Maude: Ich habe die Tabletten vor einer Stunde genommen


HM„Und dann habe ich noch eine Überraschung“, sagte Harold. Er zog ein kleines Ring-Etui aus der Tasche, mit einem kleinen Bändchen verschnürt. „Du kannst es nach meinem Solo aufmachen“, sagte er und legte es neben Maudes Geschenk auf den Kaminsims.
„Ich hoffe“, fügte er hinzu und sah sie zärtlich an, „dass es dich besonders glücklich macht.“
„Oh, ich bin glücklich“, sagte Maude. „Wahnsinnig glücklich. Ich könnte mir keinen schöneren Abschied vorstellen.“
„Abschied?“
„Aber ja. Es ist mein achtzigster Geburtstag.“
„Aber du gehst doch nicht weg, oder?“
„Oh ja, mein Lieber. Ich habe die Tabletten vor einer Stunde genommen. Um Mitternacht sollte ich schon fort sein.“
„Aber …“ Harold starrte sie an.
Maude lächelte und nippte an ihrem Champagner.
Plötzlich wurde ihm klar, was sie getan hatte. Er stürzte zum Telefon.

aus: Colin Higgins, „Harold und Maude“


MHDa hat der junge Harold endlich jemanden gefunden, der auf derselben Welle schwimmt wie er, und er ist absolut selig. War er eben noch der einsamste Mensch auf der Welt, so ist mit einem Mal dieses unglaubliche Wunder geschehen – er ist nicht mehr einsam. Es ist, als habe sich Gott der HERR noch einmal erbarmt: „Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ Es interessierte ihn nicht, dass Maude seine Urgroßmutter hätte sein können, er verliebte sich in sie als sei sie die Einzige und die schönste Frau der Welt. Und Maude, die ihr an Erfahrungen überreiches Leben genießen gelernt hatte, genoss diese letzte Liebe noch einmal in vollen Zügen. Ich muss bei dieser Geschichte sofort an den Abend in Berlin denken, als ich mich in die Großmutter einer Freundin verliebte. Mir war ihr Alter genauso gleichgültig wie Harold das Alter von Maude. Es wurde auch nicht so eine Geschichte wie für Harold und Maude daraus, es blieb bei diesem einen Abend, aber wie ihr seht, habe ich diesen Abend bis heute nicht vergessen und ich hab sofort wieder dieses dämliche Grinsen im Gesicht, wenn ich daran denke.

Harold schwimmt also auf der Woge des Glücks und schmiedet Zukunftspläne für den Rest aller Zeiten. „Er zog ein kleines Ring-Etui aus der Tasche, mit einem kleinen Bändchen verschnürt.“ Harold wollte Maude heiraten. Ganz einfach. Die Maude war es einfach – für immer und ewig.

Er ahnte nicht, dass die glücklich lächelnde Maude die Weichen schon längst unwiderruflich in eine andere Richtung gestellt hatte: „Ich habe die Tabletten vor einer Stunde genommen. Um Mitternacht sollte ich schon fort sein.“ Maude hatte ihren Freitod schon früher angekündigt, aber Harold hatte das wohl keine Sekunde ernst genommen. So traf es ihn völlig unvorbereitet  und es war für ihn der totale Schock. Eben noch im siebten Himmel und mit einem Schlag in der Hölle.

Leben eben – oder nur ein Film?

H&M

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31 Antworten zu Maude: Ich habe die Tabletten vor einer Stunde genommen

  1. Georg Alois schreibt:

    Bitte erlaube mir, lieber Nitya, heute, an diesem historischen Tag, meiner Freude Ausdruck verleihen zu dürfen.
    Der Raubtier-Kapitalismus des homo rapax, die Rücksichtslosigkeit der freien Märkte, die Arroganz der Politiker, hat heute einen Dämpfer erhalten.
    „Small is beautiful: Die Rückkehr zum menschlichen Maß“
    Ich weiß, dass das natürlich auch weiterhin ein Wunschdenken ist, aber trotzdem bin ich heute mal optimistisch………….

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Georg Alois,

      kann ich gut verstehen. Manchmal ist einem nach so einem optimistischen Anfall. Klar ist das Wunschdenken. Na ja, dann ist es halt Wunschdenken. Man wird ja wohl hin und wieder noch träumen dürfen.🙂

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    • fredoo schreibt:

      hmmmm …. tja … obwohl ich dieses reduzieren auch sympatisch finde , will mein „verschwörungshirn“ nicht ruhen .
      es duftet für mich halt beim brexit auch ein wenig nach einem den „kumpel aus der schusslinie bringen“ .
      denn das in „europa“ ein krieg herrscht , und sich dieser eskalieren dürfte , ist bisher von vielen nur noch nicht bemerkt worden .
      und wer da wie seit jeher die fäden zieht können auch nur wenige sehen … obwohl es doch immer mehr werden …
      die beutegreifer des kapitals haben schon immer mit dieser methode ihre säckel gefüllt , und das europa in ihr fadenkreuz geraten ist , dürfte eigenlich nicht mehr zu übersehen sein …

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      • Elwood schreibt:

        Meine misanthropische Verschwörungsträume gehen auch mehr in diese Richtung.
        Die Familie rückt wieder enger zusammen und es ist viel besser von außen an der Verteilungsmasse teilzuhaben als mitten drin zu stecken. Und dieses ungeliebte Jammerlappenkind EU wird eh nicht gegen Pappi aufbegehren, das würde den Niedergang wohl auch nur beschleunigen (wobei Niedergang im Auge des Betrachters liegt), aber Papis Gouvernante passt schon auf uns auf.
        Alternativloser Glaube versetzt Waffenberge:
        http://www.n-tv.de/politik/Merkel-will-Militaerhaushalt-fast-verdoppeln-article18016056.html
        Alles eine große Bühne….

        Alle Welt sucht nach Befriedigung, nach der Erfüllung ihrer Wünsche. Und die Antwort findet man in Zeitschriften! Kein Wunder, dass die Leute heute noch viel tiefer in das Dickicht ihrer Ignoranz verirren als früher. Informationen aus aller Welt erreichen uns noch am selben Tag am Bildschirm. Und so beschleunigt sich auch der Kreislauf unserer Illusionen. Wir nennen diese Beschleunigung „Fortschritt“ oder „Zivilisationen“, die Frage ist nur, in welche Richtung wir eigentlich fortschreiten. Vom Standpunkt des Buddhismus aus betrachtet, bedeutet dieser „Fortschritt“ in Wirklichkeit einen Verfall. Wir beschleunigen unseren Verfall, und die ganze Welt windet sich dabei im Leiden. Die Menschheit schritt fort von Pfeil und Bogen zur Armbrust, von der Armbrust zur Schrotbüchse, dann weiter zum Maschinegewehr bis sie schließlich bei der Wasserstoffbombe angelangte. Doch wie weit haben sich die Menschen dabei charakterlich entwickelt? Nicht besonders: Es sind immer noch die gleichen grünen Bengels, die da aufeinander ballern. Nur haben sie heute gefährlichere Waffen in der Hand.
        Kodo Sawaki

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      • Nitya schreibt:

        Liebwerter Herr Fredo, du kannst einem aber auch wirklich den ganzen Traumtag mit deinen schwarzen Gedanken vermiesen. Aber keine Sorge, es kommt noch viel schlimmer, als du denkst.😉

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Elwood,

        „Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.“ Das ist genau der Punkt. Jesus in der Wüste sagte NEIN zum Angebot des Versuchers. Wer ein exzellentes Angebot im Zweifelsfall nicht zurückweisen kann, hat’s schon vergeigt.

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      • Elwood schreibt:

        Das Angebot heißt „ICH“, das Geschenk der Natur ist Korruption selbst, die Illusion, die sich selbst täuscht, beständig zu sein und sich gezwungen sieht, sich zu erhalten. Alle Angebote locken anscheinend mit dieser ICH-Erhaltung.

        Wenn du in einem Boot bist und nur auf das Ufer schaust, denkst du, dass sich das Ufer bewegt; wenn du aber auf das Boot schaust, wirst du entdecken, dass es eigentlich das Boot selbst ist, das sich bewegt. Desgleichen, wenn du versuchst, die Natur der Erscheinungen nur durch deine eigene verwirrte Vorstellung zu verstehen, wirst du fälschlicherweise annehmen, dass deine Natur beständig ist.
        Aus Dôgen Zenji SHÔBÔGENZÔ -GENJÔKÔAN

        Oder wie Kodo sagt:
        Es beginnt damit, dass du „ich“ sagst: Alles, was danach kommt, ist Illusion.

        Schön wenn es passiert, wie Du lieber Nitya es unten beschreibst, es sich plötzlich umkehrt:
        „Nicht das Wasser schoss dahin, sondern ich, der am Heck meines Bootes auf das Wasser starrte, das ich hinter mir zurückließ.“

        Ist mir leider noch nicht passiert, oder nur als Ahnung in Bliss-Momenten. für die ich keine Worte habe. Könnte dieses BLa,Bla erklären – reiner ICH-Erhaltungstrieb.

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Elwood, na dann fahr mal nach Augsburg zum Hochablass und starre in die Floßgasse. Da passiert es jedem. Muss nicht Augsburg sein, Floßgassen gibt es auch an der Isar und ich weiß nicht wo.

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    • Swami Prem Punito schreibt:

      Lieber Nitya ,
      die Suppe dieser Entscheidung , auch ohne ein Pro oder Kontra
      werden wie eh und jeh ,die Normalverbraucher- Otto`s in GB derRest – EU
      auszulöffeln haben . Dazu braucht es ob offen oder hinter verschlossener Hand kein Weltuntergangsgemunkel mehr .
      Weder Freude noch Abscheu kommt in mir auf – dafür ein dickes , fettes
      “ Passaufdichauf- Gefühl “ im Sonnengeflecht .

      Herzlichst
      Punito

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Punito,

        dein „Passaufdichauf- Gefühl“ ist halt auch nur ein Gefühl und wird dich kaum vor dem retten, was da auf uns zurollt. Ich glaub, ich muss noch’n bisschen mehr Weltuntergangsgemunkel vom Stapel lassen. Oder guck ich doch lieber das nagelneue Pony von Alexandra an?

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  2. Eno Silla schreibt:

    „Leben eben – oder nur ein Film?“

    Nur ein Film (im Falle von Harold und Maude: ein ganz wunderbarer), ja möglicherweise ist es nur wie ein Film, dieses schrecklichschöne Leben.
    Die schönsten Hochgefühle, die erhabensten Erfahrungen von „Das-ist-es!“, sind, jedenfalls für diesen, gerade vor sich hin tippenden Kerl, bisher immer auch in ihre dunkelste Kehrseite umgeschwenkt. Je überwältigender das Glücksempfinden, desto tiefer der Absturz. Ich muss immer alles erfahren. Und bleibe doch immer ICH (kein anderes Wort verfügbar, für das, über das ich nicht schreiben kann). Heute mag ich die wohlige Mitte, mit Ausflügen an die Peripherie. Mittendrin in allem was sich zeigt, breite ich die Arme aus und beginne einen kreisenden Tanz durch alle Höhen und Tiefen und auch durch die zahlreichen Flachländer dessen, was wir Leben nennen. Dabei, liebe Freunde, ihr habt sicherlich den Aufschneider erkannt, tue ich aber in Wirklichkeit überhaupt nichts, nicht die geringste Kontrolle oder Nicht-Kontrolle. Es läuft immer wieder auf Ahnungslosigkeit hinaus. Auf wissendes Nicht-wissen, hilfreiche Hilflosigkeit. Das Unbekannte grüßt im Vorübergehen und es hat eine erfreulich freundliche und eine erschreckend gräßliche Gesichtshälfte…

    „Woher wollen wir wissen, dass die Welt vergänglich ist, dass Zeit vergeht, dass nichts still steht? Wir wüssten nicht, dass der Fluss fließt, ohne dass wir einen Fuß ans Ufer setzen!“
    Wei Wu Wei „Die Essenz der Lehre“ 8 – Überlegungen

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    • Nitya schreibt:

      „Woher wollen wir wissen, dass die Welt vergänglich ist, dass Zeit vergeht, dass nichts still steht? Wir wüssten nicht, dass der Fluss fließt, ohne dass wir einen Fuß ans Ufer setzen!“
      Wei Wu Wei „Die Essenz der Lehre“ 8 – Überlegungen

      Das ist eine gute Frage und eine gute Antwort. Gerade erinnere ich mich, wie ich am Hochablass bei Augsburg auf der Brücke stand und hinunterguckte auf das Wasser, das in der Floßgasse mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit dahinschoss. Sehr bald kippte das Bild um: Nicht das Wasser schoss dahin, sondern ich, der am Heck meines Bootes auf das Wasser starrte, das ich hinter mir zurückließ. Du siehst, lieber Eno, selbst das feste Ufer kann täuschen.

      „Es läuft immer wieder auf Ahnungslosigkeit hinaus. Auf wissendes Nicht-wissen, hilfreiche Hilflosigkeit.“ Ja.

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Nitya,
        kein Wort kann es fassen. Alle Worte werden undeutlich, nichtssagend, wenn ich sie von zu Nahem betrachte…
        Es ist immer nur ein Hauch, der das Geschriebene durchweht, ein Duft, eine Zärtlichkeit, die sofort verschwindet, wenn ich mich darauf zu fokussieren versuche…
        So verstehe ich das Ufer – fassungslos in der Fassungslosigkeit Sein – und doch…
        Alles andere ist trügerisch und täuschend, aber was wird getäuscht?

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      • Nitya schreibt:

        Das Getäuschte täuscht sich immerfort selbst, fällt mir dazu ein.

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  3. Alexandra schreibt:


    So, mal schaun, ich versuche gerade ein Foto hier reinzubringen. Mein Pferdchen hat heute ein Fohlen bekommen! Noch so klein und zart, musste schon ein ordentliches Gewitter aushalten.
    So ganz allein (naja, mit vier anderen trächtigen Stuten) auf einer Weide am Waldrand. Und dann ist es plötzlich da, das kleine Wunder. Trinkt gleich bei der Mama und weicht nicht von ihrer Seite. Zum Heulen schön.
    So bunt die Welt. Und sie wird, finde ich, immer verrückter. Aber vielleicht kommt mir das ja nur so vor. In meinem Empfinden werden die Gegensätze krasser. Schon allein das Wetter… Gestern Abend, der Garten voller Glühwürmchen, dann später am Himmel Wetterleuchten und Gewitter in der Ferne. Schaurig-schön. Schön schaurig. Gedanken hören grad auf….

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  4. Swami Prem Punito schreibt:

    ….dein „Passaufdichauf- Gefühl“ ist halt auch nur ein Gefühl und wird dich kaum vor dem retten, was da auf uns zurollt. …..

    Es geht nicht um mich – das was vor mir liegt ist wesentlich kürzer , als das was hinter mir liegt .

    Weltuntergangsgemunkelinspirationen als DOORS-Sound verarbeitet , Neulich !

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  5. Alexandra schreibt:

    Lieber Nitya, danke für den Tipp, bin noch am probieren.
    Es ist halt wie bei Harold and Maude. Das hübsche neue Fohlen und dann wieder Weltuntergangsgruseltheorien und Vermutungen und und und. Aber was wirklich wird, weiß keiner. Wir wissen ja meistens noch nicht einmal, was gerade wirklich ist. Oder doch? Jedenfalls war das Fohlen heute eine wunderbare Realität. Wenn überhaupt irgend etwas real ist. Was die Zukunft betrifft, wer weiß schon was kommt? Die Verrücktheit der Menschen kennt keine Grenzen. Auch darüber kann man immer wieder staunen. Oder sich eher gruseln.
    „Jesus sprach:
    ‚Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet;
    und wenn er findet, wird er erschrocken sein;
    und wenn er erschrocken ist, wird er verwundert sein,
    und er wird über das All herrschen.‘“
    [Thomas Evangelium]
    Tja, wer herrscht da über was?

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