Linji: weder noch


S

Linji besuchte Bodhidharmas Stupa.

Der verantwortliche Priester fragte: „Mein Herr, wollt ihr zuerst dem Buddha oder dem Patriarchen Euren Respekt zollen?“

Linji antwortete: „Weder dem Buddha noch dem Patriarchen.“

Der Priester fragte: „Worin besteht der Zwist zwischen Buddha, dem Patriarchen und Euch?“

Mit einem Schnalzen seiner Ärmel wandte sich Linji um und ging davon.

aus: Linji Yixuan, „Linji Yulu“

Was für eine köstliche kleine Geschichte! „Linji besuchte Bodhidharmas Stupa.“ Was hat ein Typ wie Linji an Bodhidharmas Stupa verloren? Ikkyû Sôjun war aus demselben Holz geschnitzt wie Linji. Von ihm wird diese Geschichte erzählt:

FAuf einer seiner Wanderungen erbat Ikkyû Quartier in einem Tempel. Des Nachts wurde es kalt, es fröstelte ihn und er entzündete einen Holzbuddha, um sich daran zu erwärmen. Als der gastgebende Mönch dies am Morgen sah, war er außer sich: „Ich gab dir Herberge, weil ich dachte du seiest ein weiser Heiliger, und nun verbrennst du einen Buddha! Wie kann ein Gelehrter des Zen nur eine solche Lästerlichkeit begehen?!“ Als Antwort stocherte Ikkyû in der Asche herum, als ob er etwas suche. „Was machst du denn da?“ – „Ich suche nach Knochen.“ – „Du suchst nach Knochen? Warum in aller Welt solltest du hierin Knochen finden?“ – „Du siehst“, entgegnete Ikkyû, „dieser Holzbuddha besaß keine Knochen. Der Buddha in mir besitzt Knochen, und die wollten heute Nacht gewärmt werden. So opferte ich dem lebendigen Buddha den hölzernen.“ Tags darauf saß Ikkyû vor einem Grenzstein und betete ihn an. Der Tempelmönch rotierte: „Erst verbrennst du einen Buddha, und nun huldigst du diesem Klotz. Bist du noch bei Trost?“ Ikkyû antwortete: „Letzte Nacht war mir nach Wärme, jetzt ist mir nach Beten. Und die Buddhafigur ist ja nicht mehr da…“
B
Der gastgebende Mönch in Ikkyûs Geschichte muss wohl so etwas wie eine Reinkarnation des verantwortlichen Priesters in Linjis Geschichte gewesen sein. Man könnte sagen, dass es sich hier wirklich um zwei Archetypen handelt, die durch die Jahrtausende hindurch immer wieder aufeinanderprallen. Ich kann mir also schwer vorstellen, dass Linji irgendwelchen Abbildern von Buddha oder Bodhidharma seinen Respekt zollen wollte. So kann eben nur sein Gegenspieler denken. Warum Linji überhaupt dahin gewandert ist? Das kann ich natürlich nur mutmaßen. Es lag vermutlich einfach auf seinem Weg und Linji wollte einfach mal Pause machen. Eilfertig eilte der verantwortliche Priester herbei in der Annahme, dass ein frommer Pilger dem Buddha und Bodhidharma und damit auch ihm selbst seinen Respekt zollen wolle. Auf die Frage, wem er denn nun zuerst seine Reverenz erweisen wolle, antwortete Linji ganz trocken: „Weder dem Buddha noch dem Patriarchen.“ Der Priester verstand nicht und dachte, der Pilger könne sich nicht entscheiden oder hätte ein Problem mit beiden Heiligen. Er fragte: „Worin besteht der Zwist zwischen Buddha, dem Patriarchen und Euch?“ Linji reicht es. Es hätte keinen Sinn gehabt, etwas zu erklären. Na ja, eine winzige Chance hätte es vielleicht gegeben. Aber die konnte der Priester nicht erkennen. Linjis Antwort war deshalb ein abruptes Umdrehen und Gehen, ohne noch weiteres Wort zu verlieren. Die Erklärung die der Priester für dieses Verhalten hatte, dürfte nicht die freundlichste gewesen sein.
TBrahma, Vishnu und Shiva – sie sind alle im Spiel. Und keiner darf darin fehlen. Keiner.

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