G. I. Gurdjieff: Würdig, geführt zu werden?


GJeder Suchende auf dem Weg der Selbstentwicklung träumt von einem Wissenden als Lehrer. Er träumt von ihm, doch nur selten fragt er sich objektiv und aufrichtig: Ob er würdig sei, geführt zu werden? Ob er bereit sei, dem Weg zu folgen?

G. I. GurdjieffPDie Leute aus dem Westen sind so arrogant, dass Sätze wie: ‚Habe ich es verdient?‘ ihnen gar nicht erst über die Lippen kommen. Die meisten sagen: ‚Ach ja, das wusste ich schon.‘ Man nennt es Dünkel. Aber es gibt Menschen, die bei den Worten des Guru in die Knie gehen und sagen, dass sie diesen Gnadenreichtum nie verdient haben.“
H. W. L. Poonja

gestern gefunden auf Facebook bei Hridayam Om/Kasper Kopp

Ich erzählte es schon einmal: In jungen Jahren geriet ich in eine sehr kleine Gruppe von Menschen, die sich seit vielen Jahren jede Woche einmal trafen, um über Texte von Autoren zu philosophischen, psychologischen oder politischen Fragen miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich habe extra nicht das Wort „diskutieren“ verwendet, sondern die Formulierung „miteinander ins Gespräch kommen“. Ich verstand am Anfang so gut wie gar nichts, bekam jedoch mit, dass es sich um sehr freundliche, sehr bescheidene und intelligente Menschen handelte. Also ging ich über viele Monate zu den Treffen und durfte an den Gesprächen teilnehmen, auch wenn ich nur zuhörte. Nach etwa einem halben Jahr glaubte ich, ein wenig zu verstehen und dann dauerte es noch einmal eine Weile, bis ich mich aktiv in die Gespräche miteinbrachte. Das fiel mir wieder ein, als ich die beiden Texte von Gurdjeff und Poonja las.
DIch finde, das ist eine ziemlich vertrackte Geschichte. Von klein auf gab es Leute, die sich mir als Wissende präsentierten und die von mir erwarteten, dass ich ihnen glauben sollte, und mich sanktionierten, wenn ich es einmal nicht tat. Es war eine schwere Geburt, diese Autoritäten erstmals in Frage zu stellen. Einmal damit begonnen, ging es danach immer leichter. Das war die eine Seite. Die andere Seite hat Gurdjieff sehr schön mit diesem Satz beschrieben: „Jeder Suchende auf dem Weg der Selbstentwicklung träumt von einem Wissenden als Lehrer.“ Wie sollte ich nur die falschen Autoritäten von einem Wissenden unterscheiden – ich, der ich doch so wenig wusste? Ich war doch gar nicht in der Lage zu bestimmen, was falsches und was richtiges Wissen war. Irgendwelche Urkunden hätten mir da ganz bestimmt auch nicht weiterhelfen können. Aber das regelte sich in der folgenden Zeit dann alles ganz von selbst.
LEs tauchten Menschen auf, denen ich Glauben schenken und Menschen, denen ich kein Wort glauben konnte. Also nur ein Gefühl? Nur Intuition? Gefährlich, gefährlich. Na ja, da gab es Hinweise, an denen ich mich anscheinend orientierte. Der andere musste mir sympathisch sein – noch besser – ich musste ihn lieben (das Einfallstor für alle Heiratsschwindler); ich musste ihm ohne jede Mühe vertrauen; nicht er durfte auf mich zukommen, sondern ich musste ihn gefunden haben; er durfte mich nicht missionieren wollen; er durfte mich nicht auf irgendetwas festlegen wollen, sondern musste mir jede Freiheit zugestehen; ich musste jederzeit das Gefühl haben, wieder gehen zu können. Jetzt habe ich bestimmt noch den einen oder anderen Hinweis vergessen. Es war dieses Gesamtpaket, was anscheinend seine Wirkung bei mir entfaltete. Wer nun glaubt, dass ich mit meinem „Gesamtpaket“ auf der sicheren Seite gestanden hätte, der irrt. Einen Faktor hatte ich in meiner „Rechnung“ natürlich nicht auf dem Zettel gehabt, nämlich dass ich bisweilen oder oft einfach nicht sehen wollte.

Ich stimme Gurdjieff und Poonja völlig zu, das ist der Punkt der am wenigsten im Bewusstsein auftaucht: Habe ich es verdient bzw. bin ich würdig, geführt zu werden, bin ich bereit, dem Weg zu folgen? Ich würde es ganz sicher anders ausdrücken, aber es liegt im Grunde völlig auf der Hand. Es hat nichts mit Verdienst zu tun, auch nichts mit dem Würdig-Sein und nicht einmal etwas mit der Bereitschaft, dem Weg zu folgen. Das ist mir alles zu pädagogisch und macht nur Schuldgefühle. Es ist viel einfacher. Ein Baby kann kein Weltmeister im Gewichtheben sein. Es hat einfach (noch) nicht die Fähigkeiten hierfür. Das ist nicht seine Schuld und es hat auch nichts mit Verdienst oder Würde zu tun, sondern ausschließlich entweder mit seiner naturgegebenen Reife oder seinen Möglichkeiten. Ich kann nicht fliegen und werde es voraussichtlich auch nie können, dagegen kann ich kleinere Gewichte stemmen, die ein Baby wahrscheinlich noch nicht stemmen kann. Ein Weltmeister im Gewichtheben hätte ich vermutlich nie werden können.

Es dreht sich also alles darum, ob ich in der Lage bin, ganz nüchtern meine Möglichkeiten und Fähigkeiten genauso einzuschätzen wie die meines Gegenübers. Aber auch das ist eine Fähigkeit, die ich vorfinde oder nicht vorfinde. Insofern wäre es vermutlich das Beste, diese Fähigkeit bei sich anzuzweifeln und so ein wenig in seiner gottverdammten dümmlichen Selbstsicherheit und seinem Dünkel verunsichert zu werden. Unsicherheit macht bescheidener und bewusster. Das ist doch schon mal gar nicht so übel. Und es hilft vielleicht dabei, einen „Wissenden“ eher zu erkennen und anzuerkennen, was ja nicht heißt, dass ich ihm gleich die Füße abschlecken muss.

K

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12 Antworten zu G. I. Gurdjieff: Würdig, geführt zu werden?

  1. kekabe schreibt:

    Guten Morgen🙂
    Das ist ja das Verkannte daran, dass die meisten „Suchenden“ zunächst gar keine Suchenden, sondern oft erst einmal so etwas wie „Flüchtige“ sind, die nur wissen, was sie nicht wollen, es jedoch nicht vermögen oder wagen, in diesen inneren Zustand Einsicht zu nehmen.
    Ist dieser Schritt gemeistert (also wirklich: gemeistert), haben sich Arroganz und Dünkel aufgelöst, werden nicht mehr als Schutz gebraucht. Dort entsteht, so denke ich, der Weg in die Suche.

    *Immer diese Gedanken*🙂

    Lieben Gruß zu dir,
    Kerstin

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Kerstin, guten Vormittag🙂

      Ja, warum sollte jemand suchen, wenn er gefunden hätte, was für ihn stimmig ist. Jeder Suche geht vermutlich ein Nein voraus zu dem, was vorgefunden wird. Daraus kann dann Suche entstehen und Finden oder der ewiger Sucher/Flüchtling.

      „‚Flüchtlinge‘, die nur wissen, was sie nicht wollen, es jedoch nicht vermögen oder wagen, in diesen inneren Zustand Einsicht zu nehmen.“

      Das „Tragische“ ist ja, dass das nicht machbar ist. Nicht das Vermögen und nicht der Mut, Einsicht zu nehmen. Vorgefunden wird ja nicht nur der abgelehnte Zustand, sondern auch das fehlende Vermögen und der fehlende Mut und das Bewusstsein, das zu erkennen.

      „Ist dieser Schritt gemeistert (also wirklich: gemeistert), haben sich Arroganz und Dünkel aufgelöst, werden nicht mehr als Schutz gebraucht. Dort entsteht, so denke ich, der Weg in die Suche.“

      Dieser Gedanke basiert auf einer Vorstellung der Machbarkeit. Was machbar ist, kann auch meisterhaft gemacht werden oder eben auch stümperhaft. Machbarkeit setzt allerdings eine Entität voraus, die aus sich heraus entscheiden und handeln kann. Was aber, wenn diese Entität nur ein Gedanke wäre, nur ein Traum – genauso wie die Suche?

      *Tja, immer diese Gedanken*🙂

      Herzlichst
      Nitya

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  2. fredoo schreibt:

    Es ist ja der Hauptirrtum des Suchers an ein zu findendes „Objekt“ zu glauben .
    An ein Objekt = Wissen . Be-halt-bar . Be-nutzbar . Mein !

    Was sich manchmal jedoch stattdessen bei mancheinem zeigt ( und fürderhin nicht mehr vergessen werden kann ) ist ja genau dieses „ich weiß es (halt) nicht“ …

    „ich“ bin (als möglicher Wissender) gar nicht verortbar , also am „Wissen“ auch gar nicht beteiligt .
    also kein (tatsächlich vorhandenes ) „ich“ , sondern nur ein erscheinendes ( dekorierendes ) ich. ein „ich“ , dass lediglich Ereigniss „dekoriert“ … und auch nur im Kontext dieses Ereigniss an diesem „wissend“ beteiligt sein kann … da ist also kein (wahres/wirkliches) „ich“ , dass wissen (be-halten) könnte , sondern nur ein „als ob wissendes“ ich , da sein „Wissen“ ausschließlich aus Ereigniss schöpft … ( man könnte auch spontan dazu sagen ) …
    Wissen ist so stets fließender Moment ohne jegliche Be-halt-barkeit …
    Geht ein ( erwartetes / erhofftes ) Wissen über diesen spontanen Moment hinaus , wird es zur Über-Zeugung ( = den Moment überdeckend ! ) , das aus Erinnerung in Art eines künstlichen ( be-griffenen und damit ge-halt-enen) „Wissens“ hilfsweise erschaffen wird …

    Die Crux des (leidenden) Menschen entsteht aus einer sich einschleichenden Gewohnheit …
    die durchaus biologisch sinnvolle Funktion des „künstlichen Wissens“ aus Erinnerung ( = da könnte (!) ein Löwe hinter der Hecke sein ) beginnt etwa mit 2 bis 3 Jahren gerade auf Grund ihres Erfolges , immer mehr das Vertrauen in den Moment ( mit seinem „Wissen“ ) zu überlagern , und der Mensch des Erwachsenseins verwechselt irgendwann dann spontanes Wissen mit diesem Konstrukt-Ersatz-Wissen aus Erfahrung , und vor allem beginnt er peu a peu dies „be-griffene und damit fixierrte“ Wissen zu bevorzugen , statt sich weiterhin dem immer wieder neu nur von Moment zu Moment „Wissen“ anzuvertrauen. Der Erfolg der biologischen Hilfskonstruktion wird smit zum Boomerang für den HomoSapiens . Er hat , im biblischen Vokabularium , seine „Unschuld verloren“.
    Ich könnte mir vorstellen , dass diese Bevorzung des „be-griffenen“ Wissens auch im erheblichen Maße der modernen Lebensweise geschuldet ist , da der doch eher spontane Mensch der Vorzeiten mit seinen immer neuen Momenten der Lebensentfaltung immer mehr von den fixierenden Konstrukten des modernen , angeblich komfortableren Lebens verführt wird .
    Deswegen ist ja auch für uns alle das Erlebnis von Natur , sei es im Spaziergang oder in dem Kontakt mit Tieren so wohltuend , da dann dem „modernen“ Menschen sein „spontanes“ Naturell wieder näher kommt …

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    • Alexandra schreibt:

      Lieber Freedo,
      Deswegen ist ja auch für uns alle das Erlebnis von Natur , sei es im Spaziergang oder in dem Kontakt mit Tieren so wohltuend , da dann dem „modernen“ Menschen sein „spontanes“ Naturell wieder näher kommt …… Genau das erlebe ich ebenso. Wenn man Tiere beobachtet, versteht der Verstand vieles nicht, macht sich aber so seine Gedanken, warum das Tier jetzt das und das tun könnte. Ganz anders die Tiere selbst. Sie tun etwas aus einem spontanen Impuls heraus, dann ist schon der nächste Moment da, während ich noch darüber nachdenke, warum das Tier jetzt gemacht hat. Bei uns Menschen schalte sich zwischen Impuls und Handlung immer noch die Gedanken dazwischen. Obwohl wir selbst oft gar nicht wissen, warum wir etwas tun. Nur wir würden es gern wissen. Aber wer eigentlich? Und warum? Schon wieder warum. Völlig hirnrissig. Aber so läuft das Spiel nun mal. Und wird hin und wieder durchschaut oder auch nicht… Keine AAAAAAhnung!

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      • fredoo schreibt:

        nur son Tipp …
        das Spiel wird nicht durchschaut …
        solange da ein Schauender ist , ist dies unmöglich …
        was jedoch möglich ist , ist ein „für möglich halten“ …
        der „für möglich Halter“ scheint nicht sonderlich zu stören …
        den Verstand halt „ver-stehend“ zum Stehen bringen zu lassen , was für ihn gerade anliegt …
        und … zusätzlich … einfach für möglich halten , dass dies ein „Spiel“ ist …
        das reicht völlig aus …
        bereits dieses schlichte „für möglich halten“ zeigt an , das der Prozess der Unterminierung der Hypnose eines „Machers“ bereits bestens im Gange ist … nix zu tun … nix zu ändern … nur für möglich halten , das es schon deutlich wird , was da … einfach so … ist …

        und bis dahin … einatmen – ausatmen … und wenns halt passt , für möglich halten … und wenns nicht passt … einatmen – ausatmen …😀

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      • Alexandra schreibt:

        Danke Freedo. guter Tipp. Halte sowieso schon (fast) alles für möglich oder auch nicht möglich… Fast alles bis auf dass Gott eine Person ist. Lach.

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  3. Alexandra schreibt:

    P6260007.JPG

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