Ram Dass: Lass deine Schuhe draußen!


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Der Wunsch nach Erleuchtung bedeutet noch immer, dass du etwas begehrst. Was sich abspielt, ist, dass du mit Orten in Berührung kommst, die jenseits von dem liegen, wofür du dich jemals gehalten hast. Du wachst langsam auf, die Freude ist viel unglaublicher, das Verstehen ist unglaublicher und so weiter – und das Verlangen danach. Das ist wie eine übermäßige Sehnsucht, und dieses Verlangen bringt gewöhnlich all die anderen Wünsche zum Erlöschen. Dann gegen Ende jener Aufeinanderfolge, stehst du nur noch mit diesem einen Verlangen da; und du erkennst, dass das Verlangen danach dasjenige ist, was dich davon abhält. Dann musst du dieses Verlangen loslassen, um es werden zu können, und das ist eigentlich der endliche Sterbevorgang. Es ist das psychologische Sterben, denn die Begierde nach jenem letzten Wunsch ist deine letztliche Erklärung, wer du bist. Die Situation ist aber diese, dass das, wer du bist, nicht durch das Eingangstor hindurchgehen kann. Du kannst genau auf die Tür zugehen und anklopfen, aber du kannst nicht hineingehen. Es heißt, „es“ kann hineineinkommen, aber „du“ kannst es nicht. Das, was begehrt, durch diese Tür zu gelangen, kommt genau bis davor, und dann wird ihm gesagt: „Das Verlangen muss draußen stehenbleiben. Es tut uns leid, lass deine Schuhe draußen, du kannst nicht hereinkommen.“ An jenem Punkt fällt die Begierde ab.

aus: Ram Dass, „Alles Leben ist Tanz“

TOb die Begierde dann abfällt, wissen die Götter. Wenn die Schuhe draußen geblieben sind, ist die Begierde vielleicht immer noch da, nur niemand mehr, der sie hat: „Es heißt, ‚es‘ kann hineineinkommen, aber ‚du‘ kannst es nicht.“ Und „es“ ist alles, was ist. Ist die Begierde etwa nicht Teil von „alles, was ist“? Gautama Buddha hat es so auf den Punkt gebracht: „Handlungen geschehen, doch es gibt keinen Handelnden.“ Nicht nur Handlungen geschehen, sondern alles, was geschieht, möglicherweise auch Begierden.

Ich muss gerade an eine Stelle in Edgars Buch „ERLEUCHTUNG:  The real is illusion – the illusion is real“ denken. Da geht es um eine Möglichkeit, eine negative Emotion zu beseitigen. Es gibt bei der „Technik“, wie sie Edgar vorschlägt, eine schwer zu überwindende Barriere. Wenn sie angewendet wird, um eine „negative Emotion“ zu beseitigen, wird diese Emotion nicht wirklich akzeptiert. Das Motiv hinter der Technik ist dann die Ablehnung der Emotion. Akzeptieren ist aber der Schlüssel zur Transformation der Emotion. Die „negative Emotion“ kann sich erst dann auflösen, wenn es ein bedingungsloses Ja zu ihr gibt. Sie kann sich erst dann verabschieden, wenn akzeptiert wurde, dass sie für immer dableiben wird. Wenn also ein totales Ja zu einer Emotion da ist, kann diese Emotion im Feuer der Gegenwärtigkeit verbrennen und sich so transformieren.

Es ist ein bisschen problematisch, wenn Ram Dass schreibt: „Es ist das psychologische Sterben, denn die Begierde nach jenem letzten Wunsch ist deine letztliche Erklärung, wer du bist.“ Allzu leicht könnte der Eindruck entstehen, dass „Ich“ und „Begehren“ identisch sind. Überhaupt hat das Begehren keinen guten Ruf. Sagte nicht auch Gautama Buddha, dass alles Leben Leiden sei und dass das Leiden vom Begehren käme? Ja und? Deswegen ist alles Leben immer noch Leiden, Leiden und kein Leiden. Da ist Heraklits Aussage für mich klarer: „Die Gezeiten des Feuers sind Hunger und Sättigung.“ Hunger ist Begehren und Sättigung ist das Ende des Begehrens. Immer wieder taucht bei dieser Thematik die Pest der Moral auf: Begehren ist schlecht, kein Begehren ist gut. Immer wieder erscheint der Wahn, übermenschlich sein zu wollen. Gestern hat mich eine Friedenskämpferin als Dschihadisten beschimpft, weil ich auf die Polarität des Lebens hinwies. Wenn ein Löwe Hunger hat, begehrt er eine Gazelle zum Frühstück. Hat er eine erjagt und verschlungen, kann eine andere Gazelle vor seiner Nase herumspazieren, sie interessiert ihn überhaupt nicht mehr. „Erst durch dauernden Wechsel kommen die Dinge zur Ruhe.“ sagt Heraklit. Der Mensch in seinem Größenwahn will Ewigkeit. Leider ist er aber nur ein Mensch und damit den Gesetzen des dauernden Wechsels unterworfen. Den Wechsel der Jahreszeiten abschaffen zu wollen, ist genauso widersinnig, wie Hunger und Sättigung eliminieren zu wollen. Der Kern von Buddhas Botschaft ist für mich seine Anatta-Lehre, die sich in dem Satz ausdrückt: „Handlungen geschehen, doch es gibt keinen Handelnden.“ Erleuchtung ist für mich, das Leben aus dieser Einsicht heraus geschehen zu lassen und nicht das Angeben mit irgendwelchen sog. Erleuchtungserfahrungen. Die kann ich auch ganz wundervoll mit Pilzen, LSD oder was weiß ich induzieren.

Ich würde den Satz von Ram Dass „die Begierde nach jenem letzten Wunsch ist deine letztliche Erklärung, wer du bist.“ gerne erweitern um den Satz: Die Moral ist deine letztliche Erklärung, wer du bist. Insofern müssen nicht nur die Schuhe vor der Tür bleiben, sondern auch und vor allem jede Moral. Denn Moral ist gleichbedeutend mit Kontrolle und Kontrolle damit, dass ein Ich sie hat.

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27 Antworten zu Ram Dass: Lass deine Schuhe draußen!

  1. Osheewan schreibt:

    da hab ich gestern ein haus besichtigt, da standen noch die dreckigen schuhe vor der türe, obwohl die leute schon gar keinen hund mehr hatten….! und unser simba hat gott sei dank noch niemandem die kehle durchgebissen, der schnappt höchstens mal vor gier in die hand, wenn´s ein leckerli gibt…;) einen schönen sonntag euch allen und hoffentlich endlich besseres wetter….

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    • Nitya schreibt:

      Das versteh ich jetzt nicht: Warum dürfen keine dreckigen Schuhe vor der Tür stehen, wenn es da gar keinen Hund gibt?

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      • Osheewan schreibt:

        na ich lass doch nach dem Hundespaziergang die Dreckschuhe vor der Türe, weil ich keinen Bock habe die Schuhe zu putzen, weil sie ja eh gleich wieder dreckig werden. Aber wenn ich dann schon jahrelang gar keinen Hund mehr habe, find ich das halt ein bisschen , sagen wir mal, übertrieben faul… Du hattest dieses Schuhproblem wohl noch nie?

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      • Osheewan schreibt:

        PS Irgendwas an diesem Haus war auch nicht ganz koscher, zuviel merkwürdige „Synchronizitäten“, irgendwie eine coole Inszenierung, ganz großes Kino durch die Maklerin, Hut ab!

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  2. Georg Alois schreibt:

    Liiiiieber Nitya………….. mir fehlen zwar jetzt die Worte nach diesem Deinem Artikel, aber ich will unbedingt meinen Senf noch dazu sagen.: das ist ja so was von auf den Punkt gebracht…….. so ein Mist, mir fällt nichts mehr ein.

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  3. Brigitte schreibt:

    Klasse!!! Da kommt Freude auf.

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  4. Ingeborg schreibt:

    Ich bin grad Kurzzeitverliebtin diese Stimme !

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  5. kekabe schreibt:

    Jetzt hat mich dein Beitrag doch echt in die Welten von von Ignoranz, Unwissenheit, Irrtum und Absicht entführt…

    Ein schönes Pfingstfest dir und danke!
    Kerstin

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  6. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    Das was den Löwen antreibt , ist das was ich antreibt . Ein Gefühl , was befriedet werden will .
    Mal ist es ein Hungergefühl , ein anderesmal ein Durstgefühl . Mal ist es ein Gefühl die Wärme eines Raumes aufzusuchen , ein anderesmal ein Gefühl der frischen Frühlingsbriese Tür und
    Tor zu öffnen .
    Von einem Erleuchtungsgefühl , das mich antreibt , habe ich , obwohl Pfingsten ist , noch nichts verspürt . Weil dem so ist , genieße ich derweil diesen Nichts im Besonderen , heute-einzig Frühlingstag .
    Schöne Pfingsten
    Punito

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  7. Nitya schreibt:

    Liebe Kerstin,

    ich hoffe, du hast dir nicht von den Welten von Ignoranz, Unwissenheit, Irrtum und Absicht den schönen Pfingstsonntag verregnen lassen!

    Hezlichst
    Nitya

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  8. Alexandra schreibt:

    Das kann man so wunderbar beobachten, wenn man selbst Tiere hat. vielleicht liebt man sie deswegen so. Da kommt weder vor noch nach dem Handeln ein Gedanke darüber auf, ob das, was getan wurde bzw. getan wird, richtig oder falsch ist. Da ist einfach pures Sein. Wie groß ist die Freude eines Hundes, wenn man kommt! Und draußen ist alles in dem erlebten Moment aufregend, interessant, wichtig. Von meinem Pferd lerne ich Hingabe.

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  9. Osheewan schreibt:

    ja, unbändige lebensfreude an einem ort an dem man es gar nicht vermuten würde…genial und für mich sehr berührend, danke dafür, liebe brigitte!

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