Tschuang-tse: Ich suche den, der es getan und finde ihn nicht


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Meister Yü und Meister Sang waren Freunde. Als es einst zehn Tage lang ununterbrochen geregnet hatte, sprach Meister Yü: „Ich fürchte, Sang wird krank sein.“

Er packte einiges Essen zusammen und ging hin, um es ihm zu bringen. Als er an die Tür des Meisters Sang gekommen war, da hörte er, wie jener halb singend, halb weinend die Zither schlug und also anhub: „O Vater, o Mutter! Ward mir das vom Himmel, ward mir’s von Menschen?“ Seine Stimme erstarb, und die Worte des Liedes überstürzten sich.

Meister Yü trat ein und sprach: „Was ist der Grund, dass du auf diese Weise singst?“

Jener sprach: „Ich dachte darüber nach, wer es ist, der mich in diese äußerste Not gebracht, und fand es nicht. Wie könnte es der Wille meiner Eltern sein, dass ich in diese Armut kam? Der Himmel ist groß und schirmend, die Erde ist groß und spendend. Wie könnte es der Wille von Himmel und Erde sein, mich neidisch in diese Armut zu bringen? Ich suche den, der es getan, und finde ihn nicht. Und doch bin ich in diese äußerste Not gekommen: Es ist das Schicksal!“

aus: Tschuang-tse, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

Unwillkürlich musste ich an den Film „Das Wirtshaus im Spessart“  denken. Mein Gott, das ist auch schon wieder 58 Jahre her, dass ich den mit großem Vergnügen gesehen habe. Ich erinnere mich noch deutlich an die Szene, in der der Obrist, gespielt  von Hubert von Meyerinck, den Räuberhauptmann, gespielt von Carlos Thompson, im Schlossturm zu entdecken hofft:
OHier muss er sein! Hier ist er drin! Endlich nun kommt dieser Wicht vor Gericht! Los nun ‚Zack Zack!‘ Na also, hier isser ja …………….……………. nicht.

„Ich suche den, der es getan, und finde ihn nicht“, jammert Meister Sang, um schließlich zu der tiefen Erkenntnis zu kommen: „Und doch bin ich in diese äußerste Not gekommen: Es ist das Schicksal!“

Was könnte er damit meinen: Es ist das Schicksal? Ich übersetz das mal für mich in „Keine Ahnung von nichts. Es ist halt, wie es ist, und ein Schuldiger oder eine Ursache ist mir nicht bekannt.“ Damit sind alle Warum-Fragen obsolet geworden. Oder doch nicht? Zehn Tage Regen – dafür muss es doch einen Grund geben. Gott sei Dank sind wir heute schon weiter als die Meister Yü und Sang. Wir dürfen noch herumrätseln. Vielleicht war es ja nicht einfach nur eine Wetterlaune oder das ominöse Schicksal, vielleicht steckt ja das Projekt HAARP dahinter? Also von Menschenhand gemacht und mit guter oder böser Absicht eingesetzt. Aber sind wir jetzt wirklich schlauer als die Meister Yü und Sang? Kennen wir jetzt die Verursacher, die Schuldigen? Wer sich den Film angeguckt hat, weiß, wer der Schweinehund ist. Aber weiß er es wirklich? Wenn dem so wäre, müsste es ja Personen geben, müsste es Handelnde geben. Ja aber, ja aber – das ist der Punkt, an dem die meisten Menschen empört nach Luft schnappen. „Müssen wir uns denn alles gefallen lassen? Kann man denn wirklich gar nichts machen?“

Die Frage lässt sich mit Buddha leicht beantworten: „Handlungen geschehen, doch gibt es keinen Handelnden.“ Wer’s glaubt, wird selig oder wie? Also wenn mir jemand meine nicht vorhandene Brieftasche klauen will, kriegt er von mir ein paar auf die Finger! Von mir! Von wem denn sonst? Macht ja sonst keiner! Das ist auch wahr. Nein? Buddha hat recht? Ich hab recht? Wir haben beide recht? Keiner hat recht? Es gibt gar keinen, der rechthaben könnte?

Halleluja! Gelobt sei Gott in der Höhe oder wo er sich sonst so rumtreibt, falls es ihn gibt. Vielleicht ist ja Meister Sang doch nicht so doof, wenn er sagt: „Es ist Schicksal.“

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9 Antworten zu Tschuang-tse: Ich suche den, der es getan und finde ihn nicht

  1. kekabe schreibt:

    Guten Morgen Nitya!;)
    dein Beitrag erinnerte mich sofort an das Geschehen bei den Seeadlern, die ich über deinen Webcam-Link beobachte: Drei kleine Seeadler sind da in der Höhe auf einem alten Baum herangewachsen. Inzwischen sind sie krätig und groß und ich erwarte ihre ersten Flüge mit großer Neugier.
    Seit ein paar Tagen ist der Horst der Jungvögel verschwunden, die Natur hat ihn mit Wind und Wetter komplett fortgetragen… so dass die drei nun auf den Ästen hockend „fertigwachsen“. Aber was glaubst du, wie mir zunächst der Schreck durch die Glieder fuhr, als sah, dass das Nest weg ist?? –>Oh neiiin, was kann man denn da machen??<–:)

    Die Adler aber…tja, die sitzen einfach auf ihren Ästen, strecken ihre Flügel, sind kein bisschen wacklig mehr. Und genau betrachtet erkennt man ein phänomenales und grenzenloses Zusammenspiel, welches die Adler jedoch überhaupt nicht interessiert.

    Danke und einen lieben Gruß zu dir,
    Kerstin

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    • Nitya schreibt:

      Guten Morgen, liebe Kerstin!

      Jetzt konnte ich mir meinen Schreck noch nachträglich abholen. Ich hatte das noch gar nicht mitgekriegt, dass der Horst verschwunden ist. Bewunderswert, wie die Jungvögel das überlebt haben. Wenn mir jemand den Stuhl unter’m Hintern wegziehen würde, würde ich vermutlich ganz jämmerlich auf den Boden plumpsen. Und die jungen Adler sitzen da nun gewissermaßen in stoischer Gelassenheit, als ob es das Natürlichste auf der Welt sei, dass einem jederzeit die Geborgenheit des gewohnten Heims abhanden kommen kann – ist es ja auch, wenn man nicht eine gegenteilige Vorstellung hegt.

      Einen herzlichen Gruß
      Nitya

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      • kekabe schreibt:

        …bin gespannt wie es dort weitergeht und glaube fast, die fliegen einfach eines Tages los, am richtigen Tag. Ohne viel Üben. Und wo sie jagen müssen, haben sie mit jedem Fisch erfahren, den der Altvogel ihnen ins Nest legte.
        Übrigens werden sie auch nicht wirklich gefüttert, sie werden sozusagen beliefert. Der Altvogel erleichtert es nur, indem er einen „Anfang“ in den Fisch reißt, den er dann den Jungen überlässt.
        Es ist schön, so etwas beobachten zu können.
        Danke!🙂

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  2. alexandra schreibt:

    Warum musste die englische Politikerin J. Cox sterben? Warum nicht einer von den vielen A….? Manchmal macht das Spiel hier keinen Spaß! Scheiss Schicksal!

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    • Georg Alois schreibt:

      Ganz genau! liebe alexandra, so ein Scheiß Spiel! Also, wenn ich mal diesen Drehbuchautor in die Finger kriege………
      Hmmm, also, wenn ich das Drehbuch geschrieben hätte……
      ich wüste dann ja auch, dass es eigentlich um gar nichts geht…….

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      • Nitya schreibt:

        „ich wüste dann ja auch, dass es eigentlich um gar nichts geht…….“

        Lieber Georg Alois, wieso der Konjuktiv? Wieso wüsstest du das erst, wenn du das Drehbuch geschrieben hättest?

        Wieso, wieso,wieso – jetzt fang ich auch noch an mit der Fragerei!

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    • Nitya schreibt:

      „Damit sind alle Warum-Fragen obsolet geworden.“ Obsolet oder nicht – die Fragen gehen weiter: „Warum musste die englische Politikerin J. Cox sterben? Warum nicht einer von den vielen A….?“ Warum tauchen bei derAlexandra immer weitere Fragen auf? Warum, warum, warum.

      Darum halt.

      Würde das Spiel denn Spaß machen, wenn alles nach Wunsch verliefe? Ich fürchte das würde sehr schnell sterbenslangweilig sein.

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      • Georg Alois schreibt:

        Lieber Nitya, wir sollte doch auch, wenigstens ein mal, einen Lobgesang auf den Verstand abhalten! Das, was die Advaitianer immer überwinden wollen, das hält doch diese ganze Schose erst am Laufen!
        Und wie Du so schön sagst: „….sterbenslangweilig…..“
        Und Dankeschön für diesen Glückskeks-Spruch!!!

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  3. alexandra schreibt:

    Jetzt würde ich euch gern den Duft des betörenden Jasmins schicken, unter dem ich gerade sitze, aber leider kriege ich nicht mal das Foto hier rein…

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