Liä Dsi: Du bist ein Schütze, aber noch kein Überschütze!


PLiä Yü Kou zeigte sich vor Be Hun Wu Jen im Bogenschießen. Er spannte den Bogen zu voller Weite; dann stellte er einen Becher Wasser auf seinen Vorderarm und schoss ab. Ein Pfeil folgte dem andern, während er die ganze Zeit über stand wie eine Bildsäule.

Be Hun Wu Jen sprach: „Du bist ein Schütze, aber noch kein Überschütze! Wenn ich mit dir auf einen hohen Berg steige, auf steile Felsen trete am Rand eines hundert Klafter tiefen Abgrunds: kannst du da immer noch schießen?“ Mit diesen Worten führte ihn Wu Jen auf einen hohen Berg, trat auf einen steilen Felsen am Rand eines hundert Klafter tiefen Abgrunds, wandte sich und ging rückwärts, bis seine Fußsohlen zu zwei Dritteln in die Luft ragten. Da winkte er dem YüKou vorzutreten. Der aber duckte sich zur Erde, und der Schweiß rann ihm bis zu den Fersen herunter.

Da sprach Be Hun Wu Jen: „Ein Adept kann hinauf blicken zum blauen Himmel oder mit seinem Auge hinunterdringen bis zu den Flüssen der Unterwelt oder hinausschweifen in alle Fernen, ohne dass seine Geisteskraft beeinflusst wird. Du aber hast Angst und wagst nicht um dich zu blicken, du sitzest mitten auf dem Land und fühlst dich doch nicht sicher.“

aus: Liä Dsi, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“

BSchütze ist nicht genug, ein Überschütze muss es sein. Wollte Be Hun Wu Jen dem Liä Yü Kou zeigen, wer von ihnen beiden den längsten hat? Ja schön, Liä Yü Kou war ein Angeber, der jedem zeigen wollte, was für ein toller Bursche er war, und Be Hun Wu Jen hat ihm eine Lektion erteilt. So weit so gut, und es war ja wirklich sehr eindrucksvoll, was er da vorführte. Mir wird ganz schwummerig, wenn ich mir vorstelle, ich würde da auf diesem steilen Felsen am Rand eines hundert Klafter tiefen Abgrunds stehen, wobei meine Fußsohlen zu zwei Dritteln in der Luft hingen. Ich fürchte, mir würde auch der Schweiß bis zu den Fersen herunterinnen genau wie dem Liä Yü Kou.

Ich habe Mühe mir vorzustellen, dass es dem Liä Dsi nur darum ging zu zeigen, was für ein Überschütze dieser Be Hun Wu Jen war und wie er es diesem Liä Yü Kou gegeben hat. Worum es ihm wirklich ging, ist wohl im letzten Abschnitt in den Worten Be Hun Wu Jens zu finden: „Ein Adept kann hinauf blicken zum blauen Himmel oder mit seinem Auge hinunterdringen bis zu den Flüssen der Unterwelt oder hinausschweifen in alle Fernen, ohne dass seine Geisteskraft beeinflusst wird. Du aber hast Angst und wagst nicht um dich zu blicken, du sitzest mitten auf dem Land und fühlst dich doch nicht sicher.“

Du sitzt mitten auf dem Land und fühlst dich nicht sicher. Ich sitze vor meinem Rechner, trinke meinen Morgenkaffee, hab ein Dach über dem Kopf, es ist mollig warm – kein Grund also, mir in irgendeiner Weise Sorgen zu machen. Aber da war doch was, was war denn da wieder gleich? Ach ja, die bösen russischen Hooligans und die guten rotierenden Nato-Kampftruppen an Russlands Grenze und … Dies und 1000 andere Meldungen, also da soll man sich keine Sorgen machen! Nun, wenn das ein Grund dafür ist, höchst beunruhigt zu sein, dann hat auch ein Liä Yü Kou allen Grund für seine Angst. Das, was ihm da dieser Be Hun Wu Jen vorführt, kann verdammt ins Auge gehen. Der Rand des Felsens, auf dem er steht, könnte sich lösen oder ein Wadenkrampf könnte ihn befallen oder eine plötzliche Windbö könnte ihn in die Tiefe blasen … Be Hun Wu Jen ficht das alles nicht an. Er ist halt der Überschütze, der Übermensch. Oder ist er einfach nur ein Idiot, ein suizidaler Hasardeur? Sind vorausschauende Betrachtungen grundsätzlich ein Abweichen von der reinen Lehre des Geistes oder lediglich ein neurotisches Ausagieren der permanenten Ego-Ängste? Diese und andere Fragen könnte man sich stellen …. oder einfach seinen Morgenkaffee genießen.
T

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24 Antworten zu Liä Dsi: Du bist ein Schütze, aber noch kein Überschütze!

  1. Eno Silla schreibt:

    Mitsommer –
    Ich gehe mit meinem Stab herum.
    Alte Bauern erkennen mich
    Und rufen mich herüber
    auf einen Becher.
    Wir sitzen in den Feldern,
    Benutzen Blätter als Teller.
    Angenehm betrunken und so glücklich
    Liege ich ausgestreckt auf dem Damm
    neben einem Reisfeld
    Und lasse mich friedlich fortreiben.
    Ryokan

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    • Swami Prem Punito schreibt:

      Da hatte er , Ryokan , sich den schmerzfreien Augenblicken seiner Leidenszeit hingegeben . Himmlich schönes Poem , lieber Eno !🙂

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      • Brigitte schreibt:

        Billy Joel – wow wie schön. Lange nicht mehr gehört.
        Und in Ryokan habe ich mich dank Eno und Nitya wieder frisch verliebt🙂

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      • Alexandra schreibt:

        So schön der song! Hatte schon fast vergessen, dass es ihn gibt den Billy… danke!

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  2. Alexandra schreibt:

    Also, wenn ich mir den Abgrund nur vorstelle, wird mir schon ganz schrecklich schwindelig. Wenn ich auf einem Turm stehe und hinabsehe, habe ich immer das Gefühl, es zieht mich hinunter. Krieg bei dem Gedanken schon feuchte Hände…
    „Ihr habt das eine, das Gefühl von Stabilität in der Welt nicht mehr – und das andere, die absolute Wirklichkeit, noch nicht; und dies ist ein großer geistiger Vacuumzustand. Ihr fühlt, wie sich Raum und Zeit auflösen, so dass ihr keinen Haltepunkt mehr findet. Und so schreckt ihr ängstlich zurück, weil ihr befürchtet, in den bodenlosen Abgrund des Nichts hineingezogen zu werden und nicht mehr zum Leben zurückzukehren. Mit den Worten des chinesischen Zen-Meisters Huang-po: Wen es zur Leere hinzieht, der wagt nicht in sie einzugehen, da er Angst hat, in die Leere hinabgeschleudert zu werden, ohne sich an etwas klammern zu können. So starren die meisten auf den unübersehbar tiefen Abgrund und ziehen sich entsetzt zurück. Sie haben Angst, ihren Geist leer zu machen. Sie fürchten sich, in die Leere zu fallen, und wissen nicht, dass ihr eigener Geist die Leere ist“. aus: Die Freiheit des Zen von Zensho W. Kopp. Der Text ist mir heute morgen zufällig über den Weg gelaufen…
    Ich genieße gleich erst mal ein Gläschen Wein. Schließlich ist Freitag.

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    • Nitya schreibt:

      Also zwischen einem ganz irdischen Abgrund im Außen und dem Fallen in den grundlosen Abgrund im Inneren würde ich ja schon noch einen klitzekleinen Unterschied machen. Es wäre mir jedenfalls neu, wenn Huang-po bis hin zu Wolfgang Kopp reihenweise in irgendwelche Abgründe gesprungen wären.

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  3. Brigitte schreibt:

    „Brüder, was gibt es für einen entschlossenen Menschen auf dem Weg noch zu bezweifeln? Einer der Alten sagte: ‚Der Geist wandelt sich entsprechend den unzählbaren Umständen, und diese Wandlung ist wahrhaft mysteriös. Wenn du deine Natur in ihrem Fluss erkennst, dann gibt es weder Freude noch Sorge.“

    aus: „Die Aufzeichnungen von Lin-chi (jap.Rinzai)“

    Die Aufzeichnungen stehen bei Interesse als pdf zur Verfügung:
    http://www.zzbzurich.ch/wurzeln/linchi.html

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    • Alexandra schreibt:

      „Der Geist wandelt sich entsprechend den unzählbaren Umständen, und diese Wandlung ist wahrhaft mysteriös. Wenn du deine Natur in ihrem Fluss erkennst, dann gibt es weder Freude noch Sorge.“ oder wie Ranjit ständig sagt: „Warum sich sorgen? Alles ist zero…“

      Irgendwie krieg ich es noch nicht hin, hier ein youtube-video reinzustellen. Also das ist ein Teil aus einem Theaterstück „Frau Meier die Amsel“, was wiederum aus einem sehr netten Kinderbuch ist…

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      • Alexandra schreibt:

        Hat ja doch geklappt! Oh Wunder der Technik!

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      • Brigitte schreibt:

        „Frau Meier die Amsel“ – herrlich. Das erfreut mein Kinderherz🙂 Wie nah doch alles beieinander liegt.

        Vorhin beim Lesen von Linji ist mir bei einem Satz fast das Herz stehen geblieben;-)

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      • Nitya schreibt:

        Welcher Satz, liebe Brigitte, bidde, bidde, welcher Satz?

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      • Brigitte schreibt:

        Lieber Nitya, aber nur, weil du mich so hingebungsvoll bittest😉

        Wenn man „drin“ ist, kann man kein Wort sagen.

        In dem Moment hat sich der Verstand verabschiedet und die Welt stand still …

        Der ganze Absatz geht so:
        „Weisheit (Bodhi) hat keinen Standort, deshalb ist sie nicht zu erlangen.“ Eine Radiosendung kann die ganze Welt erreichen, ist aber an keinem Ort fassbar. Macht euch keine Vorstellungen von „Erlangen“ oder Nicht-Erlangen“. Wenn man „drin“ ist, kann man kein Wort sagen. Das Problem ist bloss, wie hineinzukommen ist.

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      • Nitya schreibt:

        Liebe Brigitte,

        ganz herzlichen Dank!

        „Wenn man ‚drin‘ ist, kann man kein Wort sagen.“

        Ja, Ja. Ja.

        Nur dem letzten Satz möchte ich widersprechen: „Das Problem ist bloss, wie hineinzukommen ist.“ Kein Problem: „Spüren Sie’s?“ Du siehst, dass du schon immer ‚drin‘ warst, bist und sein wirst.

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      • Brigitte schreibt:

        „Nur dem letzten Satz möchte ich widersprechen“
        JA, den hätte ich auch am liebsten weggelassen, lieber Nitya.

        „Du siehst, dass du schon immer ‚drin‘ warst, bist und sein wirst.“
        Ja, Ja. Ja. Da bin ich ganz bei Dir🙂

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  4. Swami Prem Punito schreibt:

    Lieber Nitya
    Ob Sessel oder Zafufurzer , sind und bleiben wir was wir sind sind –
    ganz gewöhnliche Menschen .

    Da lasse ich mal heute Uwe Schades Rezept gegen die “ Überschüleritis “ aufleben :
    …. Du meinst Du seiest etwas Bestimmtes
    Doch Du bist eine Welle im Weltenmeer
    Du meinst Du seiest selbstständig
    Doch Du bist der Treffpunkt von hunderttausend Kräften
    Du meinst Du kannst Dich lenken
    Weil Du nicht siehst was Dich zieht und treibt
    Du meinst Du müßtest etwas tun
    Doch Deine Anstrengung ist nur Widerstand .

    Herzlichst Punito

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    • Alexandra schreibt:

      Oh wie schön! „Überschüleritis“ Ich krieg nen Lachkrampf! Vielleicht ists auch der Wein… Geiler Ausdruck! Muss ich mir merken. Habs zwar eher mit Überlehreritis zu tun in meinem Beruf, aber solange mein Klientel aus Kindern besteht, haben die nicht so einen Hang zu „Überschüleritis“ (Im Gegensatz zu Kolleginnen mit „Überlehreritis“ Hahahahahaha… Super!

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      • Alexandra schreibt:

        Übrigens: Überlehreritis hat die gleichen Symptome wie Überschüleritis! Hab ich bestimmt auch was davon! Sonst hätte ich mir den Beruf ja nicht ausgewählt! Mal sehn, ob das Rezept hilft. Geh gleich morgen in die Apotheke. Mal sehn, was die mir dann geben!!! (Evtl. ne Einweisung?)

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  5. Alexandra schreibt:

    Hab aber doch noch eine Frage.
    Lieber Punito, was ist ein Zafufurzer? Das fragt meine neugierige Lehrerseite! Sesselfurzer kenn ich ja…

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      • Alexandra schreibt:

        Also, jetzt musste ich zwar erst noch googeln um zu wissen, was Zafu bedeutet, aber jetzt weiß ichs!

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      • Nitya schreibt:

        Seufz, ein Bild sagt doch nicht mehr als 1000 Worte. Und dabei hab ich mir solche Mühe gegeben, das auf die Schnelle hinzukriegen. Ach ja …

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      • Alexandra schreibt:

        Lieber Nitya, du hast das sehr schön und anschaulich hingekriegt mit dem Bild, aber in der Hinsicht ist mein Denkerchen manchmal etwas träge. Und Freitag… Und Wein… Aber wenn ich so über dem Bild meditiere, fallen mir die yogischen Flieger ein. Also wenn die vorher reichlich Bohnen essen… nur so als Idee… aber jetzt hör ich besser auf…

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    • Swami Prem Punito schreibt:

      Liebe Alexandra ,
      hat er , Nitya , ohne viel Worte die Zafufrage geklärt . Besser geht`s nicht , gelle ?
      Herzlichst
      Punito

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