Ryokan: Jedes Jahr wächst der Efeu höher.


E
Meine Hütte liegt mitten in einem dichten Wald.
Jedes Jahr wächst der Efeu höher.
Keine Neuigkeiten von den Angelegenheiten der Menschen,
Nur gelegentlich das Lied eines Holzfällers.
Die Sonne scheint, und ich flicke meine Robe.
Wenn der Mond hervorkommt,
lese ich buddhistische Gedichte.
Ich habe nichts zu berichten, meine Freunde.
Wenn ihr den Sinn herausfinden wollt,
dann hört auf hinter so vielen Dingen herzujagen.

Ryokan

Vor über dreißig Jahren eröffneten eine Freundin von mir und ich in Hamburg eine Primärtherapie-Praxis. Wir konnten mit Einverständnis des Hausbesitzers das Haus einer Wohngemeinschaft übernehmen, deren Mietvertrag noch ein paar Jahre weiterlief. Als dieser dann das Haus verkaufte und der neue Besitzer das Haus abreißen und ein größeres Mietshaus an die Stelle des alten Hauses setzen wollte, mussten wir uns nach einer neuen Bleibe umsehen. Die Mietpreise schienen uns inzwischen unerschwinglich zu sein. Ein Bekannter, von Beruf Makler, empfahl uns, einfach ein Haus zu kaufen. Die Kreditzinsen würden erheblich unter den üblichen Mieten liegen. Mit fast keinem Eigenkapital kriegten wir einen Kredit und kauften ein geeignetes Haus aus den 50er Jahren.

Meine erste Idee war, das Haus ringsum mit Efeu zu beglücken. Daran musste ich jetzt als Erstes denken, als ich Ryokans Zeilen las. „Jedes Jahr wächst der Efeu höher.“ Was den Wald betrifft, wir haben uns zum Leidwesen einer Nachbarin große Mühe gegeben, den Garten in ein urwaldähnliches Chaos zu verwandeln. Nein, ich bin weiß Gott nicht so ein harter Bursche wie dieser Ryokan. Ich liebe meine Zentralheizung und mein warmes Bett und begnüge mich auch nicht mit irgendwelchen Kräutern am Wegesrand.
qAber ich fühle mich sehr angesprochen von Ryokans Zeilen. „Keine Neuigkeiten von den Angelegenheiten der Menschen, nur gelegentlich das Lied eines Holzfällers.“ Das Lied eines Holzfällers habe ich hier leider noch nicht gehört; was die Neuigkeiten von den Angelegenheiten der Menschen betrifft, merke ich, dass ich ziemlich gesättigt von ihnen bin. Im Laufe der Jahre habe ich schon so viele Geschichten gehört, da geht es mir ein wenig wie Ryokan, der auch nicht mehr besonders wild auf weitere Neuigkeiten war. Geschichten, Geschichten, Geschichten, … und dann die Politik – nicht zum Aushalten!

„Ich habe nichts zu berichten, meine Freunde.“ Meine eigenen Geschichten langweilen mich mehr noch als die Geschichten von anderen. Geschichten, alle schon zu Tode erzählt. Ich werde gefragt, ich erzähle fast widerstrebend, aber eigentlich … Ich fürchte, ich bin alt geworden. Die Bäume stehen einfach da und schweigen, die Spatzen, die Eichelhäher, die Elstern, … sie erzählen einfach still durch ihr Sosein. Wie erholsam ist das. Das Reden strengt mich immer mehr an und auch das Hören von noch einer Geschichte und noch einer ermüdet mich immer mehr. Geschichten wollen mich immer nach außen in den Kopf ziehen, was sich oft ganz schön anstrengend anfühlt. Ryokan sagt: „Wenn ihr den Sinn herausfinden wollt, dann hört auf, hinter so vielen Dingen herzujagen.“ Ach ja. Ich kann ihm nicht widersprechen.
B

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11 Antworten zu Ryokan: Jedes Jahr wächst der Efeu höher.

  1. Osheewan schreibt:

    Lieber Nitya, fast jeden Morgen lese ich hier so manches „Lied eines Holzfällers“ und freue mich über deine Geschichten! Manchmal fühlt sich das nach „alt“ im allerbesten Sinne an…meist so jung und sprudelnd und inspirierend…und so ein Efeu am Haus sieht ja vielleicht ganz schön aus, ist aber eine RiesenSauerei, wenn man den weghaben möchte, weil er überall ins Dach wächst…da geht ohne Mundschutz garnix..und die Vögel, die darin gewohnt haben, schauen am Anfang zwar doof, wenn ihr zu Hause weg ist, suchen sich dann aber einfach neue Plätze…(ich hoffe, diese eine, kleine Geschichte geht noch ;))..LG Uschi

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  2. fredo0 schreibt:

    was gibt es zu sagen ?
    außer dies …
    die sonne scheint
    der regen rinnt

    und ?
    nachdem dies gesagt wurde ?
    die sonne scheint
    der regen rinnt

    oh wie so fein ist auch das gesagte …
    😉

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  3. Eno Silla schreibt:

    „Das Reden strengt mich immer mehr an und auch das Hören von noch einer Geschichte und noch einer ermüdet mich immer mehr. Geschichten wollen mich immer nach außen in den Kopf ziehen, was sich oft ganz schön anstrengend anfühlt.“

    Lieber Nitya,
    du sprichst mir heute wieder mal sehr aus dem Herzen! Ich war gestern seit langem wieder einen ganzen Tag unter Menschen und es dauert nie lange, bis irgendjemand anfängt irgendwelche Geschichten aus seinem Leben zu erzählen. Oft sind es alte Männer, die dieses Bedürfnis verspüren…
    Ein Stoßgebet kommt mir in den Sinn: Möge ich es merken, wenn ich in alte Geschichten verfalle und andere damit nerve!
    Ich fahre heute mal wieder raus, die Sonne scheint, setze mich irgendwo nieder und schaue in die Landschaft, dass ist so schön entspannend, ganz ohne die Angelegenheiten der Menschen, manchmal bekomme ich Besuch, vor kurzem wars ein Fuchs, der jagend über eine Wiese strich. Das hinter irgendwelchen Dingen herjagen wird weniger und weniger…

    Hier habe ich noch ein Foto, das mir heute mein Bruder schickte:


    In der Höhle hinter dem Fachwerk wurden 7 Blaumeisen großgezogen, die heute die Höhle verließen, muss ein ganz schönes Gedränge gegeben haben und die Meiseneltern hatten alle Schnäbel voll zu tun…

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  4. Brigitte schreibt:

    Die Gedichte von Ryokan sind einfach wunderschön ❤

    Wir begegnen einander, nur um uns zu trennen.
    Wir kommen und gehen, wie die weißen Wolken.
    Ryokan

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  5. toenungen schreibt:

    Leere eignet sich nicht
    zum Reden.

    Willst du Land umpflügen,
    bleibe in bewohntem Land.

    Wo sind der Spaten?
    Wo das Land?
    Wo Du?
    Wo ich?

    Oh, diese Leere!

    tg

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  6. punitozen schreibt:

    Wer sagt, meine Gedichte seien Gedichte?
    Meine Gedichte sind keine Gedichte.
    Wenn du verstanden hast,
    Daß meine Gedichte keine Gedichte sind,
    Dann können wir beginnen, über Poesie zu reden!
    Ryokan
    ( Eine Schale, Ein Gewand )

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  7. Alexandra schreibt:

    …und dann gehe ich nach rechts zu den webcams und schaue mir die kleinen Bussarde an. Gedanken fragen: „Ist das nicht ein bisschen langweilig so ein ein Leben? Warten auf das Groß werden…“ So ein Quatsch! Sie SIND einfach, die kleinen Bussarde, wie die großen. Leben… nicht mehr und nicht weniger. Doch der Verstand schaltet sich schon wieder ein: Oh, sie sind heute schon ein bisschen größer wie gestern… Immer ist ein wenig Warten da, auf das was sich verändert. Warum nur? Das was jetzt ist, ist genug. Wenn das der Verstand nicht begreifen will, halte ich ihm das Koan Mu entgegen. Vielleicht wird er irgendwann zahm?

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  8. Pingback: Den Sinn herausfinden – Mystik aktuell

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