Ikkyû Sôjun: doch merken sie nicht, dass sie es wissen


I

Selbst Rinzais Schüler wissen es nicht,
viele gewöhnliche Menschen hingegen schon,
doch merken sie nicht, dass sie es wissen,
während sie zur Arbeit gehen
und mit sich selbst reden.

LDieser Esel stolpert blind über Steine,
rennt gegen Wände, fällt in Gräben.
Es gibt keine Worte für seinen Kummer
und seine Freude,
keine Worte für sein zerstörtes Herz.

L

Ikkyû Sôjun, absoluter Herzensbobbel von mir, erleuchteter Zen-Meister, der seine Erleuchtungsurkunde zerriss und sich selbst einen blinden Esel nannte, steht ganz in der Tradition von Rinzai alias Linji, der ein Meister der „Frissvogeloderstirb“- Nicht-Methode war, auch „Plötzliche Erleuchtung“ genannt. Rinzais Schule, inzwischen in Japan gelandet, hatte längst wieder eine ordentliche Lehre entwickelt mit einer entsprechenden Methodik und ihren Ritualen und dem ganzen frommen Schnickschnack. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich je so herausgeputzt hat, wie es das Bild oben einen glauben machen will. Der Freigeist Ikkyû litt wohl Höllenqualen in dem Kloster, dessen Abt er sogar war, und machte sich, so oft er konnte, vom Acker, schüttete sich mit Sake voll und vergnügte sich mit den Geishas. Ansonsten floh er in die Berge oder zu den „gewöhnlichen Menschen“, etwa den Fischern, weil er das bigotte Gesocks nicht ertragen konnte. Diejenigen, die vorgaben, zu wissen, wussten nicht, diejenigen, die nicht einmal bemerkt hatten, dass sie wussten, wussten. Es wiederholt sich halt immer wieder. Wie sagte Jesus zu den Pharisäern: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hineinwollen, lasst ihr nicht hineingehen.“ Genauso hielten es auch Ikkyûs Klosterbrüder und der litt darunter Seelenqualen.
RAls Abt einem Kloster voll mit Besserwissern vorzustehen, Besserwissern, die nicht einmal den Schatten von Intelligenz besaßen, muss für ihn die Hölle gewesen sein. Und so dichtete er die Zeilen:

Niemand versteht mein Nicht-Zen-Zen,
nicht einmal das erschütternd-düstere Krächzen
der Krähe erfasst es.

L

 

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10 Antworten zu Ikkyû Sôjun: doch merken sie nicht, dass sie es wissen

  1. Osheewan schreibt:

    guten Morgen. lieber Nitya, vielen Dank dafür! Ich weine, wenn ich das lese…scheint eine kleine Sentimentalität zu sein…! (d)ein blinder Esel

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  2. punitozen schreibt:

    Guten Morgen Nitya ,
    und nach anderem Erleben sinnierte Ikkyû Sôjun : “ Das Krächzen der Krähe war schon in Ordnung . Doch eine Nacht mit einer lieben Dirne schenkte mir tiefere Weisheit als die Worte des Vogels . “
    Wer so redet , wird garantiert , wegen Missachtung der “ guten Sitten “ , aus jedem Erleuchtungskongress herauskomplimentiert , Nicht-wahr , lieber Nitya ?
    So , bis denne . Trinke noch die 2. Portion des “ lieblich schmeckenden “ EZICLEN – Lösung .
    Um 9 Uhr geht`s ab zur Untersuchung ,
    Einen schönen Tag
    Bis denne
    Punito

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  3. Georg Alois schreibt:

    HimmelArschundZwirn, ist das wundervoll!

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  4. fredo0 schreibt:

    einst in der borniertheit der gewöhnlichkeit geboren …
    und das lachen dieser zeit borniert gemieden …
    dem streben nach besonderung auf jahre hinweg erlegen …
    erschöpft und ver-zwei-felt in vergeblichkeit kollabiert …
    zurückgeworfen in gewöhnlichkeit …
    doch jetzt erfreut das lachen dessen mein herz …

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  5. Susanne schreibt:

    Ikkyû Sôjun wird schon gewusst haben, warum er sich als blind bezeichnet hat.

    Ein Erleuchteter der Höllenqualen leidet passt nicht in meine Vorstellung von erleuchtet.

    Die Überwindung des Leidens, von der Buddha spricht, meint nicht das materielle Leid
    hervorgerufen durch Mangel oder körperlichen Schmerz.
    Sollte Ikkyu tatsächlich immer noch am geistigen Leid verhaftet sein ?
    Vielleicht hat er deswegen seine Urkunde zerissen und sich blinder Esel genannt ?

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    • fredo0 schreibt:

      zu Susanne …

      Jede (wirklich jede) Vorstellung von Erwachen/Erleuchtung erzeugt völlig automatisch eine Vorstellung von Überhöhung/Perfektionierung des vorhandenen (für wirklich gehaltenen) Zustands .

      Erwachen jedoch zeigt ( fürderhin auch unbezweifelbar ) das jeder Zu-Stand un-wirklich ist.

      Mehr ist da halt nicht zu erwarten.
      Aber immerhin … dass kann bei aller Herzenspein ( wie bei Herrn Ikkyu ) über die Vorstellungen anderer über dies Erwachen , für einen selbst schon sehr erleichternd sein.
      Denn nix wiegt schwerer wie törichte Vorstellungen.

      Herrn Ikkyus Verzweiflung ist übrigens kaum in Reaktion auf eigenes begründet .
      Da war dann auch nur Er-Leichterung.
      Er dürfte jedoch ein aussergewöhnlich mitfühlender Mensch gewesen sein , der ob der törichten Vorstellungen seiner Schüler und Besucher in tiefe Verzweiflung geriet , und ob seiner nunmal unveränderbaren eigenen Hilflosigkeit daran was zu ändern , sich selbst (als Helfer) nur als „blinden Esel“ sehen konnte …

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      • Nitya schreibt:

        „Er dürfte jedoch ein aussergewöhnlich mitfühlender Mensch gewesen sein , der ob der törichten Vorstellungen seiner Schüler und Besucher in tiefe Verzweiflung geriet , und ob seiner nunmal unveränderbaren eigenen Hilflosigkeit daran was zu ändern , sich selbst (als Helfer) nur als „blinden Esel“ sehen konnte …“

        Darf ich in diesem Satz auch den Herrn Fredo erkennen?

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  6. Nitya schreibt:

    Jesus: „„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hineinwollen, lasst ihr nicht hineingehen.“

    Es hat sie immer gegeben und es wird sie immer geben. Und auch das ist Teil von Leela, dem kosmischen Spiel. Heraklit: „Krieg ist der Vater aller Dinge und aller Dinge König. Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien.“

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  7. fredo0 schreibt:

    nun ja … an den (fredoo)esel hab ich mich ja schon etwas gewöhnt … der hat ja schon als karotten-hinterherläufer seine dienste getan …😀

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  8. Eno Silla schreibt:

    ist es nicht wunderbar,
    wie jeder in nichts eingeschlagene nagel,
    sobald sich was dran zu hängen versucht,
    sich mit absoluter sicherheit in nichts auflöst?

    danke euch allen,
    für ständige perspektivwechsel.
    gummiartiger nagel eno:
    zu nichts zu gebrauchen!

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