Alan Watts: der Verlust von allem Zauber


WEs ist sehr bezeichnend für unsere verkommene Art geistiger Gesundheit, dass unsere Kultur nur sehr wenige magische Dinge produziert. Die Juwelen sind unauffällig und uninteressant. Der Architektur mangelt es nahezu vollständig an Überschwänglichkeit, sie scheint vielmehr einem Zwang zu unterliegen, Glaskästen aufzustellen. Kinderbücher werden von seriösen Damen mit Doppelnamen und ohne jede Phantasie geschrieben, und was die Comics angeht, hat man sich schon einmal die Möbel in Mickys Haus angesehen? Die potenziell magisch wirkenden Zeremonien der katholischen Kirche werden entweder mit Höchstgeschwindigkeit abgefertigt oder mit der Unterstützung eines Kommentators rationalisiert. Dramatisches oder rituelles Verhalten im Alltagsrahmen wird als Affektiertheit oder schlechtes Benehmen ausgelegt, und die Manieren – wo sie überhaupt noch existieren – lassen sich vom Manierismus nicht mehr unterscheiden. Wir produzieren nichts, was sich vergleichen ließe mit den großen orientalischen Teppichen, dem Glas, den Kacheln und den bunt ausgemalten Büchern aus Persien, der arabischen Lederarbeit, der eingelegten Tischlerarbeiten aus Spanien, den Hindu-Textilien, dem Porzellan und der Stickerei aus China, der Lackmalerei und dem Brokat aus Japan, den französischen Gobelins oder den Inka-Juwelen (gelegentlich gibt es ziemlich kleine elektronische Apparate, die sehr nahe an feine Juwelen herankommen). Der Grund ist nicht einfach der, dass wir zu sehr in Eile sind und keinen Sinn für das Genießen der Gegenwart haben; auch nicht, dass wir uns diese Arbeit nicht leisten können, die solche Dinge erfordern würden, noch dass wir das Geld den Gegenständen vorziehen. Der Grund ist der, dass wir die Welt von allem Zauber gründlich reingewaschen haben. Wir haben sogar die Vision des Paradieses verloren, sodass unsere Maler und Bildhauer seine Formen nicht mehr erkennen können. Das ist der Preis, den man dafür zahlen muss, wenn man versucht, die Welt vom Standpunkt eines „Ich“ aus zu kontrollieren, das alles, was es erfahren kann, als fremde Objekte und als Nichts erlebt.

aus: Alan Watts, „Die Illusion des Ich“

T„Der Taj Mahal ist ein 58 Meter hohes und 56 Meter breites Mausoleum, das in Agra im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh auf einer 100 × 100 Meter großen Marmorplattform in der Form einer Moschee errichtet wurde. Der Großmogul Shah Jahan ließ ihn zum Gedenken an seine im Jahre 1631 verstorbene große Liebe Mumtaz Mahal erbauen.“ (Wikipedia)

Was für eine Verschwendung, würden sicher viele sagen. Ein Mausoleum! Es gibt so viele lebende Obdachlose, die schon glücklich wären, wenn sie nur ein Dach über dem Kopf hätten, das sie vor den Unbilden des Wetters schützen würde. Und wieviel Nahrung für die Ärmsten der Armen hätte man kaufen können, wenn man nicht das Geld in diesen sinnlosen Prachtbau gesteckt hätte! Für seine verstorbene große Liebe, die nichts mehr davon hatte, hat der Großmugul das Geld zum Fenster hinausgeworfen, während seine Untertanen Frondienste leisten mussten und nichts zu essen hatten. Da muss doch jedem richtigen Sozialisten die Galle hochkommen. „Nieder mit dem Klassenfeind!“

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Das erinnert mich gerade an Jo 12,3-8: Da nahm Maria ein Pfund Salböl von unverfälschter, kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu und trocknete mit ihrem Haar seine Füße; das Haus aber wurde erfüllt vom Duft des Öls. Da sprach einer seiner Jünger, Judas Iskariot, der ihn hernach verriet:  „Warum ist dieses Öl nicht für dreihundert Silbergroschen verkauft worden und den Armen gegeben?“ Das sagte er aber nicht, weil er nach den Armen fragte, sondern er war ein Dieb, denn er hatte den Geldbeutel und nahm an sich, was gegeben war. Da sprach Jesus: „Lass sie in Frieden! Es soll gelten für den Tag meines Begräbnisses. Denn Arme habt ihr allezeit bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Was wohl die Sozialisten zu dieser Verschwendung gesagt hätten?

Da haben wir mal wieder zwei schöne Gegenpole: Auf der einen Seite den nüchternen Materialisten Judas Iskariot, dem jeder Sinn für den Zauber fehlte, der für Maria von Jesus ausging, und auf der anderen Seite eine hingebungsvolle Frau, der jeder Sinn für die sog. Realität des Lebens zu fehlen schien.

Alan Watts berichtet mit bewegenden Worten von den zahlreichen in der Vergangenheit von Menschenhand geschaffenen Kunstwerken und schildert gleichzeitig unseren kulturellen Niedergang bzw. „unsere verkommene Art geistiger Gesundheit“: „Kinderbücher werden von seriösen Damen mit Doppelname und ohne jede Phantasie geschrieben.“ Habt ihr euch schon einmal Kinderbücher angeguckt? Das ist bis auf wenige Ausnahmen wirklich ein Trauerspiel. Wenn erwachsene Damen auf Kindersprech machen – grusel. Aber wer wäre denn heute noch in der Lage und wer würde sich noch trauen so zu schreiben wie etwa Manfred Kyber in „Die drei Lichter der kleinen Veronika„?

Für die Aufklärung wäre so ein Machwerk wohl nicht einmal diskutabel. Ist sie die Ursache für den Verlust des Zaubers, den Alan Watts hier beklagt? Die Taoisten würden wohl sagen, dass hier immer etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ich phantasiere mal so vor mich hin, was Lao-tse oder Tschuang-tse zu den Pyramiden gesagt hätten, bei deren Bau unzählige Sklaven ihr Leben lassen mussten. Ich vermute mal, da hätte es nur ein Kopfschütteln gegeben. Waren die Taoisten völlig kulturlos? Kann ich mir nicht vorstellen. Gerade fallen mir mittelalterliche Werkzeuge ein. Ein Handwerksmeister ehrte seine Werkzeuge nicht nur dadurch, dass er sie pflegte, sondern oft auch dadurch, dass er sie liebevoll gestaltete. Für mich waren das oft die reinsten Kunstwerke. Das Bauhaus in Weimar versuchte Handwerk und Kunst, Zweckform und Gestaltung wieder miteinander zu versöhnen. Letztlich setzte sich dann doch wohl die Zweckform durch und vom Zauber früherer Jahre blieb kaum noch etwas erhalten.

Wer Gelegenheit und Lust hat, mal wieder in einen Wald zu gehen, vielleicht sogar einmal darin zu übernachten, der wird ganz unmittelbar wieder in Berührung kommen mit dem Zauber, der alles durchdringt. Aber den meisten Menschen dürfte das eher Angst machen. Hier ist nichts mehr berechenbar, nichts mehr wirklich kontrollierbar. Da flüchten wir uns dann doch lieber wieder ganz schnell zurück in die Städte, in denen die Züge ihren Fahrplan haben, überall Polizisten und Kameras für unsere Sicherheit sorgen und uns kein Bär im Schlaf überrascht.

Und was ist nun richtig? Nichts. Alles. Woher soll ich denn das wissen?

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3 Antworten zu Alan Watts: der Verlust von allem Zauber

  1. Osheewan schreibt:

    Lieber Nitya, vielen Dank, dass du heute Morgen schon etwas gegen den Verlust von allem Zauber schreibst! „Die drei Lichter der kleinen Veronika“ hab ich als junger Mensch sehr geliebt und das freie Übernachten im Wald zuletzt vor ca 15 Jahren…na ja , vielleicht könnte man ja eine Klappliege mitnehmen…aus Gründen der Bequemlichkeit..bin inzwischen ja auch schon Mitte 50…und Schiß hatte ich bei so mancher Nacht draußen…einmal durfte ich alleine in/vor einer Höhle übernachten, mit dem Auftrag, sich vorzustellen, hier zu sterben…hat dann doch nicht ganz geklappt ;)…möchte ich nicht missen, all diese Erfahrungen, von wegen “ Zauber und so“, …obwohl …inzwischen geht´s auch ohne Wald wieder ganz gut…hihi
    Ich wünsche dir einen zauberhaften und wundervollen Tag
    LG Uschi

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  2. Alexandra schreibt:

    Guten Morgen lieber Nitya, mir kamen gleich Hundertwasser und Gaudi in den Sinn. Ich liebe ihre Gebäude und Kunst. Man kann sich in ihnen verlieren, finde ich. So schade, dass es davon so wenig gibt. Da bin ich doch froh über unseren wilden Wald vor der Tür. Wo nix in irgendein Schema passt und doch alles perfekt ist. Aber ich fürchte, die meisten Menschen heute haben eckige Augen bekommen. Da geht der Blick fürs Zauberhafte verloren. Deshalb wird sich auch über Nachbars Garten aufgeregt, wenn dort der Löwenzahn nicht ausgestochen wird.
    Lass dich heute verzaubern!
    Liebe Grüße Alexandra

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  3. punitozen schreibt:

    …..Was wohl die Sozialisten zu dieser Verschwendung gesagt hätten?
    “ Wenn wir für uns Sonderansprüche stellen , werden wir bald glauben , es sei die normale Lage . Nur wenn wir alle Entbehrungen unseres Volkes mittragen , wird uns das dazu anspornen , die Mißstände schnellstens zu beseitigen.

    Wladimir Iljitsch Lenin

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