Hui-neng: wenn der Geist sich an Dinge hängt


HVerehrte Zuhörer, der „Samādhi der Einen Handlung“ bedeutet, an allen
Orten, ob es Gehen, Stehen, Sitzen oder Liegen ist, in unmittelbarem Geist zu handeln. Im Vimalakīrtinirdesha-Sūtra steht: „Unmittelbarer Geist ist der Ort der Übung, unmittelbarer Geist ist das Reine Land.“ Redet nicht mit einem unehrlichen Geist über Unmittelbarkeit. Redet nicht über den Samādhi der Unmittelbarkeit, den ihr im Geist nicht ausübt. Handelt mit unmittelbarem Geist und haftet an nichts.

Menschen, die befangen sind in Verblendung, haften an Übungsformen und klammern sich an die Vorstellung von Versenkung und Unmittelbarkeit, die sie einfach als bewegungsloses Sitzen und Nichtentstehenlassen überflüssiger Gedanken definieren. Diejenigen, die so denken, sind wie nichtfühlende Wesen und schaffen sich darüber hinaus Hindernisse auf dem Weg.

Verehrte Zuhörer, der Weg durchdringt und durchwirkt alles. Warum stockt es dann manchmal? Wenn der Geist sich nicht an Dinge klammert, durchdringt der Weg alles; wenn der Geist sich an Dinge hängt, fesselt er sich selbst. Wenn es richtig wäre, bewegungslos zu sitzen, dann wäre Shāriputra, als er im Wald saß, nicht von Vimalkīrti deswegen gerügt worden.

Verehrte Zuhörer, andere wiederum lehren, man solle während des Sitzens den Geist beobachten, die Reinheit des Geistes beobachten, man dürfe sich nicht bewegen und nicht aufstehen, und sie machen den Erfolg der Übung davon abhängig. In Verblendung befangene Menschen verstehen nicht; sie werden vielmehr von solch einer Lehre gefesselt und straucheln. Es gibt viele solcher Fälle, und es ist ein schwerer Fehler, andere Menschen auf diese Weise zu unterweisen.

aus: Hui-neng, „Das Sūtra des sechsten Patriarchen“

O

­­Spätestens wenn der Geist sich an Dinge hängt, hat er den Boden dessen, was Spiritualität bedeutet, verlassen. Spätestens wenn der Geist sich an Dinge hängt, befinden wir uns im Reich der Religionen, die ja in unserem Land durch das Grundgesetz in besonderer Weise geschützt sind. Diejenigen, die sich an nichts und niemanden hängen wollten, waren den Etablierten in Staat und Kirche von jeher suspekt und wurden oft als Ungläubige, Hexen, Ausgeburt der Hölle, Ketzer, Wehrkraftzersetzer, Defätisten, Spione, Volksverräter und dergleichen mehr ausgegrenzt, verfolgt, gefoltert und hingerichtet. Die Mächtigen in Kirche und Staat lieben die Religioten, die ihre Propaganda willig geschluckt und brav ihr Glaubensbekenntnis auswendig gelernt haben.

Seit Jahrtausenden gab es immer einige Leute, die den Irrsinn dieses Verhaltens erkannt hatten und sich nur zu Hause fühlen konnten in dem, was Bodhidharma „offene Weite – nichts von heilig“ nannte. Was könnte der Staat bzw. die Kirche mit solchen Pappnasen anfangen, die zu nichts zu gebrauchen sind und die die braven Bürger nur durcheinander bringen und gegen die Obrigkeit aufwiegeln? Hui-neng sagt: „In Verblendung befangene Menschen verstehen nicht; sie werden vielmehr von solch einer Lehre gefesselt und straucheln. Es gibt viele solcher Fälle, und es ist ein schwerer Fehler, andere Menschen auf diese Weise zu unterweisen.“ Wem sagt er das, das will doch eh keiner hören? Und die, die auf ihn hören, müssen ja erst einmal das Tal der Tränen durchwandern, wie das Plato in seinem Höhlengleichnis so anschaulich beschrieben hat. Das scheint auch nicht besonders attraktiv zu sein. Dann doch lieber im Schoß der erweiterten Familie bleiben und über die Verhältnisse jammern.d„Verehrte Zuhörer, der „Samādhi der Einen Handlung“ bedeutet, an allen Orten, ob es Gehen, Stehen, Sitzen oder Liegen ist, in unmittelbarem Geist zu handeln.“ Na dann, wie würde Punito sagen: „Jeder Tag ein guter Tag.“ Gerade gut genug dafür, mit dem „Samādhi der Einen Handlung“ lachend Ernst zu machen.

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7 Antworten zu Hui-neng: wenn der Geist sich an Dinge hängt

  1. Osheewan schreibt:

    Lieber Nitya, vielen Dank für deinen Morgengruß ….da beginnt mein Tag so richtig fröhlich und Land of enchantment war mal eine meiner Lieblings- CDs, hab sie schon lange nicht mehr gehört. aber jetzt genieß ich sie wieder richtig und gönn mir was, vielleicht sogar nachher wenn ich die Kids wecke zum Frühstück…

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  2. Wolf Schneider schreibt:

    „Religioten“, gut, das passt, es bringt die Sache aufn Punkt. Ist der Begriff von dir, Nitya?

    Und zu Deuter: Yes, we are living in a land of enchantment! Und auch das Zitat aus den Upanishaden gefällt mir. Ist ein bisschen einseitig, aber gut.

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Sugata,

      nee, die Religioten sind geklaut von Michael Schmidt-Salomon, wenn ich mich recht erinnere. Ja, der Begriff ist gut und bringt die Sache schön auf den Punkt. Er beschränkt sich allerdings vordergründig auf die Religionen. Man müsste ihn eigentlich ausdehnen auf alle Gläubigen. Dazu gehören dann für mich auch die Wissenschaftsgläubigen, die man in Schmidt-Salomons Giordano Bruno-Stiftung finden kann.

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  3. Susanne schreibt:


    Was ist Glaube ?
    Glaube ist für mich alles was ich nicht mit 100%iger Sicherheit weiss. Alles Wissen, welches ich mir nicht durch eigene Erfahrung, eigenes Erleben erworben habe, habe ich mir angelesen, angehört und angesehen (Medien). Das was ich davon für gut und richtig/wahr befunden habe, habe ich in mir als „Wissen“ abgespeichert. In Wahrheit kann ich das aber gar nicht wissen, ich muss es glauben, weil ich es nicht selber erfahren/erlebt habe.

    „Wenn der Geist sich nicht an Dinge klammert, durchdringt der Weg alles; wenn der Geist sich an Dinge hängt, fesselt er sich selbst. “

    Von welchen „Dingen“ spricht Hui-neng ? Spricht er von allen Dingen oder meint er nur bestimmte Dinge ?
    Ich glaube, dass jegliche Glaubensansicht solch ein Ding ist. Jede feste Meinung ist ein Ding. Selbst der „Ich-glaub-an-nichts“-Glaube ist ein Ding.
    Geist, der sich nicht an Dinge klammert, kann nicht von mir bemerkt werden. Ich bemerke nur Dinge.

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