Jed McKenna: Kein Glaube ist wahr


2Die Wahrheit lautet, dass kein Glaube wahr ist, und zu sagen, irgendein Glaube sei wahr, hieße die Schleusen zu öffnen und zu behaupten, jeder Glaube wäre wahr. Keine Unwahrheit ist wahrer oder unwahrer als irgendeine andere Unwahrheit. Sind wir innerhalb des Traumzustands luzid, erkennen wir, dass zwei plus zwei vier ergibt, sind wir aber innerhalb des Traumzustands nicht luzid, dann gelten solche Beschränkungen nicht, und selbst zwei plus zwei gleich vier ist dann nur einer von vielen Glaubenssätzen. Irgendwas plus irgendwas ergibt irgendwas. Zwei plus zwei ergibt, was immer wir sagen, dass es ergibt. Es kann für verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten aus verschiedenen Gründen etwas Verschiedenes ergeben. Im schlafenden Traumzustand können deine Zwei-plus-Zwei sieben ergeben und meine eins. Vielleicht hassen die 2+2=5s und die 2+2=3s einander und bekriegen sich seit Jahrhunderten. Vielleicht nehmen sie sich einander kaum zur Kenntnis, oder sie bilden eine Notgemeinschaft gegen die 2+2=4s, doch wie 1984 uns vor Augen führt, kann sich das ändern. So ist das Leben im nichtluziden Traumzustand, wo die Wahrheit willkürlich und die Realität nur eine hoffnungslose Laune ist.

aus: Jed McKenna, „Spirituelle Dissonanz“

Also, ich rekapituliere: Diejenigen, die innerhalb des Traumzustandes luzide sind, wissen, dass zwei plus zwei gleich vier ist, alle anderen wissen es nicht, und falls sie ebenfalls auf das Ergebnis vier kämen, wäre das rein zufällig richtig geglaubt. Und wer weiß nun, ob er zu den außerwählten luziden Träumern gehört? Na, der luzide Träumer natürlich selbst. Glaubt der das nur zu wissen oder weiß er das wirklich? Woher soll ich das denn wissen? Wer will das überhaupt wissen?
PAlso, da gibt es Religionen, die glauben, wenn sie an den Geschlechtsteilen ihrer Kinder herumschnibbeln, dass sie damit den Bund zu Gott erneuert haben. Zumindest bei den Knaben haben das unsere sehr verehrten Abgeordneten nicht als kriminelle Handlung bewertet, sondern als Gegenstand der Religionsfreiheit, und es damit erlaubt. Wollen sie damit nicht ausschließen, dass sie selbst nichtluzide Träumer und die Pimmelbeschnibbler möglicherweise luzide Träumer sind, dann wären sie ja nachgerade überirdisch tolerant. Ob sie wohl den Pastafaris gegenüber dieselbe Toleranz walten lassen würden? Nein? Warum nicht? Weil man ihnen eine echte Gläubigkeit nicht abnimmt? Ist Gläubigkeit an sich denn irgendein Wahrheitsbeweis? Weil sie vergleichsweise erst kürzlich das Licht der Welt erblickt haben? Macht etwa das Alter eines Glaubens einen Glauben wahrer? Fragen über Fragen.

Jed sagt: „Die Wahrheit lautet, dass kein Glaube wahr ist.“ Woher will er das das denn wissen? Vielleicht ist ja jeder Glaube wahr und wenn er einem noch so beknackt erscheint? Aber sowas kann auch nur ein Nichtluzider sagen. Also nehmen wir mal einen gewissermaßen amtlich bestätigten Luziden wie den Ramana. Was weiß der denn jetzt mehr als Nichtluzide wie ich? „Zwei mal zwei gleich vier“ wird’s ja wohl nicht alleine sein. Sokrates fällt mir ein – ach, ich liebe ihn einfach. Das Folgende klau ich mal von Wikipedia, weil es da schön auf den Punkt gebracht wurde:
S„Sokrates behauptet nicht, dass er nichts wisse. Vielmehr hinterfragt er das, was man zu wissen meint. Denn dieses vermeintliche Wissen ist nur ein beweisloses Für-selbstverständlich-Halten, das sich bei näherer Untersuchung als unhaltbares Scheinwissen entpuppt. Ein sicheres Wissen findet man bei den Menschen grundsätzlich nicht, deshalb kann man von seinen Ansichten nur vorläufig überzeugt sein. Die Aussage birgt vordergründig das Paradoxon, dass auch das Wissen über das ‚Nichtwissen‘ ein Wissen ist, von dem man nicht sicher wissen kann. Es wird in den platonischen Dialogen von dem Protagonisten Sokrates selbst nicht aufgelöst. Vielmehr enden Platons frühe aporetische Dialoge häufig in Ratlosigkeit.“

In Ratlosigkeit! Gepriesen sei die Ratlosigkeit! Statt angeblich oder tatsächlich Luzide gegen die angeblich oder tatsächlich Nichtluziden auszuspielen, bleibt nur eine alle betreffende Ratlosigkeit unterm Strich. Und wieder komme ich zu meiner Analogie mit der modalen Musik mit seinem (tonlosen) ewigen Grundton und den verrücktesten Melodien, die um ihn herumtanzen. Noumenon und Phänomenon. Alle Aussagen über das Noumenon sind phänomenal und können das Noumenon nicht berühren. Ob luzide oder nicht luzide kannst du dir glatt in die Haare schmieren.

D

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4 Antworten zu Jed McKenna: Kein Glaube ist wahr

  1. Georg Alois schreibt:

    Einen dicken Knutsch für das Geschriebene und einen wunderschönen Tag in diesem Sinne „Gepriesen sei die Ratlosigkeit!“

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  2. fredoo schreibt:

    es zeigt sich , dass das zuvor geglaubte einem aufgeblasenen Schauchboot gleicht …insgeheim hatte ich es ja bereits zuvor vermutet , und , wenns denn käme , was da kam , erwartet , dass ein exzessives Feuerwerk all diese Glaubenssätze zu kosmischem Staub zermalen würde …
    so war der Glaubenssatz über meine Glaubenssätze …

    die eigentliche Verblüffung bestand nun darin , dass genau dies nicht geschah..

    denn das Schlauchboot „meine Glaubenssätze“ erwies sich als durchaus tauglich tragfähig und bedurfte keiner Explosion … denn dies hätte ja nur ein anderes Schlauchboot erzeugt … und so ganz ohne Schlauchboot war schlecht paddeln auf dem Fluss der Ereignisse …

    was hatte sich aber denn dann ergeben ? … nachdem sich zeigte , was sich zeigte und dies ganz ohne Schlauchboot … wurde da das Schlauchboot überflüssig ? oder ergab sich ein neues SuperSchlauchboot ? … tja … wäre ja auch wieder nur ein Schlauchboot …

    hmmm … vielleicht so formuliert … während ich früher das Schlauchboot als „mein“ Schlauchboot unbedingt zu benötigen glaubte … benutzte ich jetzt weiterhin trotzdem das Schlauchboot … wohl aus reiner Faulheit , da mir jedes andere im Fluss der Ereignisse zu benutzende Paddelhilfsmittel ebenso Schlauchboot ist und mir der Wechsel von Schlauchboot zu Schlauchboot allein schon gegen die angeborene Faulheit ging … die „leeren“ Momente in der EreignissFlussReise fanden ja weiterhin zur eigenen Freude statt , von Zeit zu Zeit … und dies egal in welchem Schlauchboot gerade gepaddelt wurde … also entstand eine Art belustigte Vertrautheit mit meinem Exemplar „Zodiac“ …

    tja …

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    • Nitya schreibt:

      Du solltest einen Schlauchbootverleih eröffnen, werter Herr Fredo. Als Kinder haben wir das doch vermutlich alle so gehalten. Heute spielten wir dieses Spiel und morgen jenes, schlüpftenin in alle möglichen Rollen und nahmen sie tierisch ernst, durchaus wissend, dass es nur Spiele und Rollen waren. Ich weiß nicht, ob wir ohne irgendwelche Annahmen überhaupt funktionieren könnten. Als ich mir eben meinen Morgenkaffee machte, ging ich davon aus, dass der Strom nicht abgeschaltet und der Wasserkocher nicht defekt ist. Das ist ja fast schon ein Glaube, so wenig stelle ich das in meinem alltäglichen Handeln in Frage. Dennoch ist das Bewusstsein da, es ist nur ein Annahme. Sag mal deinem zuständigen Sachbearbeiter beim Finanzamt, dass er nur Sachbearbeiter spielt und dass das übrigens ein doofes Spiel ist und du lieber Cowboy und Indianer mit ihm spielen willst. Ich fürchte, die meisten Sachbearbeiter wollen ihr Spiel und ihre Rolle nicht als Spiel und Rolle sehen. Sie SIND Sachbearbeiter. Halleluja!

      tja …

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