Mutti: Ick bin ick. Mir kann keener.


M
Sagt man heute noch Mutti? Keine Ahnung. Also bei uns hieß Mutti jedenfalls noch Mutti. Und unsere Mutti war eine Berlinerin. Ein bisschen was ist ja davon noch bei mir hängen geblieben. Dachte ich jedenfalls solange, bis ich selbst mal meinen Westberliner Ausweis bekam, aber von meinen Freunden dort eher für einen Waldschrat aus dem Bayerischen Wald gehalten wurde. Dabei komm ich gar nicht aus dem Bayerischen Wald, sondern bin in Bonn geboren worden. Und mein Vater kommt aus Essen und hat mir bestimmt auch nicht Bayerisch beigebracht. Aber ich schweife ab. Das sind halt so G’schichten.

Mutti sagte des Öfteren diesen herrlichen Satz: „Ick bin ick. Mir kann keener.“ Ich vermute, dass der Satz nicht auf ihrem Mist gewachsen ist, aber das ist pottpiependeckelegal, mir hat er immer gefallen. Wenn meine Mutter ihn sagte, lachte sie immer herzhaft, sodass ihr ganzer Bauch dabei wackelte. Es war irgendwie pure Lebensfreude.

Mutti war Gott sei Dank völlig unbeleckt von Advaita und so’nem Kram. Deshalb hatte sie ja auch noch was zu lachen und konnte Sachen sagen, bei denen sich die verkniffenen Spiris nur noch mit Grausen abwenden können. „Ick bin ick.“ „Wer, gute Frau, soll denn bitteschön Ick sein?“ „Na, icke natürlich. Oda is hier noch wer?“ Nee, meine Mutter hatte nicht das geringste Problem damit, „icke“ zu sich zu sagen, ohne das auch nur im Geringsten in Frage zu stellen. Hat ja auch was Gutes. Man wusste immer, wer gemeint war. Wenn man heute den Spiris zuhört, kann man glatt einen Knoten im Hirn kriegen. Im Bemühen um Spiritual Correctness stolpern sie ständig über ihre eigenen Füße. „Eigene Füße? Soll das heißen, dass diese Füße mir gehören? Wer ist mir?“ Die können einen glatt in den Wahnsinn treiben mit ihrer Wichtigtuerei. Namasté hinten und vorne und „überhaupt sind wir was Besseres, obwohl es uns gar nicht gibt.“ Jede Klofrau ist ehrlicher als diese Spiri-Mischpoke.
NJa, aber jetzt mal ganz im Ernscht: Wie ist es denn nun mit diesem „Ick bin ick“? Also wer sich mal ganz unvoreingenommen umguckt, der kann sehen,  wie ihm dieses „ick bin ick!“ von allen Seiten entgegenschallt. Nee, nicht nur in der Stadt bei den Stadtneurotikern, auch draußen in Wald und Flur: Jeder Baum ruft es, jeder Pilz, Enos Fuchs ruft es, jeder Käfer und jeder Grashalm. Alle sind sie völlig einzigartig und Ausdruck dieser unglaublichen Kreativität dessen, von dem wir alle keine Ahnung haben. Und wir alle sollen gefälligst nichts anderes sein als das, was wir sind. Icke eben in unserer ganzen Pracht und Herrlichkeit.
P

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Mutti: Ick bin ick. Mir kann keener.

  1. Osheewan schreibt:

    also, wie machst du das blos…ich fühl mich irgendwie ertappt…mein papa kommt aus Berlin und meine mama aus Stuttgart und ich aus Augschburg, also irgendwo dazwischen…Mutti bin ich von Beruf auch (arbeite selbständig in der stationären jugendhilfe mit traumatisierten kindern) und wenn ich herzhaft lache, wackelt mein bauch auch…herrlich, das hat er gerade getan, vielen dank dafür…

    Gefällt mir

  2. Georg Alois schreibt:

    und nen dicken Knutsch noch oben drauf !!!

    Gefällt mir

  3. Alexandra schreibt:

    Lieber Nitya, musste gleich an meine Mutter denken. Sie war zwar keine Berlinerin, hatte aber verwandtschaftliche Bezüge nach Berlin. Und konnte solche Sprüche auch loslassen.
    Und an eins meiner Lieblingskinderbücher: Das kleine Ich-bin-Ich von Mira Lobe. Das arme kleine Wesen, das zu jedem rennt und fragt: bin ich wie du? „renne her und renne hin, möchte wissen, wer ich bin“. Am Ende der Reise verzagt das kleine Tier: „Alle sagen, ich bin Keiner, nur ein kleiner Irgendeiner… Ob’s mich etwa gar nicht gibt?“ Doch anstatt zu trauern, kommt es schlussendlich doch noch zur Einsicht: „Sicherlich gibt es mich: Ich bin Ich!“ – Danke!!!

    Gefällt mir

  4. punitozen schreibt:

    Ach weeste Nitya , wenn ick mal so richtig “ Icke “ sache , jeht im 4 . Stock det Licht aus .
    FRacht die eener watte meenst , denn sachste : “ Ick bin Baliner , mir kann keener , mir könnse alle ,
    Det vastehste ja ?
    Liebe Grüße
    Punito

    Gefällt mir

  5. kekabe schreibt:

    Guten Morgen lieber Nitya,
    was für eine wunderbare Lektüre zum Sonntagmorgen!
    Ein jubelndes Winken zu dir und liebe Grüße,
    Kerstin

    Gefällt mir

  6. marcopollo schreibt:

    Ich wäre echt dafür diesen Blog als Kolumne in einer größeren Tageszeitung lesen zu dürfen. Fast schade dass deine Gedanken nur die erreichen, die eh schon dafür offen sind. Oder in Buchform, mit einem Titel wie z.B.: „Mein hnfp“, „Mein Hmmm“ oder so ähnlich oder ganz anders…🙂 Aber ich will mich nicht beklagen, ich darf ja teilhaben. Grüße

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Lieber marcopollo,

      danke für die Blumen, aber das ist nur das Gesabbel von einem alten Sack, der seine Ruhe haben und verschont bleiben will von dem Stress, den Veröffentlichungen in den Printmedien unweigerlich mit sich bringen würden. Ich fühle auch nicht den leisesten Ruf irgendeines Gottes, hier seine Botschaft kund zu tun. Ich bin ja schon froh, wenn es hier einigermaßen ruhig abgeht. Dass mein Käse hier nur die erreicht, die nicht allzu genervt davon sind, ist mir also gerade recht.

      Habe die Ehre

      Gefällt mir

      • marcopollo schreibt:

        Ich glaub ja dir ist diese Angelegenheit mittlerweile so in Fleisch und Blut übergegangen, dass der Stress gar kein Problem wäre – einfach raushaun wie immer, Routine macht bekanntlich die Meister. Aber den grundsätzlichen Gedanken versteh ich sehr wohl, wer weiß (viel Fantasie brauchts ja nicht) was da für Fritzen arbeiten um ihr Produkt an Mann und Frau zu bringen. Allein mit diesen Medienleuten näher in Berührung zu kommen, könnt schon grauslig sein. Zur Not bliebe die Möglichkeit die E-Mail unter der Tür durch zu schieben. *schiefgrins | So würd ichs machen wollen.
        Die Götter und ihre Rufe ein klein wenig leiser erscheinen zu lassen, könnte allerdings gelingen, rein vom Inhalt her.😉
        Genug gehudelt, keep on, Grüße

        Gefällt mir

      • Nitya schreibt:

        „Zur Not bliebe die Möglichkeit die E-Mail unter der Tür durch zu schieben. *schiefgrins | So würd ichs machen wollen.“

        Liebwerter Herr marcopollo,

        es steht dir absolut frei, mein Blabla gern auch unter deinem Namen als E-Mail wem auch immer unter der Tür durchzuschieben. Wer weiß, vielleicht darfst du es dann am nächsten Tag als Kolumne in einer größeren Tageszeitung lesen? Ich wünsche gutes Gelingen!

        Gefällt mir

  7. marcopollo schreibt:

    Kleines, ich bring dich ganz groß raus…:mrgreen:
    Nein, aber vielleicht mach ich das mal so ähnlich mit der Mail, wenn du eh nichts dagegen hast. Als meines würd ich die Sachen natürlich nicht ausgeben.😉

    Weiter frohes Schaffen
    https://i2.wp.com/www.smilies.4-user.de/include/Froehlich/smilie_happy_302.gif?zoom=2

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s