. Brecht: „Du verstehst, das Harte unterliegt.“ Na ja, Osho hat wohl auch recht, wenn er sagt: „Wenn ein Stein eine Rose trifft, ist es immer die Rose, die zerstört wird.“ Es geht mir ja nicht darum, irgendwelche angeblich unumstößlichen Wahrheiten in die Welt hinauszuposaunen, sondern einfach darum, eben dieselben in Frage zu stellen.
NMir gefällt die Haltung Mullah Nasrudins als Richter, der erst der einen Partei recht gibt, dann ebenso der Gegenseite, und auf den Einwand, dass doch nicht beide Seiten rechthaben könnten, antwortet: „Da hast du recht, mein Sohn.“

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4 Antworten zu Liä Dsi: man siegt nicht, es siegt sich von selber

  1. Georg Alois schreibt:

    Mullah Nasrudi, herrlich!, wenn man schon am frühen Morgen lachen kann.
    Mir fällt gerade der Spruch ein: „Der Klügere gibt so lange nach, bis er der Dumme ist.“
    Und danke für das Andreas Popp Video! War mal wieder sehr interessant!

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  2. ananda75 schreibt:

    Wir können immer nur bis zur nächsten Ecke gucken
    Kurz- oder langfristiges Denken und Sicht
    Die Rache ist mein, spricht der Herr
    Wen die Not nur beugt, aber nicht bricht, in dem bringt sie die Gegenkraft zur Wirkung
    … wie der Bambus…

    So🙂 das war das heutige Brain Storming zu deinen Worten🙂

    hab einen guten Tag❤

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  3. Georg Alois schreibt:

    „Ich glaube an die Gleichheit und die Einigkeit der gesamten Menschheit.
    Wir sind alle Scheiße!“
    Bill Hicks

    das konnte ich mir jetzt einfach nicht verkneifen. Hab ich gefunden in: http://www.geistundgegenwart.de/2014/08/welcher-misanthrop-bin-ich.html

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