Tilopa: das Prinzip der Urteilslosigkeit


T

Kein Wissen aus Schulen und Schriften,
Führt zur Erkenntnis der eingeborenen Wahrheit.
Denn wenn der Geist nach etwas strebt,
Erfüllt von Sehnsucht nach dem Ziel,
Verhüllt er damit nur das Licht.

Wer sich an Tantrische Gebote hält und dennoch urteilt,
Begeht Verrat am Geist des Samaya.
Gib alles Tun und Wünschen auf,
Lass die Gedanken steigen und verebben,
Wie Meereswogen.

Wer die Vergänglichkeit niemals vergisst,
Noch das Prinzip der Urteilslosigkeit,
Der richtet sich nach Tantrischem Gebot.
Wer alles Sehnen aufgibt,
Sich nicht an dieses oder jenes heftet,
Erkennt den wahren Sinn der Schriften.

Im Mahamudra verbrennen alle deine Sünden;
Im Mahamudra wirst du
Aus dem Gefängnis der Welt entlassen.
Es ist die hellste Flamme des Dharma.
Die das nicht glauben, sind Narren,
Die sich in Elend und Sorgen ewig wälzen.

aus: Tilopa, „Gesang von Mahamudra“

M

„Wer sich an Tantrische Gebote hält und dennoch urteilt, begeht Verrat am Geist des Samaya. … Wer die Vergänglichkeit niemals vergisst, noch das Prinzip der Urteilslosigkeit, der richtet sich nach Tantrischem Gebot.“ Gleich zweimal bezieht sich Tilopa in seinem berühmten Gesang von Mahamudra auf das Urteilen. Was mag ihm wohl daran so wichtig gewesen sein? Aber vorher sollte noch geklärt werden, was hier mit Urteilen gemeint sein könnte. Wenn eine Katze das eine Fressangebot ablehnt und das andere mit Begeisterung annimmt – hat sie dann geurteilt? Ja natürlich, könnte man sagen. Die Katze hat anscheinend einen feinen Riecher dafür, was sie gerade braucht und was ihr bekommt und was ihr nicht bekommt. Begeht sie jetzt Verrat an Samaya? Sollte sie oder vielleicht auch ich oder wer auch immer einfach alles auffressen, was da so zu finden ist? Wenn das so wäre und wir dieser Idee folgen, hätten wir vermutlich alle längst das Zeitliche gesegnet. Was könnte Tilopa also dann mit dieser Urteilerei meinen?
HGestern wollte mir mal wieder jemand zeigen, wo der Hammer hängt. Nach mehreren Beweisen für meine Dusseligkeit endete er seine Ausführungen mit diesen Sätzen: „Selbstverständlich bin ich da nicht anders wie du. Nur das Ausmass meines Ärgers um die bösen Menschen in dieser bösen Welt ist um ein vielfaches geringer.“ Na, das sei ihm doch von Herzen gegönnt. Nur, um auf Tilopa zurückzukommen, das ist natürlich genau dieses Vergleichen und Urteilen, wie es vermutlich von ihm ins Visier genommen wurde. Aber was soll so schlimm daran sein? Soll er doch „meiner ist der längste“ spielen, wenn’s ihm Spaß macht! Der letzte der vier zitierten Verse endet mit dieser Aussage: „Die das nicht glauben, sind Narren, die sich in Elend und Sorgen ewig wälzen.“ Das ist ja eine düstere Feststellung. Wieso Elend und Sorgen? Nun ja, es geht mal wieder um das Spiel der Getrenntheit. Wenn der andere ein Depp ist, dann bin ich erst einmal. Erst durch mein Getrenntsein kann ich mich vergleichen. Da Getrenntsein grundsätzlich Angst bedeutet, muss ich alles tun, die Angst zu lindern. Ich lindere sie möglicherweise dadurch, indem ich nachweise, dass ich zumindest der kleinere Depp bin. Wohin das hinführt? Tilopa meint: Der wird sich ewig in Elend und Sorgen wälzen.

Ich möchte an der Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass alle sog. Botschaften an „andere“ verkappte Botschaften an sich selbst sind. Wenn hier jemand schreiben will und gleich mit einem Katalog von Du-Botschaften  ankommt, kann er nicht damit rechnen, freigeschaltet zu werden. Deswegen muss er sich nicht in Elend und Sorgen wälzen. Deswegen nicht.
S

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2 Antworten zu Tilopa: das Prinzip der Urteilslosigkeit

  1. kekabe schreibt:

    Guten Morgen, lieber Nitya;),

    „Kein Wissen aus Schulen und Schriften,
    Führt zur Erkenntnis der eingeborenen Wahrheit.“

    Was für eine Aussage. Einfach klingt sie und es ist ja auch so! Wir bringen die Urteilslosigkeit doch mit und ich glaube nicht, dass in ihr etwas Falsches oder gar Überzogenes ist. Nur bleibt sie allzu oft unterentwickelt, naiv und gelangt nicht dorthin, wo sie so sehr hilfreich ist. So stellt es sich zumindest für mich dar. Manch einer jedoch ruht sich auf ihr aus und übersieht dabei das eigentliche „Problem“: Es ist wirklich fast immer das Wissen der Schulen und Schriften, das Informationen des Vergangenen, einfach das Unbeleuchtete, in dem sich die Urteile befinden, die wir urteilslos annehmen, statt sie wenigstens zu hinterfragen.

    Nun😉 ist das eine Ich-Botschaft? Ja. Unter anderem.

    Schönen Tag herzliche Grüße zu dir!
    Kerstin

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Kerstin, guten Morgen, guten Morgen!

      Ich kann dir nur zustimmen. Schon im Erlernen der Muttersprache sind Urteile verborgen und wir übernehmen sie schon an der Mutterbrust. Und wenn wir sie dann, ohne es zu bemerken, übernommen haben, werden wir sie auch nicht mehr so schnell los. Dazu müssten wir sie ja zumindest erst mal bemerken. Aber mit den Urteilen haben wir ja meist auch das übernommen, was die Psychoanalytikerin Alice Miller in einen ihrer Buchtitel gepackt hat: „Du sollst nicht merken!“ Also müssen wir, wenn wir aus diesem Bewusstseinskäfig herauskommen wollen vor allem eines tun: Hinterfragen, hinterfragen, hinterfragen. Das bedeutet dann immer noch nicht, dass wir die Urteile losgeworden sind. Aber zumindest sind wir uns ihrer bewusst geworden. Das ist doch schon mal was. Irgendwann führt das dann möglicherweise dazu, zu erkennen, dass nicht nur das Wissen aus Schulen und Schriften, sondern jedes Wissen Lüge ist. Und dann wird man des Hinterfragens müde und fängt an sich mir diesem Augenblick zu begnügen.

      So jetzt müsste ich alle „wirs“ und „mans“ in Ich-Form umwandeln, um daraus Ich-Botschaften zu basteln. Aber dazu bin ich jetzt zu faul.

      Ich wünsch dir jedenfalls einen dir gewogenen Tag und grüße dich herzlich
      Nitya

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