Ryōkan: Ich werde meine Erfahrungen für mich behalten


R

Der Große Weg führt nirgendwo hin,
Und er ist auch kein Ort.
Halte daran fest,
und du verfehlst ihn um eine Meile.
„Dies ist Illusion, jenes ist Erleuchtung“,
das geht auch weit daneben.
Du verstehst es, die Theorien darzulegen
von „Existenz“ und „Nichtexistenz“,
Doch selbst wenn du vom „Mittleren Weg“ redest,
kann dich das in die Sackgasse führen.
Ich werde einfach meine wunderbaren Erfahrungen
für mich behalten.
Plappere über Erleuchtung,
und deine Worte werden restlos zerpflückt.

aus: Ryōkan, „Alle Dinge sind im Herzen“

L

„Ich werde einfach meine wunderbaren Erfahrungen für mich behalten. Plappere über Erleuchtung, und deine Worte werden restlos zerpflückt.“ Ryōkan schreibt erleuchtete Gedichte, etwa über den Mond oder die Berge, das ist etwas völlig anderes als über Erleuchtung zu plappern. Er scheint bis zum Überdruss die Erfahrung gemacht zu haben, dass jeder Versuch, das, was er erkannt hatte, anderen zu vermitteln, nur dazu führte, dass diese sich irgendwelche absurden Vorstellungen machten, die wiederum die verrücktesten Spekulationen und Theorien zur Folge hatten. Darüber konnte man dann pausenlos diskutieren und versuchen, mit seiner Version recht zu behalten.

„‚Dies ist Illusion, jenes ist Erleuchtung‘, das geht auch weit daneben. Du verstehst es, die Theorien darzulegen von ‚Existenz‘ und ‚Nichtexistenz‘, doch selbst wenn du vom ‚Mittleren Weg‘ redest, kann dich das in die Sackgasse führen.“ Ihr könnt sehen, auch wenn es damals noch keine Foren, Blogs, Erleuchtungs-Kongresse und dergleichen gab, die Menschen waren dieselben wie heute. Dabei verfehlt dieses ganze Gequatsche das, was jeder Augenblick wirklicher Stille für ein Geschenk bereithält.

„Der Große Weg führt nirgendwo hin, und er ist auch kein Ort. Halte daran fest,
und du verfehlst ihn um eine Meile.“ Natürlich nicht nur um eine Meile. Jedes Festhalten verfehlt den Großen Weg, der ja immer nur ein Nicht-Weg sein kann. Festhalten kann man sich nur an einem Ort, also einem Etwas.

„Ich werde einfach meine wunderbaren Erfahrungen für mich behalten.“ Ich hoffe, niemand kommt auf die Idee, das Wort „Erfahrungen“ zu beanstanden. „Erleuchtung ist keine Erfahrung“, tönt es von allen Dächern. Na und? Eben deshalb macht es Spaß, seine wundervollen Erfahrungen für sich zu behalten. Wir sind hier doch nicht in der Schule!

BHeute hab ich mir mal wieder ein paar Bilder angeguckt. Als alter Kunstbanause sag ich jetzt mal: Ein heilloses Rumgekritzel. Aber jedes Bild hatte einen großen Namen. „Bedingungslose Liebe“, „Kosmische Harmonie“, Ewige Freundschaft“, … Ich muss gestehen, mir wurde richtig übel. Da gibt es diesen feinen Satz: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Dieser Aussage schien der Künstler nicht so recht zu trauen und dachte sich wohl: Sicher ist sicher. Nun steht der Kunstbeflissene vor diesen Bildern und schämt sich, dass er in dem Rumgekritzel nicht die Erhabenheit der Botschaft zu entdecken vermag. Von Antoine de Saint-Exupery stammt der bekannte Spruch: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist unsichtbar für die Augen.“ Das ließe sich eins-zu-eins übertragen auf den Großen Weg. Auch er ist unsichtbar für die Augen und alles Wortgeklingel wird ihn für die Augen nicht sichtbarer machen. Ganz im Gegenteil. „Halte daran fest und du verfehlst ihn …“
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19 Antworten zu Ryōkan: Ich werde meine Erfahrungen für mich behalten

  1. Eno Silla schreibt:

    Der Ryokan, der Wunderbare war offensichtlich auch ein Schnacker und Aufschneider. Er behauptet, dass er seine wunderbaren Erfahrungen einfach für sich behält. Ich glaube ihm kein Wort. Ich muss nur seine Gedichte lesen und erfahre sie durchtränkt vom Wunderbaren! Ich jedenfalls werde nichts für mich behalten, denn ich kanns nicht halten, es bleibt nichts bei mir, daher teile ich lieber diese flüchtige Fülle:

    Ohne über Erleuchtung zu plappern IST sie einfach am Wegesrand!

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    • Swami Prem Punito schreibt:

      ….Ohne über Erleuchtung zu plappern IST sie einfach am Wegesrand! …
      In der chinesischen Medizin , lieber Eno , wird Digitalis purpurea als Krebsmittel.
      genutzt .

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    • Swami Prem Punito schreibt:

      Lieber Eno ,
      Die Dosis macht`s – ob `herzstärkend oder herzschwächend ist .
      So eine Fingerhutvergiftung – sicherlich kein Vergnügen .
      Da ist der “ gute Tag “ ganz schön im Eimer , wenn die Vergiftungsanzeichen
      sich bemerkbar machen . Mit Bauchschmerzen , Schwindel , Sehstörungen
      geht die “ Gutzuwissen-Reise “ los ….. was danach folgt , Atemlähmung ,
      nee , nee , nix für Punito !🙂
      Herzgruß
      Punito

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Punito, die „Gut-zu-wissen-Reise“ führt in viele Richtungen. So schützt sie auch vor versehentlichem Verzehr in z. B. einem leckeren Smoothie mit Selbstgesammeltem🙂 !
        Aber der Mensch toppt sowieso immer alles:

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      • Nitya schreibt:

        „Es besteht allerdings eine weitere Möglichkeit, ein wertloses, oder sogar schädliches Produkt zu erhalten, und zwar allein durch Küchenstress. Was bedeutet das? Sobald frisches Obst oder Gemüse mit elektrischen Geräten (Mixer u.ä.) verarbeitet wird,reißt das rotierende elektrische Feld des Motors die Elektronen heraus, wodurch ein Salatblatt dadurch ‚die Qualität von grüngefärbtem Toilettenpaier hat.‘

        Originalzitat Prof. Hoffmann. Die schlechte Nachicht: Die so beliebten, frisch gepressten Säfte oder Smoothies werden dadurch erheblich in ihrer (energetischen) Qualität gemindert, da es nicht allein auf die Inhalsstoffe ankommt.

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Nitya,
        ich beobachte diesen Smoothietrend in meiner Umgebung. Da ich all diesen Modetrends skeptisch gegenüberstehe, höre ich allen zu, probiere aus und lass es dann meistens. So auch mit den Smoothies. Mal abgesehen von den Kosten eines gepriesenen Mixers, was allein schon eine „Nein, da mach ich nicht mit!“ Reaktion in mir erzeugt (ein weiteres Geschäftsmodell), haben die von mir probierten Smoothies gelegentlich gewaltiges Magengrummeln erzeugt. Einige waren sehr lecker und ich fühlte mich nach dem Genuß sehr gut. Dennoch, dieser Körper sagt: „Nicht notwendig!“ Ich hör drauf, was dieser Körper sagt. Hin und wieder einen Smoothie, wenn er mir angeboten wird und gut!
        Gruß
        Eno

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  2. Eno Silla schreibt:

    Ja, ich bin wirklich ein Dummkopf,
    Lebe inmitten von Bäumen und Pflanzen.
    Bitte frage mich nicht
    nach Illusion und Erleuchtung –
    Dieser alte Mann lächelt einfach gerne
    sich selber zu.
    Ich wate mit nackten Füssen durch die Flüsse,
    Und bei schönem Frühlingswetter
    trage ich einen Rucksack mit mir herum.
    Das ist mein Leben,
    Und die Welt schuldet mir nichts.

    Ryokan

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  3. Nitya schreibt:

    „Ohne über Erleuchtung zu plappern IST sie einfach am Wegesrand!“

    Genau das meinte Ryokan mit der Zeile: „Plappere über Erleuchtung, und deine Worte werden restlos zerpflückt.“ Im Gegensatz zu den Menschen plappert die Digitalis purpurea nicht, schon gar nicht über Erleuchtung. Und auch Ryokan plappert nicht über Erleuchtung. Seine Gedichte blühen am Wegesrand wie die Digitalis purpurea.

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  4. Eno Silla schreibt:

    Mein großer Weg führt nirgendwo hin.
    Oder doch irgendwo hin?
    Ich weiß es nicht.
    Ich weiß nichts über „irgendwo und nirgendwo“.
    Es sei denn, wir spielen!
    Dann, ja dann ist alles möglich!
    Dann kann ich so tuen „Als-ob“.

    alles inszenierung…

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