Alan Watts: ein ärgerliches Paradoxon


ADas Scheitern, dem das Denken entspringt, ist natürlich das Scheitern am Überleben. Die kontemplativen Taoisten lehnten zwar das Streben nach Unsterblichkeit ab, befürworteten jedoch sehr „das Ausleben der natürlichen Lebensspanne“, und deshalb lobt Chuang-tzu den Buckligen und den nutzlosen Baum. Sie sagen außerdem, dass die Chancen zu überleben am besten stünden, wenn man nicht ängstlich darum besorgt ist, und dass die größte Macht (te) denen zu eigen ist, die sie nicht erstreben und keine Gewalt anwenden. Man macht sich kaputt, wenn man um sein Leben zittert, und man überanstrengt den Organismus, wenn man Macht erstrebt und Gewalt braucht. Man erhält sich am besten, wenn man sich reibungslos gleiten lässt, und das ist nichts anderes als die Lehre Christi, sich um den nächsten Tag nicht zu sorgen, oder gemäß dem Prinzip der Bhagavad-Gita, zu handeln ohne Sorge um das Ergebnis (nishkama karma). Dieses Thema durchzieht die gesamte spirituelle Literatur der Welt: Wer nicht begehrt (ermangelt), der erhält; wer hat, dem wird gegeben werden. Für die, welche meinen, nicht zu haben, ist das ein ärgerliches Paradoxon. Wenn du im Grunde deines Herzens verzweifelt am Leben hängst und alles in der Hand haben willst, kannst du die richtige Haltung nicht einnehmen und die Sorgen fahren lassen.

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

L

Weniger ist leer.
Eine Aktion von
Brot für die Welt

Ich hab nix, ich bin nix und überhaupt bin ich in jeder Hinsicht zu kurz gekommen. Und nun soll ich mir auch noch so einen Schwachsinn gefallen lassen: „Man erhält sich am besten, wenn man sich reibungslos gleiten lässt.“ Wer hat, dem wird gegeben werden, soll Jesus gesagt haben, aber ist das nicht eine grenzenlose Schweinerei? Das ist doch sowieso das Credo dieser neoliberalen Raubtierkapitalisten: Zins und Zinseszins sorgen dafür, dass die, die haben, immer mehr haben werden, und die, die nicht haben, immer weniger haben werden, bis ihnen zu guter Letzt auch noch das Wenige weggenommen werden wird. Halleluja, so will es Gott! Und ich armes Würstchen soll also jetzt am besten die Klappe halten und mich reibungslos in meinen endgültigen Untergang gleiten lassen? Die haben doch wohl alle ’nen Knall!

D

Nein? Haben sie nicht? Oder bin ich bloß mal wieder doof und versteh bloß Bahnhof? Also mal wieder zurück auf Anfang. „Sie sagen außerdem, dass die Chancen zu überleben am besten stünden, wenn man nicht ängstlich darum besorgt ist, und dass die größte Macht (te) denen zu eigen ist, die sie nicht erstreben und keine Gewalt anwenden.“ Hmm, ich kenne vom Hörensagen Leute, die sind immer reicher geworden und uralt. Sogar gesund waren einige. Also ich weiß nicht, ich weiß nicht. Muss wirklich jeder Reiche ein Ebenezer Scrooge sein? Und auf der anderen Seite: Wie viele Hungerleider sterben heimlich, still und leise, einfach weil sie verhungern?

Weiter sagt Alan Watts: „Man macht sich kaputt, wenn man um sein Leben zittert, und man überanstrengt den Organismus, wenn man Macht erstrebt und Gewalt braucht.“ Na ja, da mag ja was dran sein. Andererseits zittern auch die Hungerleider um ihr Leben und Hunger überanstrengt sicher auch den Organismus und ja, sicher greifen sie, solange sie das noch können, in ihrer Not bisweilen auch zur Gewalt.

Ich fürchte, da haben sich ein paar kluge Leute mal wieder sehr missverständlich ausgedrückt. „Wer hat“ – damit ist kein materieller Besitz gemeint, sondern das Fehlen von Mangelbewusstsein. Wenn ich mit meinem kleinen Nissan neben dem Audi meines Nachbarn stehe, quält mich keinerlei Mangelbewusstsein. Dagegen könnte meinen Nachbarn ein Mangelbewusstsein heimsuchen, wenn er sieht, dass andere noch größere, noch neuere, noch teurere Audis fahren. Wer zufrieden mit dem sein kann, was ist, der „hat“. Wenn allerdings einem Hungerleider, der nicht mit dem zufrieden sein kann, was er hat, gesagt wird, er solle gefälligst zufrieden sein, dann … na ja, probier’s mal aus, dann wirst du schon sehen, was passiert.

„Wenn du im Grunde deines Herzens verzweifelt am Leben hängst und alles in der Hand haben willst, kannst du die richtige Haltung nicht einnehmen und die Sorgen fahren lassen.“ Also, ihr Lieben, hört gefälligst auf, im Grunde eures Herzens verzweifelt am Leben zu hängen!
DD

 

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8 Antworten zu Alan Watts: ein ärgerliches Paradoxon

  1. Pieter schreibt:

    Danke Nitya, zeigst mir am morgen gleich auf was man nur allzu leicht immer wieder vergisst.

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  2. fredoo schreibt:

    auch der nach Essen strebende Hungerleider ist in diesem „Leben eben“ …
    einfach in dem er es nicht als „sein“ Leben sieht , sondern als „ein“ Leben …
    genauer gesagt sogar als DAS Leben …
    ( in einer seiner unermesslich vielfältigen Möglichkeiten sich mit Ereignissen zu dekorieren )

    ich weiß , derartiges hört sich schnell nach Kopfgeburt an … Kopfgeburt eines zumindest im Moment satten …
    und doch , lässt sich genau dies sogar im Tierreich beobachten …
    der Löwe jagt eine Gazelle … diese schlägt Haken um Haken , versucht also alles um ihrer Not zu entkommen … gelingt dies , hüpft sie erleichtert davon … gelingt dies nicht , und der Löwe bekommt sie zu fassen , ergibt sie sich in (ihr) Schicksal …

    der Hungerleider wird bereits auf Grund seiner biologischen Programmierung alles unternehmen , um an Nahrung zu gelangen … gelingt dies , ist da Sättigung und Freude … gelingt dies nicht , verbleibt da Hunger und ein Gefühl von Not … jedoch … so oder so … ist dies einfach „Leben eben“ …
    und ein seltsamer Mechanismus lässt sich Beobachten … gerade in extremer Not ( aber auch in höchster Freude ! ) kulminiert das Erleben stets in eine Art Kollaps , der Lebensmotor schaltet ganz plötzlich kurz in den Leerlauf , und eine Art spontane Rückbesinnung auf die „Basis des Lebens“ findet statt … dieses sich auf das „wahrhaft existenzielle“ zurückzubesinnen , lässt sich gerade bei Menschen in größter Not beobachten … es scheint so zu sein , dass … letztlich … in der Kulmination der Not ( aber auch der Freude ) … dann der große Frieden auftaucht , der allem zugrunde liegt …
    dies Erleben ( des FRIEDENS ) ist nur so fein und unauffällig , dass wir es alle zumeist gar nicht bemerken . Und pübersehen , dass er bereits unser aller Leben , immer wieder kurz auftauchend , quasi alltäglich konfiguriert . Und das Ereignisse wie Freude oder Not nur die Zwischenzeiten dekorieren …

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    • Nitya schreibt:

      „jedoch … so oder so … ist dies einfach ‚Leben eben'“

      Werter Herr Fredo, das „Leben eben“ besteht ja nicht nur aus solchen dramatischen Höhepunkten, wie es das Bild mit dem Löwen und der Gazelle beschreibt. Sehr häufig besteht es aus einer endlosen Zahl von Jahren des Elends, des Mangels, des Frierens, des Sklaven-Daseins, des Vergewaltigt-Werdens, des Geschlagen-Werdens, …

      Und wenn du jetzt sagst „jedoch … so oder so … ist dies einfach ‚Leben eben'“, dann hast du zwar absolut recht, aber wie du schon befürchtet hast, wirst du zu hören kriegen: Es ist die verdammte Kopfgeburt eines zumindest im Moment Satten …

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      • fredoo schreibt:

        yepp …
        und doch …
        hat auch Hunger und Not keine besondere Bedeutung …
        selbst nicht für den , der genau dies gerade erleben muss ( darf/soll ) …
        denn , wie geschildert , in Kulmination , kippt alles um ( und wenn so wahrgenommen , in den FRIEDEN )
        und mir erscheint es , dass die „Schrecklichkeit“ von Hunger und Not , gerade bei dem so schrecklich ist , der dies ( noch) nicht erlebt ,
        während der damit direkt konfrontierte oft erstaunlich gelassen damit umgeht .

        Ich habe den Tod der Mutter meiner Kinder vor einigen Monaten muiterlebt … (Brustkrebs) … und dabei einiges über Leiden bemerkt …
        Ich hatte diese Frau geliebt … und gehasst … mit ihr zusammen unsere Kinder , auch in Trennung koperativ großgezogen … Sie trotzdem nach Jahrzenten immer noch als „herausfordernd“ und provokativ erlebt …
        und dann … seltsam genug … mit der tödlichen Diagnose (einige Monate … höchstens) konfrontiert … eine merkwürdig „angekommene“ Frau erlebt … endlich hatte sie das gefunden , was sie ihr Leben lang gesucht hatte … „ihren Ort“ ihre heimat …
        Ich frage mich nun … war da die Not der Preis ? …
        und was wäre mir in vergleichbarer Situation meine Not ? Bedrückung oder … auch … Chance ?
        Ich weiß es nicht …
        Ich habe lediglich eine Art Ahnung … das es doch seltsam ist mit der Not und mit den irgendwie daraus auch entstehenden Möglichkeiten …
        ich weiß auch nicht , ob dies reine SelbstSedierung ist , oder eine mögliche andeere Betrachtungsweise …
        ich werde es wahrscheinlich bemerken , spätestens wenn Sensenmann bei mir anklopft …😀

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      • Nitya schreibt:

        Als der Sensenmann bei mir anklopfte – er hat nur angklopft und mich noch nicht für würdig befunden, mich mitzunehmen: Weder bei meinem Schlaganfall, den ich selig im heimischen Bett liegend überlebte, noch bei meinem Herzinfarkt mit Bypass-OP, den ich entschieden weniger selig im Krankhaus überstand, tauchte so etwas wie Angst auf. Und das, obwohl ich voher nicht eine Zeit des Leidens zu ertragen hatte. Mir scheint die Vorstellung, dass Leiden die Voraussetzung für was auch immer sein müsste, nicht so recht nachvollziehbar zu sein. Ich denke, dass sich das wie alles andere auch ganz individuell unterschiedlich gestaltet. Eines kann ich dir jedoch ganz sicher sagen: Ich leide wie Hund, wenn es mir beispielsweise zu kalt ist. Und dieses Leiden hat so gar nix Spirituelles und bedarf auch keinerlei spiritueller Überhöhung. Ich bin nix Besseres als ein Hund, warum darf ich nicht einfach ganz hündisch leiden? Und wenn irgendwo auf der Welt ein Mensch Hunger hat oder Durst oder ihn sonst ein Übel quält, dann – ecce homo!

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      • Elwood schreibt:

        Ich vermute der große Frieden taucht auf, wenn der Glaube fällt, das man da noch was machen könnte – das überhaupt etwas durch MEIN machen etwas verändert wird. Z.B. kurz vor dem Tod,– wenn der Widerstand bricht und damit auch alle Hoffnung des machbaren. Dies ist aber nicht zwingend. Ich hab miterlebt wie meine Eltern nach ihrer Krebs-Todesvorankündigung alles taten um ihre Hoffnung nicht zu verlieren – völliges wegschieben der Unvermeidbarkeit. Es war sehr quälend für uns, da keine ehrliche Aussprache mehr möglich war. Mein Vater hat vielleicht sein Satori ganz kurz vorm Tod erfahren, es gab so etwas wie Vergebung in seinem Händedruck, aber vielleicht war es nur meine Deutung. Meine Mutter ist ihren Wahnvorstellungen verfallen und ihr Tod ist still im Morphiumschlaf vonstattengegangen.
        Für den Verlust der Hoffnung gibt es keine Vorbedingung. Unsere Verstandesprogrammierung ist darauf eingestellt – zu machen, da ist rumdoktern daran eben solches machen. Hoffnung zu verlieren ist wie aus dem Verstandes-Haben-Machen -Zustand herauszufallen und jenes SEIN, welches erscheint, ist eben nicht zu haben und auch nicht zu machen.

        Es gab immer wieder auch kleine Friedensmomente in meinem Leben, wie z.B. auch nach dem Tod meiner Mutter, oder bei großen Schmerzen wie bei meinen Gallenkoliken. Ich sehe darin nur die natürlichen Schutzprogramme des Gehirns.
        Richtig leidend bin ich in meiner Depression, wenn es sich so endlos Sinn- und Zukunftslos dahin eiert, ich aber jenes Gefühl nicht beenden kann: „Es müsste von mir irgendwas geändert werden, aber ich weiß nur nicht wie?“
        Der Kollaps kommt oder er kommt nicht…

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  3. Eno Silla schreibt:

    Ein (ärgerliches?) Paradoxon
    Ich hab hier heute mal wieder eine Sounddatei:

    Es ist auch ein Test, solche Dateien über Soundcloud hier anzubieten.
    Und es ist aus dem Teil 40 der bei Youtube veröffentlichten Pfingsttalks. Ich bin also durch damit – puuuh🙂 !

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  4. fredoo schreibt:

    zu nitya …
    das mit dem leiden wie ein hund kann ich nachvollziehen und ist selber erlebt …

    ich hatte , die götter werden wissen warum , eine seltsame unverträglichkeit der früher üblichen betäubungsmittel beim zahnarzt … jedoch damals bereits diverse wurzelbehandlungsaspiranten …

    es gab also nur die alternative … zahnklinik mit totalabschuss in vollnarkose … oder halt … aushalten …
    da ich noch größere angst vor dem totalabschuss hatte ( da mich der letzte fast ins jenseits befördert hatte ) blieb nur das aushalten …. ( zugegeben mit leicht wirkender sedierung )
    ich habe dann den schmerz ganz direkt „angeschaut“ , und seine gleißende farbe und hitze gesehen …
    und … zur eigenen überraschung ( und der des arztes ) es war machbar … auch wenn ich … gefühlt … 5 kilo dabei verloren habe …
    den göttern sei dank , ist dies bei moderneren mitteln nicht mehr notwendig … ufff …
    was mir jedoch aufgefallen ist , damals … das war dieser effekt des „abschaltens“ im klimax …
    die angst davor ist wohl unvermeidbar … doch die angst dabei erfährt in besagtem klimax oft eine art „notabschaltung“ .. so jedenfalls meine beobachtung hier in diesem fredoo-körper …

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