Die Reise des „Helden“ oder Hans im Glück


1
Der Held bin natürlich ich. Nicht weil ich besonders heldenhaft wäre, sondern einfach, weil ich der Held oder Protagonist meiner eigenen Lebensgeschichte bin. (Ich verzichte mal weitgehend auf Tüddelchen, die kann sich jeder selbst dazu denken.) Die Reise begann, ich weiß nicht wann – für mich mit meiner ersten Erinnerung. Für meine Geburt hatte ich mir einen Zeitpunkt herausgesucht, als gerade die Schlacht um Moskau für die Deutschen verloren ging und damit das Ende des zweiten Weltkrieges eingeläutet war. Herausgesucht habe ich mir natürlich gar nichts, vielmehr fand ich, was immer gerade zu geschehen schien, einfach vor.

2In den ersten sechs Lebensjahren finden die grundlegenden Prägungen statt. Diese geschahen in meinem Fall also in den letzten drei Kriegsjahren, mit Flucht, Tieffliegerangriffen, Bomben auf Bunker und Haus und allem, was ein verloren gehender Krieg so mit sich bringt, und in den ersten drei Nachkriegsjahren mit Nahrungsmittelknappheit, Kälte, Besatzung und dergleichen. Hätte ich eine Wahl gehabt, hätte ich mir vermutlich eine etwas gemütlichere Zeit ausgesucht. Aber anders als der Begriff des Helden vielleicht suggerieren mag, hat der Held des eigenen Lebensromans eben nicht die geringste Wahl.
3Eine prägende Zeit, war auch meine Zeit im Pfarrwaisenhaus in Windsbach, in der ich das erste Mal so richtig von dem überrollt wurde, was sich Religion nannte. Tischgebete, Morgenandacht, Abendandacht, Sonntagsgottesdienst und dann die täglichen Chorstunden, in denen ich es vorzugsweise mit geistlicher Musik zu tun hatte. Während die anderen Fußball spielten, ging ich in eine Bibelgruppe, in der wir uns die Köpfe heiß diskutierten und alles in Frage stellten, was da Geistliches auf uns herunterprasselte.
4Dass wir keine Wahl haben, erlebte ich auf eine ziemlich unbewusste Weise schon immer, so richtig bewusst wurde es mir jedoch erst, als mir mit 18 ein Buch von Meister Eckhart in die Finger kam. Ich begriff, dass der Satz „Dein Wille geschehe!“ im Grunde die Einsicht darstellt, dass dieser unpersönliche Wille bereits schon immer geschieht, ob man das nun wahrhaben will oder nicht. Die Aufforderung „Dein Wille geschehe!“ ist also im Grunde überflüssig wie ein Kropf.
5Als ich das geflüsterte „Spüren Sie’s?“ von Heinz Butz hörte, verschwand für eine kostbare Ewigkeit jeder Held mitsamt all seinen Geschichten. Als diese dann später wieder auftauchten, ging das, was „nicht von der Welt ist“, irgendwie nicht mehr verloren. Auch „die Welt“ ging Gott sei Dank nicht verloren,  verlor jedoch fast schleichend immer mehr an Bedeutung und Wirklichkeitsgehalt und gleichzeitig dann doch wieder nicht.

Ja, auf meiner Heldenreise habe ich, und das schon sehr früh, auch das Thema Therapie vorgefunden. Natürlich stand dahinter die Idee, den Verlauf meiner Heldenreise positiv beeinflussen zu können. Wer beginnt schließlich schon eine Therapie ohne diese Hoffnung?! Osho fällt mir an der Stelle ein mit seinem gemeinen Hinweis: „Therapie? – Und morgen bist du wieder derselbe!“ Oft wurde ich gefragt, ob sich denn für mich meine Hoffnung erfüllt hätte. Eine schwierige Frage, impliziert sie doch die Vorstellung, dass es eine feststellbare Ursache für meine jeweilige Befindlichkeit gäbe: „Meine Eltern sind schuld an meinen Problemen – meine Therapie ist die Ursache dafür, dass meine Probleme verschwunden sind.“ Aber das ist eben auch nur eine Vorstellung und nicht mehr.
6Rückblickend sehe ich drei Aspekte in meinem Leben, die immer wieder in der einen oder anderen Weise in Erscheinung traten. Der erste Aspekt ist der „außenpolitische“. Damit meine ich den Versuch, die Welt „da draußen“ in irgendeiner Weise in meinem Sinn zu verbessern. Der zweite Aspekt ist der „innenpolitische“. Hier geht es um den Bereich der Therapie, also um den Versuch, die „innere Welt“, also „mich selbst“ zu verbessern. Und schließlich der dritte Aspekt, der locker über die ersten beiden Aspekte hinausgeht und eigentlich nicht das Geringste damit zu tun hat und dem jedwede Politik und jede Verbesserungsabsicht völlig fremd ist. Und ich behaupte mal wieder ganz frech: Keiner dieser Aspekte darf fehlen.
7Diese drei Aspekte traten zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlicher Weise in meinem Leben in Erscheinung – und immer gleichzeitig mit ihnen „der Held“. Wenn ich mich heute frage, welcher der drei Aspekte den wohltuendsten Einfluss auf das Leben des Helden gehabt hat, würde ich vermutlich sagen: Am wenigsten der erstgenannte und am meisten der letztgenannte. Und der mittlere Aspekt? Therapie kann das Leben wirklich leichter machen, das ist keine Frage. Andererseits – alle Verbesserer sind im Gefängnis ihrer Vorstellungen gefangen. Therapie kann dieses Gefängnis komfortabler machen, indem sie alle Vorstellungen auf den Prüfstand stellt, nur kann sie niemanden wirklich aus dem Gefängnis befreien. Dies kann letztlich nur der dritte Aspekt, der die Einsicht beinhaltet, dass es noch nie ein Gefängnis gab und noch nie einen Gefängnisinsassen und dass wir vollkommen unabhängig von all unseren Vorstellungen genau wie ein Baby einfach nur sind bzw. zu sein scheinen – wie der Rest der Welt.
8Über das, was sich mir nach diesem „Spüren Sie’s?“ zeigte – nein, „mir zeigte“ ist nicht richtig, da es da kein „mir“ und nichts gab, was sich hätte zeigen können – darüber kann und will ich keinen Pieps sagen. Ich überlasse es Lao-tse, sich daran zu versündigen: „Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.“

BUnd das Wort zum Tage:
„Erleuchtung“ ist nur ein Wort.

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18 Antworten zu Die Reise des „Helden“ oder Hans im Glück

  1. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    Vielen Dank für die Teilhabe an den Stationen deiner Lebensreise .
    Danke auch für den Spruch des Tages .
    Herzlichst
    Punito
    P.S. JETZT hau ich noch `nen Spruch vom Meistääär raus !🙂

    Du wurdest nicht als Christ oder Mohammedaner geboren; du wurdest als reines, unschuldiges Bewusstsein geboren. Wieder in diese Reinheit, in diese Unschuld, in dieses Bewusstsein zurückzufinden, das ist es, was ich unter Freiheit verstehe.”
    OSHO

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  2. punitozen schreibt:

    …..
    Lieber Nitya ,
    Herzlichen Dank für die Teilhabe an den “ Eckpunkten “ einer-deiner bewegten Lebensreise .
    Danke für das Wort zum Tage: Weil mir dieses Wort zum Tage sehr gefallen tut ,
    hau ich noch eins raus – vom Meistääär !🙂

    “ Sogar große Reisende der inneren Welt haben an ihrem schönen Erleben festgehalten, sie haben sich damit identifiziert und gedacht: ‚Ich habe mich selbst gefunden.‘ Sie haben dort aufgehört, bevor sie in das Endstadium kamen, wo alles Erleben verschwindet. Erleuchtung ist kein Erleben.“
    Osho

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    • Nitya schreibt:

      „Sie haben dort aufgehört, bevor sie in das Endstadium kamen, wo alles Erleben verschwindet. Erleuchtung ist kein Erleben.“

      Lieber Punito,

      „Erleuchtung ist kein Erleben.“ – da kann ich nur zustimmen. Dass irgendjemand mit was auch immer auhören konnte … nu ick weeß nich, ick weeß nich.

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  3. Elwood schreibt:

    Wow…
    Tolles Konzept, lieber Nitya🙂
    Ein Meister ist ein wahrer Meister, wenn der Schüler ihn übersteigt (Meen Fru)
    Da kann ich nur sagen, vielen Dank für Dein meisterliches Gespräch.

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Elwood,

      hmm, hmm, was kann der Meister dafür, wenn seine Schüler zu doof sind, ihn zu übersteigen? Für mich kannst du nur Meister deiner selbst sein.

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      • Elwood schreibt:

        Wer ist der Meister? Wer der Schüler?

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      • Nitya schreibt:

        Das ist so’ne Frage. Der Schlosserlehrling glaubt es besser zu wissen als sein Meister. Wer ist der Meister? Wenn wir von Meister und Schüler sprechen, sind wir fett in der Dualität. Und da sollte es klar sein, wer Meister und wer Schüler ist. Ansonsten – in der Nicht-Zweiheit sind Meister und Schüler verschwunden.

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      • Elwood schreibt:

        Dein Text ist für mich das Gespräch zwischen Deinem Meister und Deinem Schüler mit Auflösung. Wo das Wissen aufhört und alles Wissen enthalten ist.

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      • Nitya schreibt:

        Das musste mir für mein Mickerhirn noch mal verklickern.

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      • Elwood schreibt:

        Eigentlich war das sehr spontan, gefiel mir halt.
        Aber wenn Du mich bedrängst, bin ja auch gerne Bemüht.
        Hab leider gerade Koliken, und aufe Arbeit… bin vielleicht zu Bemüht?
        Naja, es is wies is.
        Dual gesehen, ist der Meister (nach meinem Konzept) mitgeliefert
        Das lese ich in dem Satz:

        “ Und schließlich der dritte Aspekt, der locker über die ersten beiden Aspekte hinausgeht und eigentlich nicht das Geringste damit zu tun hat und dem jedwede Politik und jede Verbesserungsabsicht völlig fremd ist.“
        Und:
        „dass wir vollkommen unabhängig von all unseren Vorstellungen genau wie ein Baby einfach nur sind bzw. zu sein scheinen – wie der Rest der Welt.“

        Dann kommen die beiden Schüler „Innen und Außen“-Bemühungen und quatschen so laut bis Sie den Meister entdecken. Die Bemühungen gehen weiter bis bemerkt wird:

        „Und ich behaupte mal wieder ganz frech: Keiner dieser Aspekte darf fehlen.“

        Da übersteigt der/die Schüler Ihren Meister, da alles mit allem in Beziehung steht, Meister und Schüler sind eins und
        das ganze angelernte Wissen ist ohne Bedeutung, ohne Worte…….

        „Und das Wort zum Tage:
        „Erleuchtung“ ist nur ein Wort.“

        ..…Wissen wird gespürt.

        War halt mein Empfinden Deines Textes in meiner Welt.

        Das haste nun davon…….Worte

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Elwood,

        wenn ich dich nicht hätte! Ohne deine Erhellung meines Mickerverstandes hätte ich gar nicht mitgekriegt, was ich da für tiefsinnige Gedanken von mir gegeben habe. Nach deiner fundierten Analyse kann sogar ich verstehen, was ich da abgesondert habe. Herzlichen Dank!

        Ja fein. Das hab ich nu davon. Muss nur Elwood fragen, der kanns mir sagen.

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      • Elwood schreibt:

        Wie schon gesagt, ich brabbel manchmal gern, will einfach nich ohne Mr. Anal-yticus.
        Aber Du hast ja gefragt und Dich lass ich auf jeden Fall gerne auf meine Inselwelt.
        Irgendwie hab ich trotz Deiner schwarzen Seele vollstes Vertrauen. Weiß auch nicht wieso….

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      • Nitya schreibt:

        Ich hab vollstes Vertrauen in dich, dass du mich nicht auffordern wirst nur noch ein kleines Schrittchen weiter zurückzutreten.

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  4. fredo0 schreibt:

    ein wahrlich „nährender“ platz hier … herr nitya …
    fein , dich und ja auch deine besucher , hier … virtuell … getroffen zu haben …

    das , was ich zur zeit den „endlosen fall“ nenne , egal ob bemerkt oder (noch) nicht …
    bedeutet halt auch die konfrontation mit der faktischen all-umfassenden einsamkeit …
    mit der unbezweifelbar gewordenen absolutheit des all-ein-seins …
    dies ist nicht immer einfach zu ertragen von dem , was ohnehin nix kapiert … nix kapieren kann .

    um so kostbarer ist (mir) das gelegentliche treffen auf „komplizen“ in dieser unentrinnbaren einsamkeit …
    ihre spezielle konfrontation mit dieser erschließt sich durch ihre geschichte …
    lässt sie damit näher kommen … zur eigenen geschichte …
    danke heute für deine geschichte …

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  5. Savitri schreibt:

    Lieber Nitya,
    danke für deine Ein-Blicke
    …dir in die Augen und durch deine Augen schauen zu können

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  6. fredo0 schreibt:

    noch ein schrittchen … und der endlose fall beginnt …

    fein …😀

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