Hung-po: So schreiten sie nur Stufe für Stufe voran

Stufen

Die meisten Schüler des Weges sind durch den Dharma erleuchtet, der in Worten gelehrt wird, nicht durch den Dharma des Geistes. Selbst nach vielen aufeinanderfolgenden Äonen der Bemühung werden sie nicht eins mit dem ursprünglichen Buddha-Wesen. Denn diejenigen, die nicht aus eigenem Geist heraus erleuchtet sind, sondern durch Hören des mit Worten gelehrten Dharma, vernachlässigen den Geist und messen dafür der Lehre Bedeutung zu. So schreiten sie nur Stufe für Stufe voran und sind ihres ursprünglichen Geistes nicht gewahr. Hast du aber das schweigende Begreifen des Geistes erfahren, brauchst du nach keinem Dharma mehr zu suchen. Dann IST der Geist Dharma.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“
HIch begegne ihnen immer wieder, seit ich es bewusst wahrgenommen habe, und das war zu meinem Leidwesen schon sehr früh. Ich meine die Streber, wie ich sie immer nannte. „‚Wem andere Menschen sich beugen, dem musst auch du dich beugen‘: Welch Öde doch! Und kein Ende noch!“ sagt Lao-tse und: „Wahrlich, Ich habe das Herz eines Toren, so dunkel und wirr! Die gewöhnlichen Menschen sind hell und klar; nur Ich bin trübe verhangen. Die gewöhnlichen Menschen sind strebig-straff; nur Ich bin bang-befangen. Ruhelos gleich ich dem Meere; verweht, ach, bin gleichsam ich ohne Halt. Die Menschen machen sich nützlich all, nur Ich bin halsstarr, als ob ich ein Wildling wäre. Nur Ich bin von den andern Menschen verschieden, der ich die nährende Mutter verehre.“ Streber nannte ich Menschen, die immer genau wussten, wo sie hin wollten, die ein klares Ziel hatten, die genau wussten, was richtig und was falsch war, deren ganze Welt geordnet war. Und alle hatten sie einen klaren Weg vor Augen, den sie nun Stufe für Stufe bis in schwindelerregende Höhen hochklettern wollten. Was freute ich mich in jungen Jahren, als mir die Zeilen von Lao-tse in die Finger kamen und ich endlich einen Bruder im Geiste gefunden hatte.

Huang-po bringt es exakt auf den Punkt: „Diejenigen, die nicht aus eigenem Geist heraus erleuchtet sind, sondern durch Hören des mit Worten gelehrten Dharma, vernachlässigen den Geist und messen dafür der Lehre Bedeutung zu. So schreiten sie nur Stufe für Stufe voran und sind ihres ursprünglichen Geistes nicht gewahr.“ Und wenn sie ihres ursprünglichen Geistes nicht gewahr sind, dann klettern sie immer weiter und weiter, und wenn sie nicht gestorben sind, dann klettern sie noch heute.
A„Hast du aber das schweigende Begreifen des Geistes erfahren, brauchst du nach keinem Dharma mehr zu suchen. Dann IST der Geist Dharma.“ Wenn die Streber das hören, kriegen sie glatt die Krise und können richtig böse werden. Vielleicht ahnen sie ja irgendwo, dass sie ihr ganzes Leben im Kreis herum geklettert sind.

 

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12 Antworten zu Hung-po: So schreiten sie nur Stufe für Stufe voran

  1. Brigitte schreibt:

    Laotse beschreibt das sehr gut. Diese Verlorenheit und Haltlosigkeit in einer durchweg fremden, unaushaltbaren Welt. Damals in jungen Jahren ist mir zwar „Laotse“ nicht über den Weg gelaufen. Dafür aber die Bücher von Anais Nin, Henry Miller, D.H. Laurence, die mich in vertraute innere Räume entführten und mir im tiefsten Sinne eine Art Zuhause gaben. Ohne sie als lebendige, innere Begleiter wäre ich wahrscheinlich vor die Hunde gegangen.

    Und es kam der Tag,
    da das Risiko,
    in der Knospe zu verharren,
    schmerzlicher wurde
    als das Risiko, zu blühen.
    (Anais Nin)

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    • Brigitte schreibt:

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    • Nitya schreibt:

      Was hast du da nur wieder für wundervolle Blumen gepflückt, liebe Brigitte! Danke.

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      • Brigitte schreibt:

        … aufgelesen am Wegesrand, lieber Nitya🙂

        Am Wegesrand wächst ein großer, ein unendlicher Rosenstock, der sich dem unermesslichen Blau entgegenstreckt. Über den Weg der Welt bewegt sich die Menschheit wie eine Woge aus Fleisch.
        Manche, die den Weg des Rosenstocks nach oben hin verfolgen, ohne auf etwas zu achten, ohne sich zu schützen, die einzig und allein den Schlägen ihres verliebten Herzens lauschen, fallen manchmal durch ihre Verblendung. Manchmal auch, weil unter ihnen die Menschheit wie eine Woge aus Fleisch einen Weg durch die Welt stößt. Und sie sterben mit blutendem Herzen, sterben lächelnd.
        Der stechende Schmerz des Rosendorns behagt ihnen dennoch, und während sie schlafen, bitten sie Gott, dass er sie aufs Neue auf die Welt brächte, um an dem gleichen Dorn zu sterben.
        Am Wegesrand der Welt wächst ein Rosenstock.

        (Salvador Dali)

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  2. Eno Silla schreibt:

    stufe und stufe empor, immer höher, weiter, besser, so die verheißungen der vorstellungen und konzepte, die irgendwann über mich kamen, von eltern, lehrern und anderen verwandten…
    sehr schnell spürte ich und bekam ich zu spüren, dass all mein streben nicht genügte, das es nie gut genug war oder nur temporär, dass irgendjemand immer besser war, dass es immer ein „es geht noch besser“ gab. da brach ich zusammen. nicht nur einmal, sondern immer wieder. ich scheiterte an meinen eltern, an meinen lehrern, an meinen beziehungen, an allem. nichts entsprach jemals den vorstellungen, die auftauchten. das scheitern war ein scheitern der vorstellungen. auf diesem scheinbaren weg stufe um stufe voran bin ich nie irgendwo angekommen. für momente vielleicht sah es so aus. es gab ahhhs und ohhhs und ihhhs. manchmal auch ein „das ist es“. dann wieder schlug die eiserne faust des lebens alles zu brei, während eine zarte hand streichelnd die tatsache verdeutlichte: du bist, dennoch bist du. taumelnd stürzte ich, stürze ich, von der treppe, von den vorstellungsstufen, taumelnd vor schmerz und freude. frei fallend, haltlos, hoffnungslos, ahnungslos weiß ich nicht mehr, ob ich falle oder aufsteige oder über dem horizont gleite. je nach perspektive erscheint es so oder so… mit leeren händen bin ich in all dem all dies.

    hornbach meint: es gibt immer was zu tun! recht haben sie, aus ihrer sicht!

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  3. punitozen schreibt:

    ….sehr schnell spürte ich und bekam ich zu spüren, dass all mein streben nicht genügte, das es nie gut genug …..
    Muß wohl so eine typische “ Begleitmusik “ unserer Elterngeneration gewesen sein .
    Ehrgeiz ködern – und dann die “ Es genügt nicht “ oder “ das schaffstenicht – Botschaften “ .
    Was folgte daraus ? Die Abgrenzung vom Spießersystem mit einem vollen Einsatz ins
    Sex and Drugs and Rock`n Roll,und Anarcho-Getriebe der 60er und 70er . Dieses jedoch mit allen Konsequenzen , bis zum letzen Tropfen . Zumindest war`s meine damalige Antwort im Umgang mit Überfrachtungen aus steten “ Du mußt – Appellen .
    .
    Wäre ich ohne diese Erfahrungen , heute HIER in Nityas-Blog , lieber Eno ? Vermutlich nicht !
    Und jetzt noch was auf die Ohren 4 You
    Herzliche Grüße
    Punito

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    • Nitya schreibt:

      Ich weiß gar nicht, was mir lieber ist, die „Das schaffstenicht“- Botschaften oder die „Wir schaffen das“ – „Yes wie can“-Botschaften. Irgendwie scheint „einfach zu sein“ nicht genug zu sein.

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      • punitozen schreibt:

        Lieber Nitya ,
        ich nehme den Tag wie er auf mich kommt , und erlebe unterdessen was geschieht .
        Heute ist im wahrsten Sinne des Wortes „ein Scheißtag “ . Muß morgen zur ambulanten Untersuchung ( Coloskopie ) ins Krankenhaus .
        So , wie es ist , auch ein Abführtag ist ein guter Tag !🙂
        Herzliche Grüße
        Punito

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Punito,

        vor jedem Fasten ein „Scheißtag“ ist ja erste Bürgerpflicht. Ein bisschen lästig, aber man überlebt’s. Koloskopie hab ich auch mal ausprobiert. Ist doch richtig geil, wenn einem jemand ins Arschloch guckt. Man kriegt ja leider so gar nichts mit von dem Vergnügen. Ich jedenfalls wurde restlos zugedröhnt und wachte dann irgendwann mit dem klassischen „Wo bin ich?“ wieder auf.

        Hab einen guten guten Tag! (irgendwie muss man deinen „guten Tag“ ja noch ein bisschen guter machen können – oder geht das gar nicht?)

        Herzlichst
        Nitya

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    • Eno Silla schreibt:

      Lieber Punito, lieber Nitya,

      ohne all diese seltsamen Erfahrungen, wer wäre ich dann? Keine Ahnung, aber ich habe nicht das geringste Interesse daran anders zu sein. Mal abgesehen davon, dass ein solcher Wunsch sowieso vollkommen idiotisch ist. Obwohl Idiotie hat mich nie abgeschreckt😉 ! Also: die Ahnungslosigkeit bleibt und doch würde ich mit niemanden tauschen, dieses einmalige beschissenschöne Leben eines Eno Silla!
      Und „das schaffste nicht“ und „wir schaffen das“ sind mir heute scheiß egal. Ich schaffe, was ich schaffe und ich schaffe nicht, was ich nicht schaffe. So einfach und so banal! Einfach sein ist genug. Darin liegt ein feines Glück!

      Grüße Euch

      E.

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