Niu-t’ou Fa-jung: ohne die Hilfe des Wortes


L
Sich am Tao zu erfreuen ist beruhigend.
Frei entspannt im Schoß der Wirklichkeit umherzuschweifen,
Ohne zu handeln und was auch immer zu erwarten,
ohne von etwas abzuhängen, zeigst du dich natürlich.

Unbegrenzt sind Benehmen und Geisteszustände
alle auf demselben Weg,
wenn du sie nicht durch den Geist entzwei spaltest,
Bleibt alles in der Nicht-Unterscheidung.

Wissend, dass geboren und nicht geboren eines sind,
Erscheint die Ewigkeit.
Der Weise erreicht das Höchste
Ohne die Hilfe des Wortes.

aus: Niu-t’ou Fa-jung, „Hsin-hsin-min“

T

Sich am Tao zu erfreuen ist beruhigend – für wen? Für das Tao? Das Tao muss sicher nicht beruhigt werden. In der vierten Zeile wird deutlich, für wen es beruhigend ist: Für dich. Du zeigst dich natürlich. Wer ist dieses Du? Die Rede ist nicht von einem ICH, ICH BIN, ICH-ICH oder dergleichen, sondern von dir, dem stinknormalen Menschen. Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt, ist es mir ein wirkliches Anliegen, immer wieder zu diesem „Ein-Mensch-Sein“ zurückzukehren, von dem Rumi in seinem „Gasthaus“ spricht: „Dieses ‚Ein-Mensch-Sein‘ ist ein Gasthaus. Jeden Morgen ein neuer Gast.“ Dieses „Ein-Mensch-Sein“ kann sich beruhigen oder sich beunruhigen. Der erste der drei Verse verweist auf einen Menschen des Tao, der einfach mit dem Tao fließt, was immer die Möglichkeit miteinschließt, dass ein Mensch nicht mit dem Tao fließt – obgleich es nichts gibt, was nicht mit dem Tao fließt. Auch der scheinbar aus dem Tao herausgefallene Mensch ist Teil des Tao.

Im zweiten der drei Verse wird auf den Geist verwiesen, der anscheinend in der Lage ist, Benehmen und Geisteszustände entzwei zu spalten. Die Spaltung vollzieht sich immer wieder durch Gedanken wie „sollte sein, sollte nicht sein“. Das ist so ein Punkt, der vielleicht mal angeguckt werden könnte. Wenn ich sehe, wie sich eine Stechmücke auf meinem Unterarm niederlässt, dann taucht da vielleicht sofort ein „Sollte-Nicht-Sein“ auf. Was ist das für ein „Sollte-Nicht-Sein“? Da gibt es zwei Versionen. Die eine Version ist: „Ich habe keinen Bock, mich stechen zu lassen. Das juckt hinterher und außerdem hab ich gehört, dass ich da vielleicht mit was weiß ich für einem Erreger infiziert werden kann. Also weg mit dem Vieh. Verjagen oder totschlagen.“ Die andere Version: „Stechmücken sollten nicht stechen.“ Es ist nun mal eine Tatsache,  dass Stechmücken stechen müssen, um überleben zu können. Die zweite Version leugnet also das, was ist, was bei der ersten Version nicht geschieht. In der ersten Version wird die Stechmücke als Gegner begriffen, gegen den man sich wehren muss. Seine Existenz wird also nicht geleugnet. Die zweite Version entspricht einem gespaltenen Geisteszustand. Es findet eine Unterscheidung zwischen dem, was ist und dem was sein oder nicht sein sollte, statt.

Wissend, dass geboren und nicht geboren eines sind“. Ramesh würde das Unterscheiden zwischen „geboren und nicht geboren“ vermutlich als das Ergebnis der Tätigkeit des „denkenden“ Verstandes bezeichnen. Wenn der denkende Verstand mal mit der Denkerei aufhört und damit mit dem Vergleichen und Unterscheiden, auch mit seinem Unterscheiden in Vorher und Nachher, „erscheint die Ewigkeit“ und  „der Weise erreicht das Höchste ohne die Hilfe des Wortes.“ Nicht einmal das Wort „Ewigkeit“ taucht dabei auf.
L

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Niu-t’ou Fa-jung: ohne die Hilfe des Wortes

  1. fredoo schreibt:

    sich am tao erfreuen …
    es ist die feinste aller freuden …
    dieses schlichte geborgensein im mutterschoß dessen was ist …
    die einfachste und die höchste aller freuden …
    und nur verborgen durch das , was immer „mehr“ will …

    Gefällt mir

  2. Eno Silla schreibt:

    ohne hilfe des wortes
    bin ich ziemlich hilflos
    kein wort fürs tao
    noch für freude
    all diese so gut
    unterhaltende weisheit
    nichts als worte
    ohne worte bin ich
    ziemlich hilflos
    nicht mal das

    Gefällt mir

  3. fredoo schreibt:

    hilflos … los der hilfe …
    wie erfreulich ist das denn

    Gefällt mir

  4. Swami Prem Punito schreibt:

    Lieber Nitya ,
    deine Gedanken zu den Stechmücken – einfach aaah !
    Mal so nebenbei , eine naive , punitische Frage :
    “ Was wandelt sich im TAO ohne Stechmücken –
    lebt es sich dann vogelfrei ? “
    Ich habe nicht die Absicht , aus `ner Mücke einen Elefanten zu machen .🙂
    Herzlichen Gruß
    Punito

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Oh mein Gott, wievilee Bedeutungsebenen darf ich denn dieser punnitischen Frage unterstellen? “ Was wandelt sich im TAO ohne Stechmücken – lebt es sich dann vogelfrei ? “ Kein Fressili, kein Vögeli? Lieber Punito, da haste mir ja mal wieder ein Ei ins Nest gelegt.Darüber muss ich jetzt bis zum Ende meiner Tage nachsinnen.

      Herzlichst
      Nitya

      Gefällt mir

  5. Josef schreibt:

    Was soll man dazu sagen, ohne die Hilfe des Wortes? Ohne Worte! …….
    Nee, nit mööchlich! Nur mit Worten beschreibbar – das Eine und das Andere.
    Ich saach mal, wir sind genau das, was wir sein sollen/wollten: Mit Worten agierende und ausagierende, bewusst Geschöpfte, mehr oder weniger bewusste Formen des SEINS. Das war und ist der Plan und der ist auch, dass nicht alle gleichzeitig auf der gleichen Bewusstseinsstufe agieren, nicht für alle JETZT Erleuchtung ansteht. Erwachen schon, das scheint ja der Zweck – a bisserl halt immer wieder. Und dann isses irgendwann soweit, „Der Worte sind genug gewechselt…“ und Zack, weg ist der Speck! Abnehmen radikal, alles gelernt, alles Wissenswerte und wissbare gewusst oder irgendwie verschwunden. Bis dahin sind die Worte unsere beste Ersatz-/SELBST-Befriedigung. Befriedigung, Befriedung?
    Es geht also um Frieden! Zu Frieden und Stechmücken muss angemerkt werden, dass die beiden unzertrennlich zusammen gehören. Ich glaub, irgendein ZEN Meister hat mal zu seinen Schülern gesagt: „Spätestens, wenn eine Stechmücke auf deinem nackten Hoden sitzt, wirst Du lernen, Probleme friedlich zu lösen!“
    Wenn wir das wirklich verinnerlichen würden, wäre unsere Welt ein friedlicherer Platz, da wir sähen, dass wir uns SELBST verletzen, wenn wir Gewalt in irgendeiner Form verwenden. Gewaltig, gell?
    „Wissend, das geboren und nicht geboren eines sind, erscheint die Ewigkeit.“ scheint mir darauf hinzudeuten, dass, sobald wir ein Konzept erkannt haben, welches einen Gottesfunken beinhaltet – sei hier Seele genannt – der auf eine Rundreise geschickt wurde, in der diese Seele u.a. vielfach auf Erden inkarniert, der Tod keine Bedeutung mehr hat und ewiges Existieren, bewusst sein, Ewigkeit existiert. Dann er-scheint Weisheit, All-Wissenheit, die keiner Worte mehr bedarf.
    Aber wie gesagt, das scheint mir nur, so zu sein🙂
    War übrigens grad in China, da hab ich den Tao gesehen, glaub ich. Meine Frau kennt ihn auch vom Sehen … So a Klaana …

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      „Ich glaub, irgendein ZEN Meister hat mal zu seinen Schülern gesagt: ‚Spätestens, wenn eine Stechmücke auf deinem nackten Hoden sitzt, wirst Du lernen, Probleme friedlich zu lösen!’“

      Darf’s auch ne Zecke sein? Hatte ich mal. Ich bin zwar anerkannter Kriegsdienstverweigerer, aber wat mut, dat mut. Da werde ich zur kriegslüsternen Bestie. Hast du schon mal Borreliose gehabt? Ich schon. Da kennen die Biester kein Erbarmen. Irgendein Zen-Meister hat mal gesagt: „Wenn der Kampf unvermeidlich ist, dann kämpfe deinen Kampf!“ Kann auch meine Großmutter gewesen sein.

      Gefällt mir

      • Alexandra schreibt:

        Lieber Nitya, welche Biester kennen kein Erbarmen? Ich dachte, du kennst da kein Erbarmen? Was ich übrigens gut verstehen kann. Zecken, Pferdebremsen, Mücken… Ob ich jemals lerne, DAS Problem friedlich zu lösen…? Wolf -Dieter Storl soll es ja fertig bringen, mit Fliegen zu kommunizieren und sie so freundlich aus dem Fenster zu komplimentieren. Also, wenn da jemand ein Tipp hat, bin ich dafür offen. Ansonsten bin ich da ganz erbarmungslos. Und wenn das schon so ein Zen-Meister sagt, ja dann…

        Gefällt mir

      • Nitya schreibt:

        Liebe Alexandra,

        ich danke Gott jeden Tag, dass ich nicht in einem Land lebe, in dem es mit schöner Regelmäßigkeit zu Heuschreckenplagen kommt. Da möchte ich mal den Wolf -Dieter Storl sehen, wie er mit den Heuschrecken kommuniziert. Mein Körper befindet sich in einem ständigen Kampf mit irgendwelchen Bakterien, Viren, Parasiten. Da gibt es friedliche Symbiose, aber auch Kampf bis zum Äußersten.Mir ist es ehrlich gesagt ziemlich egal, was da irgendso ein Zen-Heini Spirituelles von sich gibt, ich hab’s nicht so damit, die andere Wange hinzuhalten. Das entspricht einfach nicht meinem Wesen.

        Gefällt mir

  6. Alexandra schreibt:

    Lieber Nitya, ja, mir reichen im Sommer die Bremsen und die Zecken, die Mücken und die Fliegen. Da bin ich auch, wie gesagt, erbarmungslos. Und erst die Schnecken im Garten! Es entspricht wohl auch nicht meinem Wesen, sie mir mit Gedankenkraft oder was auch immer für eine Art Kommunikation vom Leibe zu halten. Also muss die altbewährte Fliegenklatsche oder so herhalten. So ist das Leben eben! Aber gerade fällt mir ein Spruch ein: Wer meint, dass „Kleine“ nichts tun können, hat noch nie das Schlafzimmer mit einer Mücke geteilt“ oder so ähnlich.
    Herzliche Grüße
    Alexandra

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s