Ramana: Geh und hole deine Familie!


O

Als Papaji bei Ramana war, befand sich Indien gerade in dem noch größeren Aufruhr der Teilung. Papaji war aus dem Teil Indiens, der muslimisch werden sollte, und er und seine gesamte Familie waren Hindus. Ramana sagte ihm: „Geh in den Punjab und hole deine Familie heraus“. Papaji entgegnete ihm: „Die Welt ist Illusion. Dies ist alles, was wirklich ist. Die Welt ist nur ein Traum. Warum sollte ich mich von hier zu deinen Füßen wegbewegen? Das ist, wo ich in Frieden bin.“ Und Ramana sagte: „Wenn die Welt nur ein Traum ist, wo ist dann der Unterschied? Geh und hole deine Familie!“ Das war ein großer Durchbruch für Papaji in der Erkenntnis der Non-Dualität der Welt, der Illusion, Gottes und der Wahrheit. Er ging in den Punjab und holte seine Familie, und er schaffte es gerade noch mit dem letzten Zug aus Lahore zu fliehen. Und er erkannte, dass da keine Trennung ist. Der Frieden, der sich enthüllte in der Gegenwart seines geliebten Ramana, war überall zu finden.

aus: Gangaji in „Politischer Aktivismus und spirituelles Leben

P

Kürzlich zitierte Brigitte den Steven Harrison u.a. mit diesen Zeilen:

Stellen sie den Erleuchteten in einen Supermarkt in der Kölner Innenstadt oder stecken ihn für zwölf Stunden in eine Nachtschicht am Amsterdamer Hauptbahnhof und sehen sie zu, was dann passiert. Ich glaube nicht, dass für diese Lehrer außerhalb des Kontextes ihrer Gruppe, ihrer Ideologie und ihres Glaubensystems irgendeine Erleuchtung existiert.

Eben diese Trennung schien es für Poonjaji zu geben, bis ihn Ramana daran erinnerte, wie absurd diese Trennung ist. In seinem Buch „Was kommt“ zitiert Steven Huang-po:

Wenn man glaubt, dass es außerhalb des Geistes etwas zu erkennen oder zu erreichen gibt, und man deshalb den Geist einsetzt, um es zu finden, so drückt sich darin das fehlende Verständnis aus, dass der Geist und das Objekt seiner Suche eins sind. Der Geist kann nicht dazu verwendet werden, etwas außerhalb seiner selbst zu finden. Selbst nach Äonen wird kein Tag vergehen, an dem solches je gelingt.

Papaji befand sich da, wo sich alle Sucher so gerne aufhalten, an einem angeblich heiligen Ort, in dem Fall zu Füßen Ramanas. Er sagte: „Die Welt ist Illusion. Dies ist alles, was wirklich ist. Die Welt ist nur ein Traum. Warum sollte ich mich von hier zu deinen Füßen wegbewegen? Das ist, wo ich in Frieden bin.“ Mit der Welt meinte er den Ort, der sich außerhalb seines heiligen Ortes befand. Nur sein heiliger Ort war wirklich, außerhalb davon war alles nur Illusion. Nach dieser Logik, wäre es auch völlig illusionär gewesen, wenn die Muslims seine hinduistische Familie massakriert hätten. Poonjaji hatte seinen sicheren Ort gefunden, den Ort, an dem er in Frieden war. Er zumindest hatte sein Schäfchen im Trockenen. Ramana setzte ihn auf den Pott, indem er ihm klar machte: „Wenn die Welt nur ein Traum ist, wo ist dann der Unterschied? Geh und hole deine Familie!“ Als Poonjaji diese Worte aus dem Mund seines Meisters hörte, die für sein bisheriges Weltbild völlig unannehmbar gewesen sein mussten, fiel anscheinend der Groschen und er begann augenblicklich mit dem „Holzhacken und Wasser Tragen“ – sprich: das zu tun, was zu tun war.

Ramana sagte: „Wenn die Welt nur ein Traum ist, wo ist dann der Unterschied?“ Leider überlieferte uns Poonjaji oder Gangaji nicht den fehlenden Teil: Der Unterschied wozu? Nun, ich ergänze mal frei Schnauze: Wo ist der Unterschied zwischen dem Sitzen zu Ramanas Füßen und dem Retten der Familie? Beides ist Welt und – es gibt nur Brahman. Und ich ergänze: Wo ist der Unterschied zwischen einem tatsächlich oder nur eingebildeten Erleuchteten und einem im Koma liegenden Alkoholiker? „Der Geist kann nicht dazu verwendet werden, etwas außerhalb seiner selbst zu finden.“

F

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13 Antworten zu Ramana: Geh und hole deine Familie!

  1. Georg Alois schreibt:

    Gebetsmühlenartig kann man es eigentlich immer wiederholen: Es sind die Vorstellungen, die uns leiden lasse. Und die natürlich auch diese (herrliche) Dualität erst schaffen und dieses ganze Trallala, das wir Leben nennen.
    Aber, lieber Nitya, ich kann mich nicht durchringen zu behaupten, dass daran was falsch sei. Es gäbe sonst auch diesen schönen, Deinen „Blog“ nicht,
    und diese unendliche Vielfalt! Da hat sich die Existenz so viel Mühe gemacht, hat die Vorstellungen erfunden………..
    wie hat Ramana es mal so schön ausgedrückt: „Ihr dankt Gott immer nur für das gute im Leben……, und darin geht ihr fehl!“
    Auch wenn ich hier wie ein Handelsvertreter erscheine, aber ich kann es mir nicht verkneifen:
    Ohne diesem ganzen spirituellen Trallala, hat Byron Katie doch eine geniale Methode gefunden für Leute, die keinen Bock mehr auf Leiden haben.

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Georg Alois,

      dass das Trallala irgendwann aufhört, ist auch nur ein Traum. Hartgesonnene Advaita-Missionare verkünden zwar die frohe Botschaft von allen Dächern, um die letzten faulen Säcke noch einmal zu Höchstleistungen anzuspornen, aber auch das produziert nur neues Leiden. Auch die eifrigsten The-Worker singen fleißig weiter Trallala. Im besten Fall kriegen sie mit, dass sie Trallala singen und freuen sich an ihrem Lied. Der Dualität entrinnen zu wollen, wäre wie die Idee, „Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, Überfluss und Mangel“ abschaffen zu wollen. Sie sind ihrem Wesen nach eins, sagt Heraklit, aber nichtsdestotrotz sind sie. Im Winter frieren wir, im Sommer schwitzen wir. So einfach ist das.

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      • Susanne schreibt:

        „Der Dualität entrinnen zu wollen, wäre wie die Idee, „Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, Überfluss und Mangel“ abschaffen zu wollen.“

        Ohne Dualität keine Spannung, keine Lebendigkeit. Wer das Leiden in der Welt der Dualität zuschreibt, hat nicht begriffen, dass Leid nur dadurch entsteht, dass Dualität nicht vollständig angenommen wird. Das einseitige Wollen erschafft das Leid. Wer nur Frieden will, wird am Krieg leiden. Wer nur Sommer will, wird am Winter leiden.
        Aber auch:
        Wer nur Krieg will, wird am Frieden leiden. Wer nur Winter will, wird am Sommer leiden.

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      • Osheewan schreibt:

        Genau, die worker freuen sich an ihrem Trallala und schwitzen weiter im sommer oder in den wechseljahren und frieren im winter gott sei dank nur selten, hitzewallungen sei dank😉

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  2. Susanne schreibt:

    „Der Geist kann nicht dazu verwendet werden, etwas außerhalb seiner selbst zu finden.“

    Der Geist kann überhaupt nicht verwendet, d.h. zu etwas benutzt werden. Geist ist der Erschaffer von Dem der glaubt, er würde etwas verwenden/benutzen.
    Ich glaube nicht, dass Papaji so saublöd war zu glauben, Ramanas Füsse seinen keine Illusion.
    Ich denke eher, er war der Überzeugung, dass jegliches Tun die Illusion nur „füttert“ und es deswegen keiner Tat bedarf.

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    • Nitya schreibt:

      Ich war nicht dabei und habe die Geschichte nicht erfunden. Poonjaji hat die Geschichte so Gangaji erzählt und sie hat sie niedergeschrieben. Wir sollten auch dem Poonjaji erlauben, blöd gewesen zu sein, und keinen Supermann aus ihm zu machen. Dass er sofort seinen Irrtum erkennen konnte, ist doch schon Wunder genug, finde ich.

      „Ich denke eher, er war der Überzeugung, dass jegliches Tun die Illusion nur ‚füttert‘ und es deswegen keiner Tat bedarf.“ Ich habe Mühe, mir vorzustellen, dass er so einen spirituellen Schwachsinn geglaubt hat. Aber was weiß ich schon?

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  3. Susanne schreibt:

    „Als Poonjaji diese Worte aus dem Mund seines Meisters hörte, die für sein bisheriges Weltbild völlig unannehmbar gewesen sein mussten,“

    Wer folgert das ? Wer kennt das bisherige Weltbild von Poonjaji ?

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    • Nitya schreibt:

      Da gibt es nichts zu folgern. Gangaji beschreibt Poonjajis Weltbild sehr präzise: „Die Welt ist Illusion. Dies ist alles, was wirklich ist. Die Welt ist nur ein Traum. Warum sollte ich mich von hier zu deinen Füßen wegbewegen? Das ist, wo ich in Frieden bin.“

      Wer hier folgert, bist du: „Ich denke eher, er war der Überzeugung, dass jegliches Tun die Illusion nur ‚füttert‘ und es deswegen keiner Tat bedarf.“ Das ist reine Fantasie.

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  4. Susanne schreibt:

    „Das ist reine Fantasie.“

    Ja, alle Geschichten und jeglicher Glaube ist Fantasie.

    Bist du dir wirklich sicher, dass dein Tun keinen Einfluss auf deine Illusionen hat ?

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  5. Georg Alois schreibt:

    Hab da mal ne Frage, lieber Nitya,
    bin da wohl ein bisschen unterbelichtet. Das ganze Satsang-Bisiness beruht ja auf „Leiden“. Dieser stink reiche Königssohn Siddhartha, hat also auch gelitten, oder? Und dieses ganze reiche Pack aus den Industrienationen, diese Satsang-Touristen leiden auch alle „wie Hund“, jetten um die Welt auf der Suche nach einem Meister, der sie von ihrem Leiden befreien soll.
    Hab noch nie gehört, dass ein armer Tagelöhner einen Guru gesucht hat.
    Dieser Mann namens Jesus soll mal gesagt haben: „Wenn du mir nachfolgen willst (also so werden willst wie ich), dann gehe hin und verkaufe alles was du hast und gib es den Armen….“
    Also ist dieses ganze Spiel „Leiden und Erleuchtung“ ein Spiel der Reichen, oder???
    Ich war halt mein Leben lang ein armer Hund und habe wohl das Leiden nie erfahren. Erinnere mich nur, dass ich mal tierisch unter Liebeskummer gelitten habe. Aber Sommer/Winter, gut/böse, gerecht/ungerecht oder sonst noch was dualistisches, jammern und fluchen macht mir aber auch Spaß. Wo ist das Problem? Kannst Du mir das erklären?

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Georg Alois, darüber muss ich erst mal schlafen.😉

      Aber wenn du kein Problem hast, hast du kein Problem. Dann mach dir um Gottes willen auch keins.

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Georg Alois,

      nach reiflichem Überschlafen deiner Frage bin ich keinen Schritt weiter gekommen. Ich denke nicht, dass Arme kein psychologisches Leid kennen. Ein sitzen gelassenes schwangeres Mädchen ist so ein klassisches Beispiel für psychologisches Leiden und das gibt es nicht nur in den sog. feinen Kreisen. Ich denke auch nicht, dass Arme keine Gurus gesucht hätten. Die sog. Heiligen waren auch und gerade bei den Armen sehr beliebt. Aber, ich kann dir schon zustimmen: So wie es bei den reichen Amerikanern geradzu Mode gewesen sein soll bzw. ist, seinen eigenen Psychoanalytiker, Personal Couch und was weiß ich zu haben, also diese Marotte konnten sich die Armen weder zeitlich noch finanziell leisten noch hatten sie vermutlich irgendein entsprechendes Bedürfnis. Aber das sind jetzt alles schreckliche Verallgemeinerungen und im Grunde habe ich keine Ahnung.

      Wenn bei dir Leiden und Feude einigermaßen ausgeglichen sind, ist ja alles bestens. Aber wie du selbst schreibst, ist dir psychologisches Leiden durchaus nicht fremd. Wenn deine Mutter eine heroinabhängige Hure wäre und dein Vater unbekannt oder ein gewalttätiger Alkoholiker, wäre es durchaus möglich, dass du arm bist UND dein Leben eine einzige Hölle. Aber es gibt sicher typische Reichenmarotten mit viel eingebildetem Leiden und Leiden, die eher bei Armen zu finden sind. Die sind dann meist sehr viel existenzieller. Denke ich mal so vor mich hin. Aber wie gesagt – ich habe keine Ahnung.

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