Rudolf Bahro: … es ist uns entglitten

 

BFür die, die noch nie von ihm gehört haben, in aller Kürze die Vorstellung in Wikipedia: „Rudolf Bahro (* 18. November 1935 in Bad Flinsberg, Kreis Löwenberg i. Schles.; † 5. Dezember 1997 in Berlin) war ein deutscher Philosoph, Politiker und Sozialökologe. Er gehörte zu den profiliertesten Dissidenten der DDR und wurde durch sein sozialismuskritisches Buch Die Alternative (1977) bekannt.“

1994 schrieb Rudolf Bahro an seine frühere Frau, Gundula Bahro den Satz: „Wir haben versucht, ins Rad der Geschichte einzugreifen, es ist uns entglitten.“ Und weil es so kennzeichnend für dieses Scheitern ist, ist hier noch ein Hinweis bei Wikipedia zu finden: „Im Sommer 1983 verbrachte Bahro im Rahmen einer Vortragsreise durch die USA einige Wochen in der Kommune von Bhagwan Shree Rajneesh (Osho) in Rajneeshpuram (Oregon). Über dieses Experiment äußerte er sich sehr positiv. Noch während dieser Vortragsreise und dann auch im grünen Milieu in Deutschland sah er sich deshalb erheblichen Anfeindungen ausgesetzt. Nachdem Rajneeshpuram bald darauf aufgelöst worden war und Bhagwan die USA verlassen musste, nannte Bahro als Hauptgrund für das Scheitern dieses Projekts die unreflektierten Machtstrukturen.“

RDer Brexit ist in aller scheinheiligen Münder und angeblich die große Frage: EU – quo vadis? Als ob das tatsächlich eine Frage wäre! Sie ist längst beantwortet worden: Machterhalt und grenzenlose Steigerung der Macht für die, die sie schon zu haben glauben. Aber natürlich gab und gibt es immer wieder Menschen, die sich sehr engagiert und ernsthaft Gedanken darüber machen, wie der anscheinend unaufhaltsame Untergang der EU – oder sollte ich nicht gleich den Rest der Welt miteinbeziehen? – wie dieser Untergang gestoppt und in sein Gegenteil verkehrt werden kann. Einer dieser Menschen war dieser wunderbare Rudolf Bahro, der unaufhörlich weiter daran mitzuwirken versuchte, dass das Schlimmste vielleicht doch noch abgewendet werden kann, und das, obgleich er sah, dass alles auf ein Scheitern seiner Intentionen hinauslief. Das ist die unbeantwortete Frage: Ist ein Reflektieren der Machtfrage wirklich ausreichend dafür, um den permanenten Machtmissbrauch zu verhindern? Und wenn es nicht ausreichend ist, was habe ich als realistische Alternative anzubieten? „Die Egogegner“ Juncker, Scholz, Merkel, Gabriel & Konsorten singen alle dasselbe Lied: Schluss mit den nationalen Egoismen! Und sie versuchen ihre zentralistisch-egoistische EU-Idee weiter durchzuboxen. Nein rufen die anderen. Was wir brauchen ist Dezentralisierung. Sancho“ alias Dieter Federlein: Nur Stämme werden überleben! Oder wenigstens so etwas wie ein Europa der Regionen soll es sein oder man solle sich die Schweiz als Vorbild nehmen oder oder oder. Ist das das Gelbe vom Ei: Groß oder klein?

IFür mich läuft alles auf einen Punkt hinaus und der scheint nicht wirklich vermittelbar zu sein: Alle menschlichen Bemühungen laufen darauf hinaus, dieses „Ich“ dauerhaft mit grenzenloser Macht auszustatten, dieses Ich, das nichts als eine Vorstellung ist. Wer ist überhaupt an einer Rettung des Universums oder wenigstens unserer Erde oder wenigstens der EU interessiert, wenn nicht alle „Ichs“, also die Summe aller Vorstellungen? Hier die Aussage von einem Nicht-Ich, genannt Nisargadatta: Was nach der Auflösung des Universums, wenn überhaupt keine Spur von Schöpfung mehr erkennbar ist, übrig bleibt, ist mein vollendeter Zustand. Durch die Schöpfung und Zerstörung des Universums hindurch bleibe ich immer unberührt. Ich habe diesen Teil nicht erklärt: Mein Zustand hat nie die Schöpfung und Zerstörung des Universums gespürt. Ich bin das Prinzip, das alle Schöpfungen, alle Zerstörungen überlebt. Das ist mein Zustand und auch deiner, aber du erkennst es nicht, weil du dich an dein Sein klammerst. Sollen wir also die Rettung der EU abblasen und zuschauen, wie sich die EU mitsamt der ganzen Welt in Wohlgefallen auflöst? Oder wäre es vielleicht doch überlegenswert dem Hinweis von Steven Harrison zu folgen: Wie wäre es, wenn wir das Leben einfach seinen eigenen Weg finden lassen würden und wir es gleichzeitig ändern? Das sind keine Gegensätze. Unser Wunsch, das Leben zu ändern, ist Teil des Lebensflusses.

Ich gestehe, ich bin da ganz auf der Seite von Steven Harrison und insofern habe ich sehr viel Verständnis für jemanden wie Rudolf Bahro oder „Sancho“ alias Dieter Federlein. Und da bin ich ausnahmsweise einmal ganz bei dem Satz, den Luther angeblich einmal gesagt haben soll: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

A

 

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8 Antworten zu Rudolf Bahro: … es ist uns entglitten

  1. Alexandra schreibt:

    Guten Morgen, lieber Nitya, danke. Genau so sehe ich das auch!
    Einen schönen Tag!

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    • Alexandra schreibt:

      Fiel mir ein beim Thema „Bäumchen pflanzen“…. Ob Sinn oder nicht… ich will und kann nicht anders leben als so wie ich im Moment bin. Mit allen Wandlungen und allen Programmierungen, die ablaufen. Den Felix find ich toll!

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  2. ananda75 schreibt:

    ich glaub ja eher an die Veränderung von Innen – ich mach mich glücklich – dann Ansteckung/ Domino-Effekt …. glückliche Menschen sind „bessere“ Menschen… so in der Richtung….
    hab einen guten Tag🙂

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  3. Elwood schreibt:

    Brich ab das Lernen, so bist du sorgenfrei!

    Sind denn „Jawohl!“ und „Recht gern!“
    Wirklich einander so fern?
    Sind denn das Gute, die Schlechtigkeit
    Wirklich einander so weit?
    „Wem andere Menschen sich beugen“:
    Welch Öde doch! Und kein Ende noch!

    Die Menschen alle sind ausgelassen,
    Als säßen sie zechend beim Opferfest,
    Als stiegen sie auf zu den Frühlingsterassen.
    Ich allein liege noch still,
    Kein Zeichen hab ich gegeben,
    Gleich einem kleinen Kinde,
    Das noch nie gelacht hat im Leben;
    Bin schwankend und wankend,
    Als hätt ich die Heimat verloren.
    Die Menge der Menschen hat Überfluss;
    Nur Ich bin wahrlich von allem entblößt.
    Wahrlich, Ich habe das Herz eines Toren,
    So dunkel und wirr!
    Die gewöhnlichen Menschen sind hell und klar;
    Nur Ich bin trübe verhangen.
    Die gewöhnlichen Menschen sind strebig-straff;
    Nur Ich bin bang-befangen.
    Ruhelos gleich ich dem Meere;
    Verweht, ach, bin gleichsam ich ohne Halt.
    Die Menschen machen sich nützlich all,
    Nur Ich bin halsstarr, als ob ich ein Wildling wäre.
    Nur Ich bin von den Menschen verschieden –
    Der ich die nährende Mutter verehre.

    aus: Lao-Tse, „Tao-Tê-King“, in der Übersetzung von Günther Debon
    https://satyamnitya.wordpress.com/2010/11/23/ohne-halt/

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    • alexandra schreibt:

      Eben auf der einen Seite vom Haus regen und Sonne, auf der anderen seite kein Regen. Fünf Minuten lang! Spock würde sagen: „faszinierend!“ Bin fasziniert von einer Seite zur anderen gelaufen… Immer noch ein prächtiger Regenbogen…. Wenn auch das Wetter verrückt spielt, faszinierend!

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  4. Eno Silla schreibt:

    in dieses leben geworfen
    in diese unfassbarkeit
    bin ich jetzt
    mensch
    was das ist
    weiß ich nicht
    es entgleitet mir
    und ich mir selbst
    in all dem erklärungsmüll
    ich fühle nur
    empfinde
    sehe dieses geschehen
    bin inmitten davon
    tue was ich tue
    erhabene klarheit
    dunkelste zerrissenheit
    dazwischen spannt sich
    lebendige anwesenheit

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