Jed McKenna: Wer lebt ein bewusstes, geprüftes Leben?


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Sokrates erhebt eine ziemlich vernichtende Anklage: „Das ungeprüfte Leben ist nicht lebenswert.“ Wer lebt schon ein bewusstes, geprüftes Leben? Wahrscheinlich denkt jeder, er tue es, aber so gut wie keiner macht’s wirklich. Wer beschließt schon, dass die Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre seines Lebens so zu sein haben, wie sie sind? Wer beschließt schon aufgrund einer bewussten Entscheidung, wider besseres Wissen, sich mit jemandem zusammenzutun, Kinder zu haben, ein Haus zu kaufen, einen Beruf auszuüben und die kostbare Münze des Lebens dafür auszugeben, die Konturen eines wie in einem Malbuch vorgezeichneten Lebens nachzuzeichnen? Wo sind die Menschen, die ein geprüftes Leben führen? Die lebenswerten Leben? Wo sind die Menschen, die eine Wahl getroffen haben? Nicht nur diese untergeordnete Wahl, die man innerhalb eines nicht gewählten Rahmens trifft, sondern die grundlegende Wahl, die Wahl des Rahmens selbst. Wo sind die Menschen, die sich ihr Leben selbst wählen?

aus: Jed McKenna, „Spirituelle Dissonanz“

Jed McKenna geht hier mit großer Selbstverständlichkeit davon aus, dass es Personen gibt, die wählen könnten, wenn sie denn wollten. Ich möchte nicht wissen, wie viele an dieser Stelle das Spiel „Klappe zu – Affe tot“ spielen. „Brauch ich mich nicht weiter mit beschäftigen. Ich hab’s kapiert: Es gibt keine Wahl.“

ADa hat man sich durch all die Bücher hindurchgequält, allen möglichen Meistern gelauscht, das Thema „Nondualität“ ganz oben auf die neue Liste der Erkenntnisse gesetzt und dann kommt dieser Jed McKenna daher und glaubt, uns mit diesem Sokrates-Zitat noch verunsichern zu können. Eben noch erfreuten wir uns an der Aussage von Werner Ablass, dass die hauptsächlichen Probleme sofort gelöst wären, wenn vollständig akzeptiert werden könnte, dass niemand etwas tut, das alles geschieht. Und nun soll das alles wieder in Frage gestellt werden durch die Aufforderung eines Sokrates, unser Leben zu überprüfen und bewusste Entscheidungen zu treffen?

Ich reibe mir bei solchen Widersprüchlichkeiten ja immer die Hände und fühle mich pudelwohl damit. Nondualität als Konzept ist nichts als eine Steilvorlage für all diejenigen, die unbedingt an etwas glauben wollen. Und wenn die Nondualitätsgläubigen dann irgendetwas hören, das ihrer angeblichen Erkenntnis, die in Wirklichkeit nur ihrem Glauben widerspricht, geht bei ihnen in der Regel sofort die Klappe zu. Und dann macht es kaum noch einen Unterschied, ob ich es mit einem abrahamitisch-dualistischen oder einem nondualistischen Fundamentalisten zu tun habe.

FDie Frage sei gestattet, ob es wirklich dem Lebensgefühl eines Nondualisten entspricht, dass nicht er seine Entscheidungen trifft, sondern ausschließlich irgendeine nicht-fassbare Nicht-Instanz. Ramesh bringt das Beispiel von den beiden Erleuchteten, die Zeuge eines Überfalls auf eine Frau werden. Der eine schlägt den Angreifer nieder, der andere verdrückt sich. Es ist ein Leichtes, das als ein unpersönliches Geschehen dazustellen und so sein nondualistisches Konzept zu retten. Aber entspricht es wirklich dem Lebensgefühl der betreffenden Personen, die angeblich gar keine Personen sind? Ist nicht das tatsächliche Gefühl unserer Protagonisten das, das in einem Fall der Haudegen beschließt, den Angreifer zu vermöbeln, während der Ängstliche im anderen Fall beschließt, lieber nicht seine Haut zu riskieren, die ja angeblich gar nicht seine Haut ist. Auch ein Ramesh beschließt, zu verreisen, beschließt, sich rechtzeitig die Flugtickets zu besorgen, sich über die Abflugsmodalitäten zu informieren, … Haben also doch die Dualisten recht und die Nondualisten reiten einfach ihren ollen Klepper immer weiter und merken nicht, dass er längst tot ist?

Ich würde mal wieder in aller Bescheidenheit mein Sprüchlein aufsagen: Sowohl die Dualisten wie die Nondualisten haben recht und nur recht, haben nicht recht und nur nicht recht, haben sowohl recht wie sie nicht recht haben, haben weder recht noch nicht recht. Halleluja!

In Joh 17 weist Jesus mehrfach auf den scheinbaren Antagonismus „in der Welt“ und „nicht von der Welt“ hin. Es wäre vielleicht hilfreich für die Vertreter der sich widersprechenden Konzepte, zu sehen, dass es sich zum einen nur um Konzepte handelt und zum anderen, dass sich die Konzepte nur scheinbar ausschließen. Sag ich mal so ganz leichtsinnig.
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8 Antworten zu Jed McKenna: Wer lebt ein bewusstes, geprüftes Leben?

  1. Georg Alois schreibt:

    …und da gäb es noch ne Frage: Will ich recht haben oder will ich meinen Frieden haben?

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Alois, es gibt Leute, die haben ihren Frieden nur, wenn sie darauf bestehen, dass sie recht haben, dabei hat Frieden nicht das Geringste mit Recht- oder Nicht-Rechthaben zu tun.

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  2. fredo0 schreibt:

    das was Welt und Ich ist fühlt sich gleich an … und es fühlt sich doch anders an … ( zumindest kann ich das für mich sagen )

    seit damals … ( vor einigen jahren ) … als plötzlich die gewohnte Welt , mit meinem „so ist es richtig “ Kommentar , in sich selbst kollabierte , und nur noch ein stilles in sich ruhendes „aha“ übrigblieb … wurde unleugbar , das nur DAS IST …
    jedoch selbst in diesem „aha“ war das gewohnte noch immer „auch da“ …
    dieses „auch da“ hatte sich aber elementar verändert …
    von der zuvorigen vollumfänglichen ausschließlichen gesehenen „Wirklichkeit“ wurde es zu diesem „auch da“ ( aber halt nicht DA ) …
    Was hatte sich da verändert ?
    Meine Antwort auf diese ja recht naheliegende Frage ist einfach ( und doch letztlich nicht komplett damit beantwortbar ) … es hatte sich die Relevanz verändert …
    War da zuvor eine nicht in Frage gestellte ausschließliche Wirklichkeit von mir und der Welt ….
    gab es da jetzt ( jedoch nur durch eine zuvor nichrt gekannte Unbezweifelbarkeit „belegt“ ) eine Gewissheit um dieses DA und einem … zusätzlichen Welt und ich … ( jedoch hatte dieses „Welt und ich“ keine Relevanz mehr , da es als reine Erscheinung im Fluß erkannt war ) …
    wirklich schon … aber im Sinne einer Wirklichkeit in Erscheinung …
    innerhalb der Erscheinungsebene “ in der Welt“
    in dieser seltsamen neuen Gewissheit ( die noch nicht mal als neu erkannt wurde , sondern eher als „neu wieder entdeckt“ ) ist das (zusätzlich) Erscheinende zwar „wirklich“ in Erscheinung , aber doch … irrelevant …
    Hatte ich mir bei meiner Suche nach Erwachen einen sicheren Hafen ersehnt ,
    saß ich plötzlich da …
    zwischen zwei Stühlen von „Wirklichkeit“ …
    Tja … was soll ich sagen … auch so ist es gar kommod zu sitzen …

    Das was Als Gewinn „verbucht“ wird … mitlerweile … ist das Verschwinden von Eindeutigkeit in der Erfassung von „meinem Leben“ …
    hatte ich zuvor nur einen Stuhl … gibt es jetzt ja zwei … und je nach dem , wie es der müde Hintern braucht , werden sie benutzt …

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    • Nitya schreibt:

      Ich werfe noch ein Kriterium in den Ring, an dem erkannt werden kann, ob sich die Relevanz, von der du sprichst, verändert hat. Stammt nicht von mir, aber ich kann es voll bestätigen. Ich erinnere eine Geschichte von einem Zenmeister, der in einem Wirtshaus sein Essen einnahm und anschließend den Wirt nach dem Koch schickte. Der kam und der Zen-Meister fragte ihn, wer sein Meister gewesen sei. Der Koch bestritt, irgendetwas von einem Meister zu wissen. Der Zen-Meister sagte: „Du kannst mich nicht täuschen. Wer dieses Essen zubereitet hat, muss erkannt haben.“ Und er fragte, ob ihm denn nie etwas Komisches an sich aufgefallen sei, was er bei anderen so nie gesehen hätte. Der Koch überlegte lange, bis er sagte: „Na, vielleicht das. Die anderen haben ständig Angst vor dem Tod. Und ich habe mich immer wieder gefragt, wovor die eigentlich Angst haben.“ – Siehst du“, sagte der Zen-Meister, „ich habe es gewusst, dass ich es mit einem Meister zu tun habe.“

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      • fredo0 schreibt:

        ich bin auch erstaunt mitlerweile festzustellen , wie viele es von denen gibt …
        die da … einfach so … ( ohne je etwas gesucht zu haben ) … in einem „gefundenen“ Leben sind …
        es erscheint mir mitlerweile fast , als wenn diese seltsame „Erwachens“-Nummer keinesfalls ne privilegierte Version Leben ist , sondern doch eher ne art Notprogramm für die , die nicht anders zu retten sind …
        😀

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      • Elwood schreibt:

        Aus der unterschiedlichen Geschichte von meiner Frau und mir habe ich folgendes Konzept gebastelt:
        Wir werden alle als Meister geboren, aber in der Gestaltung des Ich-Glaubens läuft die Kugel mal mehr oder weniger im Bleiben des Authentischen oder in die unterwerfende Korruption. Die daraus folgende Opferhaltung bei der Unterwerfung geht immer stärker in die Außensicht und steigert sich in pathologische Todesangst.
        Auch meine Frau berichtet ähnlich wie dieser Koch, dass sie nicht verstand was die anderen Kinder um sie rum in Ihrer Außensicht so alles mit sich machen ließen. Sie verlor in Ihrem Versuch sich anzupassen und zu verstehen teilweise auch ihren Weg, doch Ihre Suche brachte sie schließlich auch recht schnell wieder zum Nullpunkt, da alles was sie unternahm von vornherein ohne Erwartungen geschah. Ich hingegen bin in meiner Unterwerfung vollgestopft mit Erwartungen und voller Angst.
        10.000 Richtungen, weder richtig noch falsch

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      • Nitya schreibt:

        Find ich gar nicht doof dein Konzept, lieber Elwood.🙂

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  3. Alexandra schreibt:

    „Du bist die nie endende Entdeckungsreise im unendlichen Potential der Möglichkeiten. In Worten nicht beschreibbar.“ H.Lehner…
    „Solange Sie in den Grenzen des Verstandes verweilen, können Sie meinen Zustand nicht erfassen.“ Sri Nisargadatta Maharaj

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