Niu-t’ou: Ruhe in der Dunkelheit deiner Bleibe

BNun unterscheiden sie Profanes und Geheiligtes.
Ihre Verwirrung blüht.
Sie verirren sich durch Haarspalterei.
Suchst du die Wahrheit, verlässt du den Weg.

Die Heilung besteht in der Verwerfung von Profanem und Geheiligtem.
Alsdann die reine, funkelnde Klarheit.
Weder Geschicktheit noch Arbeit sind vonnöten.
Handle wie ein Kind.

In dieser Lebhaftigkeit
Stilles Wissen
Ruhe, von Ansichten befreit
In der Dunkelheit deiner Bleibe.

aus: Niu-t’ou (Büffelkopf) Fa-jung, „Der Gesang des Herz-Geist

Bodhidharma, …, Seng-ts’an, Tao-hsin, Niu-t’ou, … lauter leuchtende Juwelen am Himmel der Verbindung von Tao und Ch’an. In Niu-t’ous Zeilen sind sie wiederzufinden, etwa  Bodhidharma mit seiner „Offenen Weite – nichts von heilig“, Seng-ts’an mit dem Hinweis „Suche nicht nach dem Wahren, glaube nur nicht irgendwelchen Vorstellungen“, Tao-Hsin mit den Worten: „Ursache und Wirkung sind allemal nichts als ein Traum. Es gibt keine Dreifache Welt, die zu verlassen, noch gibt es eine Erleuchtung, die zu erstreben wäre.“ Jede Unterscheidung – etwa zwischen Mensch und Gott, zwischen Profanem und Heiligem – ist nichts als Vorstellung. Niu-t’ou: „Suchst du die Wahrheit, verlässt du den Weg.“ Die Suche ist es, die dir den Weg versperrt. Da gibt es so ehrfurchtgebietende Namen wie Gottsucher oder Wahrheitssucher, mit denen sich manche Menschen schmücken. Eigentlich müssten sie sich Gottvermeider und Wahrheitsvermeider nennen.

Dabei ist alles so einfach: „Handle wie ein Kind.“ Aber wir haben ja unseren Mose: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist.“ Ja, ja, der kann einem glatt das ganze Leben vermiesen. Die alten Ch’an-Meister hatten damit nichts am Hut. „Weder Geschicktheit noch Arbeit sind vonnöten“, sagt Niu-t’ou. Niu-t’ou, auch „der Faule“ genannt, ist wahrhaft faul: „Handle wie ein Kind. In dieser Lebhaftigkeit stilles Wissen. Ruhe, von Ansichten befreit, in der Dunkelheit deiner Bleibe.“ Es gibt nichts zu tun, nichts zu erreichen, es ist alles schon immer da. Was soll also die ganze Haarspalterei, was die Gschaftelhuberei. Wenn du dich nicht von deinen Ansichten befreist, wirst du nie in der Dunkelheit deiner Bleibe ruhen können. „Faul“ ist ein absolutes Schimpfwort geworden, dabei sind es ganz sicher nicht die Faulen, die fleißig dabei sind, diese unsere wunderschöne Welt zu zerstören.

Man sagt: dass Niu-t’ou von Tao-hsin das Siegel der blitzartigen Lehre erhielt, die dieser von Seng-ts’an erhalten hatte. Das klingt ziemlich unverständlich, dabei ist auch das mal wieder ganz einfach. „Weder Geschicktheit noch Arbeit sind vonnöten.“ Ich muss weder irgendwelche Yoga-Verrenkungen machen, ich muss nicht yogisches Fliegen lernen und keine Mantras murmeln, ich muss nicht einmal den Kurs in Wundern praktizieren, ich muss auch nicht besonders schlau sein, … – es genügt, etwas sein zu lassen – das Suchen zum Beispiel und überhaupt jede Absicht. Oder die Vorstellung, irgendetwas zu wissen oder die Vorstellung, irgendetwas erreichen zu müssen oder zu können. Deshalb sagte Ikkyû ja: „Selbst Rinzais Schüler [oder die Pharisäer und Schriftgelehrten] wissen es nicht, viele gewöhnliche Menschen hingegen schon, doch merken sie nicht, dass sie es wissen.“ Wer den ganzen Unsinn einfach sein lässt, handelt wie ein Kind, ohne wie ein Kind handeln zu wollen. Schließlich will auch ein Kind nicht wie ein Kind sein. Es ist einfach ein Kind, so wie ein Eichhörnchen einfach ein Eichhörnchen ist.

K

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4 Antworten zu Niu-t’ou: Ruhe in der Dunkelheit deiner Bleibe

  1. punitozen schreibt:

    ….“ Ich muss weder irgendwelche Yoga-Verrenkungen machen, ich muss nicht yogisches Fliegen lernen und keine Mantras murmeln, ich muss nicht einmal den Kurs in Wundern praktizieren, ich muss auch nicht besonders schlau sein, …

    Bin Heute zu faul zum rezitieren – Hier Krishnamutis letzte öffentliche Rede .
    Herzgruß
    Punito

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