Ryōkan: mit einem großen Lächeln im Gesicht


R

Als ich jung war und ein lebenslustiger Bursche,
Habe ich mich in der Stadt herumgetrieben,
Stolz trug ich eine Jacke aus weichster Daune
Und ritt ein prächtiges, kastanienbraunes Pferd.
Tagsüber galoppierte ich durch die Stadt,
Und abends betrank ich mich
unter Pflaumenblüten am Fluss.
Nie habe ich ans Heimkehren gedacht
Und endete dann gewöhnlich im Freudenhaus,
mit einem großen Lächeln im Gesicht.

Ryōkan
S

So, so – so einer war dieser Ryōkan also in jungen Jahren. Ein Geck, ein Haderlump, der sich betrank und sich mit leichten Mädchen vergnügte. Pfui aber auch! Da war Buddha doch ein ganz anderes Kaliber! Gleich nach der Geburt soll er sich aufrecht hingestellt und verkündet haben: „Dies ist meine letzte Geburt. Für mich gibt es keine Wiedergeburten mehr.“ Donnerlittchen, genau so muss es doch sein bei einem richtigen Heiligen. Da kann sich der Ryōkan doch mal ’ne Scheibe von abschneiden! Ich muss gerade an meine erste Schwiegermutter denken. Sie soll auch immer in jungen Jahren auf ihrer schweren BMW-Maschine mit ihren offenen roten Haaren durch die Stadt gebraust sein und schrecklich auf den Putz gehauen haben. Ist denn das nicht völlig okay, wenn ein Jugendlicher zeigen will, dass es ihn gibt und dass er doch ein ziemlich geiler Typ/eine ziemlich geile Typin ist? Mich gibt’s – Halleluja! Buddha dagegen – hmm, da schweigt des Sängers Höflichkeit. Also ich kann mit dem Ryōkan mehr anfangen. Einfach ein Mensch – ist das nicht mehr als genug? Irgendwie scheint einzigartig zu sein nie genug zu sein, es muss immer ganz besonders einzigartig sein. Gleich nach der Geburt stehen und verkünden zu können, wow, das ist doch mal was!

IAber der Ryōkan war ja anscheinend nicht nur ein Angeber, er war zudem auch noch ein völlig unmoralisches Subjekt, also richtig runtergekommen. Ich mein, mal ein Gläschen in Ehren ist ja okay, aber regelmäßig nächtelang durchsaufen und dann auch noch bei irgendwelchen schlechten Frauen landen, nein, also das geht ja nun wirklich gar nicht. Und so was soll ein Heiliger sein?!

Ich weiß nicht, ob ich so weit gehen will zu sagen, nur „so was“ kann möglicherweise ein Heiliger werden. Woher könnte ich denn das wissen? Und wenn ich Bodhidharma lausche, dann ist eh nichts heilig, und wenn ich Osho höre, dann ist entweder nichts oder alles heilig. Was soll ich mir also darüber den Kopf zerbrechen! Im Übrigen hab ich Mühe, mir vorzustellen, dass dieser Ryōkan sich selbst als heilig bezeichnet hätte. Buddha wahrscheinlich auch nicht. Es sind ja immer die anderen, die dieses „Hosianna!“ und „Kreuziget ihn!“ schreien müssen. Und Ryōkan – beendet die Beschreibung seiner Jugend-„Sünden“ mit den Worten: „mit einem großen Lächeln im Gesicht“. Und das hab ich auch im Gesicht, wenn ich das lese. Es sei ihm von Herzen gegönnt!
H

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21 Antworten zu Ryōkan: mit einem großen Lächeln im Gesicht

  1. Pieter schreibt:

    Kann mich eines ganz breiten Grinsens nicht erwehren.
    Welch ein Spiegel für mich,hoffe nur ,dass ich die Kurve noch gekriegt hab, aber das wird ein anderer beurteilen.
    :-)) Danke, zeigst mir ganz viel wertvolles.

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    • Nitya schreibt:

      Na, du alter Knochen! Auch dir einen fröhlichen Morgen!

      Ich stimme dir völlig zu, die Beurteilerei können wir gerne denjenigen überlassen, die im Beurteilen anderer ihre Lebensaufgabe sehen.

      Ich wünsch dir was, keine Ahnung was, noch mehr von deinem breiten Grinsen vielleicht.

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  2. kekabe schreibt:

    Guten Morgen, lieber Nitya!😉
    In deinem heutigen Beitrag kommt ja so ziemlich alles zusammen, was die Welten bewegt. Wunderbar!

    Danke und herzliche Grüße ins Wochenende!
    Kerstin

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    • Nitya schreibt:

      Einen wundervollen Morgen auch dir, liebe Kerstin!

      Oh ja, das liebe ich sehr, wenn alles zusammenkommt. Osho hat immer von der Meditation auf dem Marktplatz geschwärmt. Und Bodhidharma hat es ausgedrückt mit seinem Hinweis: „Offene Weite, nichts von heilig.“ Oder eben alles heilig auf diesem Marktplatz des Lebens.

      Herzlichen Gruß auch dir und ein vergnügliches Wochenende!
      Niya

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  3. ananda75 schreibt:

    kommt mir irgendwie bekannt vor, der Mann
    kein Heiliger ohne Vergangenheit – kein Sünder ohne Zukunft
    demnach habe ich eine groooße Zukunft😆

    aber nu tu mal dem Buddha nich unrecht – der hat vielleicht nich auf dem Tisch getanzt, aber er hat sich auch eine Menge Mühe gemacht für seine Erleuchtung
    – und ist mir immer wieder ein Vorbild – ich war auch schon einige Male an dem Punkt, dass ich mir sagte : ich setz mich jetzt hier unter diesen Sch…Baum und bleib so lange sitzen, bis ich erleuchtet werde …. ich hab bis jetzt nur nie durchgehalten….

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    • Nitya schreibt:

      Dem Buddha unrecht tun? Ich? Niemals! Nur diese Geburtslegende musste ihr Fett abkriegen.

      Aber hat sich Buddha für seine sog. Eleuchtung Mühe gemacht? Anfangs schon. Da wollte er unbedingt noch was haben. Zum Beispiel Erleuchtung. Dann hat er den Schwachsinn erkannt und mit ihm aufgehört. Das war sie dann, die Erleuchtung.

      Dass du mit deiner Warterei nicht durchgehalten hast, ist ganz doof. Jetzt kannst du dir sagen: „Wenn ich lange genug durchgehalten hätte, dann hätte ich es erreicht.“ Was denn erreicht? Die Erleuchtung?

      Als Buddha ans Ziel gelangt war, fragte ihn jemand: “Was hast du gewonnen?“ Da lachte er und sagte: „Nichts, überhaupt nichts. Im Gegenteil, ich habe etwas verloren. Gewonnen habe ich nicht.“ Der Mann sagte: „Aber wir dachten immer, dass ein Erleuchteter etwas gewinnt!“ Buddha sagte: „Völlig falsch, absolut falsch. Ich habe etwas verloren… ich habe mein Elend verloren. Und ich habe nichts dazugewonnen – denn alles, wovon ihr meinen könntet, ich hätte es gewonnen, ist seit jeher schon da gewesen. Und jetzt muss ich über die ganze Lachhaftigkeit lachen. Warum nur war mir das nie klar? Es war in mir; es war mitten in mir drin! Wie konnte mir das entgehen? Wie konnte es überhaupt dazu kommen?“ (Osho)

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  4. Pieter schreibt:

    @ananda
    HäHä so gehts mir auch,hab auch nicht durchgehalten.
    Aber vieleicht liegts ja auch am Baum, wie alt und wie weise der schon oder erst ist. :-))

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    • Nitya schreibt:

      Erleuchtet sein wollen ist einfach die Krankheit der Erleuchtungsgier. Wer etwas haben will,ist einfach nicht mehr da, ist nur noch in seinem Kopf mit seinenhübschen Vorstellungen. „Wenn ich einmal erleuchtet wär …“

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      • Pieter schreibt:

        Grins, Nitya wir wüssten es doch schon und doch macht man immer wieder den Mist weils zu langsam geht, also ich erwisch mich immer wieder

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      • ananda75 schreibt:

        vor der Erleuchtung – Wasser holen, Holz machen
        nach der Erleuchtung – Wasser holen, Holz machen

        aber, ich kann sagen, je länger ich so sitze unterm Baum des Lebens – er wird leichter, der Wasser-Eimer, wenn man einfach Wasser holen geht…. – mein Lieblings-Zauber-Wort : einfach🙂

        Aber erleuchtet werden will ich doch – So – is mir ganz egal, ob das förderlich ist oder nicht😆

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    • ananda75 schreibt:

      Mensch – das hätteste mir auch vorher sagen können – schnell anderen Baum suchen geh 😆

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  5. Eno Silla schreibt:

    Irgendwo in diesen 40 Pfingstalks, sagt der Karl, sinngemäß: Erleuchtung gibt es nicht, außer als Idee und das Gute ist, wenn es keine Erleuchtung gibt, dann gibt es auch keine Nicht-Erleuchtung. Das fand ich gut, da jubilierte etwas in mir, mit einem Plopp verschwand die Karotte Erleuchtung – welche Erleichterung! Und was bleibt? Na das, was sowieso schon immer war/ist/sein wird, das, was all das ist, ohne zu wissen, was es ist… So ist da einfach wieder Wasser holen und Holz hacken. In meinem Fall ist es jetzt einkaufen, damit ich fürs Wochenende was zu essen habe und vielleicht kommt mich heute Koshi wieder besuchen, oder irgendein anderer Gast kommt vorbei/ läuft mir über den Weg. Irgendetwas geschieht ja immer in diesem geschehenlosen Geschehen.

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  6. Swami Prem Punito schreibt:

    Alles – außer Erleuchtung !
    L.G. Punito

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  7. Alexandra schreibt:

    Und trotzdem ist da eine Sehnsucht, die man nicht verdrängen kann. Das Suchen geschieht auch einfach, ob man will oder nicht. Vielleicht ist es auch gar kein Suchen mehr, aber… keine Ahnung, wie ich es ausdrücken soll. Der Verstand kann all die Fragen weder kapieren noch beantworten, aber die Fragen sind da. Die Welt ist verrückt, wie damit leben? Es scheint mir nur möglich mit einer anderen Sichtweise als die die ich bisher habe. Also muss erst was verschwinden. Aber was? Keine Ahnung. Aber irgendwie bin ich eben als jemand der sucht (die Wahrheit) auf die Welt gekommen. Kanns nicht ändern. Sonst würde ich wahrscheinlich weder diese Seite lesen noch anderes. Früher hab ich mehr Geschichtsromane gelesen. Die interessieren mich im Moment nicht. Was soll man da machen? So ist es halt.

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  8. Eno Silla schreibt:

    Der träumende Geist
    dieses vergänglichen Körpers
    hört nie auf
    obschon bereits erweckt
    bevor er geboren ward

    Ryokan

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  9. Elwood schreibt:

    Heilig –Unheilig, durch die Unterscheidung erschaffe ich mir erst meine Götter und Götzen.
    Diese müssen dann meinen eigenen konstruierten, konditionierten und verklemmten Moralvorstellungen entsprechen, damit ich ihnen folgen kann. Es ist meine Unterordnung, die mich in der scheinbaren Trennung leiden lässt und mich zum schärfsten Kritiker meiner selbst werden lässt. Ich glaube, es ist nicht möglich in dieser Unterscheidung unsere edle Geburt zu spüren und anzunehmen, dass alles aus dem gleichen Holz geschnitzt ist. Solange ich Richtig und Falsch huldige und ich nicht enttäuscht bin, gibt es für mich ein Ziel das es zu erreichen gilt: Die Belohnung für „meine“ Ich-Losigkeit – die Heiligung, die Erlösung – die Erleuchtung. Solange müssen die sogenannten Heiligen wohl ohne mich feiern.
    GODS‘-CLUB

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