Steven Harrison: spezielle und nicht so spezielle Menschen


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Auf den Steven Harrison bin ich wieder gekommen, weil er kürzlich noch im „Erleuchtungskongress“ gewissermaßen als Überraschungsgast auftauchte. „Wir sind sehr glücklich den berühmten amerikanischen Mystiker Steven Harrison noch ganz kurzfristig präsentieren zu dürfen!“ war er angekündigt worden. Ach, tat das meiner armen Seele gut. Ich hatte mir schon überlegt, ob ich mir wie mein Freund Ikkyû in meiner Seelenqual den Bauch aufschlitzen sollte, aber als ich mir den Überraschungsgast angehört hatte, verzichtete ich auf meine Verzweiflungstat und pfiff mir fröhlich ein Liedchen.

Das fing schon gut an. Nachdem die erwachten und erleuchteten Gastgeber und der Gast schon auf das obligatorische Namasté verzichteten und die Gastgeberin das Thema verkündet hatte („Erwachen und Erleuchtung“), stellte Steven in seiner trockenen Art die Frage: „Okay – schlafen wir denn? Also ich fühle mich gerade wach. Wie sieht’s bei euch aus? Seid ihr wach?“ Steven entpuppte sich zu meiner großen Freude als ausgesprochener Spielverderber. Nachdem ihm die Gastgeber versichert hatten, dass sie absolut wach seien, meinte Steven vergnügt, dass damit das Thema doch schon erledigt sei. Dann fragte er, was wir so machen, wenn wir wach sind, und wie sich das ausdrückt. Der Gastgeber versuchte den Gast wieder in sein Boot zu holen und so zu retten, was zu retten war. Er sagte: „Das wäre auch unsere nächste Frage gewesen. Wie lebt sich das Leben in Erleuchtung, im Erwachtsein.“ Aber Steven ließ sich in kein Boot holen, sondern kam direkt zum Kern der Sache: „Voraussetzung ist, dass wir verstehen, dass du wach bist, du wach bist, ich wach bin und überhaupt alle wach sind. Solange es spezielle Menschen gibt und nicht so spezielle Menschen, gibt es ein Problem. Ja?“ Die Gastgeber nickten eifrig. Ob sie ahnten, dass sie damit die Kapitulationsurkunde unterschrieben hatten? Das klingt jetzt richtig gemein von mir, dabei will ich gar nicht gemein sein.

YNatürlich habe ich mich gefragt, was mich so besonders gefreut hat an diesem Steven Harrison bzw. was mir so sehr an diesem ganzen Erleuchtungsrummel missfallen hat. Ich muss zu meiner „Entschuldigung“ nochmal erwähnen, dass ich mal eine Zeit lang in einem schrecklich evangelischen Internat interniert war. Wenn mir heute Menschen begegnen, die auch und gerade auf dem Gebiet des Spirituellen behaupten, sie wären in irgendeiner Weise speziell und ich oder andere wären es eben nicht oder, noch schlimmer, wären es auch, dann kocht bei mir halt die Suppe hoch und ich habe auch nicht die geringste Lust, an diesem Trauma meiner Jugendzeit zu arbeiten.

Wie sagte Huang-po: „Alle Buddhas und alle Lebewesen sind nichts als der Eine Geist, neben dem nichts anderes existiert.“ Niemand ist spezieller als die anderen. Steven hat das ganz wundervoll auf den Punkt gebracht und sogar den Mut gehabt, mit dieser Botschaft auf einem Erleuchtungskongress in Erscheinung zu treten. „Ich bin erwacht und erleuchtet und du bist es noch nicht, aber ich werde dir helfen, auch erwacht und erleuchtet zu werden.“ So oder so ähnlich klingt das Lied der Priester seit Jahrtausenden. Man hängt sich ein Kreuz an die Wand oder ein Yantra oder sonst ein heiliges Symbol, kann einen spirituellen Lebenslauf vorweisen oder eine passable Linie, so als ob das schon ein Ausweis dafür wäre, speziell zu sein oder besonders sein zu dürfen. Besonders sein zu wollen ist einfach ein Egotrip und hat nicht das Geringste mit „Erwachen und Erleuchtung“ zu tun. Wir alle sind der Eine Geist. Punkt. Den Rest kannste dir getrost an den Hut stecken. Ganz gewöhnlich zu sein, ist so was von entspannend.

LAlles ist ganz einzigartig und besonders. Wenn es aber anfängt, sich selbst für ganz besonders zu halten, dann wird es genau damit zur Massenware. Steven bietet übrigens keine Satsangs an, sondern Dialoge auf Augenhöhe. Das erinnert mich sehr an Sokrates. Zwei Unwissende gucken sich gemeinsam was an und sind hinterher noch genauso unwissend wie vorher. Das stell ich mir richtig hübsch vor.

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20 Antworten zu Steven Harrison: spezielle und nicht so spezielle Menschen

  1. Marianne schreibt:

    An dich, der du sagst, dass du durch Zazen einen besseren Geiteszustand erreicht hast

    Mit Zazen ist es nicht so wie mit einem Thermometer, auf dem allmählich die Temperatur ansteigt: „Noch ein klein bisschen, …jetzt ist es so weit, ich habe Satori!“ Aus Zazen wird nie etwas Besonderes, solange du auch damit fortfährst. Wenn es zu etwas Besonderem wird, muss sich irgendwo eine Schraube bei dir gelockert haben.
    Wenn wir nicht aufpassen, fangen wir noch an zu glauben, Buddhadharma bedeute, ein Treppe zu erklimmen. Doch das ist nicht so: Dieser eine, gegenwärtige Schritt ist die eine Übung, die alle Übungen ist, und ist alle Übungen, die die eine Übung sind.
    Tust du etwas Gutes, so bleibst du stecken in deinem Bewusstsein, etwas Gutes zu tun. Hast du ein „Satori“, dann bleibst du stecken in dem Bewusstsein, „Satori“ zu haben. Da ist es besser, von „Gutem“ und „Satori“ die Finger zu lassen. Du musst vollkommen offen und frei sein. Ruhe dich nicht auf irgendwelchen Lorbeeren aus!
    Doch selbt wenn ich all dies über den Buddhaweg sage, versuchen die Normalbürger doch noch, mit dem Buddhadharma ihren Wert als Menschen zu steigern.
    (Kodo Sawaki)

    http://antaiji.org/de/

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    • Marianne schreibt:

      Wenn es zu etwas Besonderem wird, muss sich irgendwo eine Schraube bei dir gelockert haben.

      Ich kann da nur zustimmen …

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    • Elwood schreibt:

      Ja, ja, da hat dieser besondere Kodo wohl wieder mal ins Schwarze getroffen.
      Diese geschundene Ohnmacht strebt ohne ende ins heilige machtvolle Licht.
      Unser Denkapparat existiert halt nur im Vergleichen und in meiner Todesangst komm ich immer zu kurz.
      Da kann man nichts machen, nichts besonderes.😎

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    • Nitya schreibt:

      Man kann natürlich auch aus dem „ich bin nichts Besonderes“, was ganz Besonders machen. Ätsch, ich bin viel weniger besonders als du. Man kann sich natürlich auch ein Loch ins Knie beißen.

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  2. fredo0 schreibt:

    der Besondere sondert ab … ins Abgesonderte …

    ( wer dabei an die kleinen Häufchen denkt , liegt womöglich nicht ganz falsch )

    tja …😀

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  3. Brigitte schreibt:

    ach ja. ich mag den steven auch. und das gespräch beim kongress war für mich das highlight.

    hier noch ein auszug aus seinem buch „Und Jetzt“. macht spaß, das zu lesen.

    Auszug aus seinem Buch: “Und Jetzt?”
    Und Jetzt? Die Frage auf alle Antworten!
    Frage: Gibt es ihrer Meinung nach einen erleuchteten Zustand?
    Steven Harrison: Worin könnte das bestehen?
    F: Vielleicht in einem Verständnis des Denkprozesses und des Ich.
    SH: Und was hätte ein solcher Mensch dann, was sie nicht haben?
    F: Vielleicht ein Leben, das frei ist von psychischen Konflikten und Schmerzen. Vielleicht die Fähigkeit in ekstatische Zustände der Glückseligkeit einzutreten.
    SH: Dahin gelangt man auch durch die Einnahme von Psychopharmaka. Wären sie dann erleuchtet? Wenn bei ihnen eine frontale Leukotomie durchgeführt würde, wären sie dann erleuchtet? Sie befänden sich sogleich in einem exstatischen Zustand und hätten keine Probleme. Es kämen sogar Leute und brächten ihnen etwas zu essen. Sind sie dann erleuchtet? Was ist Erleuchtung? Nehmen sie die erleuchtete Person aus ihrem Kontext heraus und sehen sie, was dann geschieht.
    F: Aus ihrer Umgebung mit ihren Anhängern und ihrer Lehre heraus?
    SH: Ja. Stellen sie den Erleuchteten in einen Supermarkt in der Kölner Innenstadt oder stecken ihn für zwölf Stunden in eine Nachtschicht am Amsterdamer Hauptbahnhof und sehen sie zu was dann passiert. Ich glaube nicht, dass für diese Lehrer außerhalb des Kontextes ihrer Gruppe, ihrer Ideologie und ihres Glaubensystems irgendeine Erleuchtung existiert. Wenn sie sich innerhalb dieses Kontextes befinden, ist es ein erleuchteter Zustand, aber dieser erleuchtete Zustand existiert nur im Rahmen der Übereinkunft von 20, 200 oder 2000 Anhängern.
    Die Suche ist zu einer Gewohnheit geworden. Spiritualität ist eine gedankliche Konstruktion, eine soziale Übereinkunft, die Welt auf eine bestimmte Weise zu betrachten und sich in ihr auf bestimmte Weise zu verhalten. Der spirituelle Sucher, ein Jemand, ist der Grundstein dieses Konstrukts. Ohne die Suche löst sich die Spiritualität in die absolute Stille der Wirklichkeit auf.
    In der Wirklichkeit gibt es keine Spiritualität – aber Stille, stille Präsenz.
    Steven Harrison

    Ich wünsch dir eine lebendige Woche mit allem drum und dran, lieber Nitya.

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Brigitte,
      da ging es mir genau wie dir. Steven Harrison war das absolute highlight.
      Herzlichen Dank für deinen feinen Textauszug!
      Ich musste die ganze Zeit freudestrahlend grinsen.
      Die Woche fängt gut an, dachte ich.
      Einen herzlichen Gruß!

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    • Marianne schreibt:

      Ja, auch von mir ein Danke! 3>
      Habe den Beitrag leider verpasst …

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    • Osheewan schreibt:

      Ich kenn den Mann zwar nicht und auch einen Erleutungskongreß, da wußt ich gar nicht, dass es sowas überhaupt gibt….ich dachte immer ein Kongreß sei irgend ein Treffen von irgendwie wichtigen Leuten, die zu realen Dingen etwas wichtiges zu sagen hätten…. Den Auszug aus diesem Buch finde ich aber wirklich, wirklich fein…danke dafür

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  4. punitozen schreibt:

    Heute passt es gerade um über Osho`s Erleuchtungserfahrungen nachzusinnen .

    ……An welchem Punkt ihr aufwacht spielt keine Rolle …
    Es wird bei jedem einzelnen anders sein. Und dasselbe gilt für die Zeit nach der Erleuchtung: Jeder bringt Erleuchtung anders zum Ausdruck ….

    Erleuchtung ist ein völlig individuelles Lied, immer unbekannt, immer neu, immer einzigartig. Sie kommt niemals als Wiederholung. Vergleicht deshalb zwei Erleuchtete nicht miteinander. Ihr werdet zwangsläufig dem einen oder den anderen Unrecht tun oder beiden. Und habt keine feste Vorstellungen davon. Man sollte sich nur an fließende Qualitäten erinnern. Ich sage: fließende Qualitäten, keine festgelegten Qualifikationen.
    Jeder Erleuchtete hat beispielsweise die Qualität von tiefer Stille. Sie ist fast greifbar. In seiner Gegenwart wird jeder still, der offen und empfänglich ist. Man spürt auch eine tiefe Zufriedenheit. Nichts kann seiner Zufriedenheit etwas anhaben, was immer geschieht …

    Achtet nicht auf die kleinen Dinge: was er isst, was er anzieht, wo er lebt. Sie sind unwichtig. Achtet auf seine Liebe, sein Mitgefühl, sein Vertrauen. Auch wenn ihr sein Vertrauen ausnützt, ändert sich sein Vertrauen dadurch nicht. Selbst wenn ihr sein Mitgefühl missbraucht und seine Liebe betrügt, macht es für ihn keinen Unterschied. Das sind eure Probleme. Sein Vertrauen, sein Mitgefühl, seine Liebe bleiben gleich.
    Es geht ihm in seinem Leben nur noch darum, andere Menschen aufzuwecken. Was immer er tut, es ist das einzige Ziel hinter all seinen Handlungen: Wie kann man immer mehr Menschen helfen aufzuwachen? Denn dadurch, dass er erwacht ist, hat er die höchste Seligkeit im Leben erfahren.

    Nur noch ein ein kleiner OSHO-Joke : “ Ich habe von einem Zen Meister namens Bokuju gehört, der zu seinen Schülern über diese Wahrheit sprach, dass alles perfekt ist. Ein Mann stand auf, uralt und mit einem Buckel, und sagte: „Und was ist mit mir? Ich bin bucklig. Was sagst du zu mir?“ Bokuju antwortete: „Ich habe noch nie in meinem Leben einen so vollkommenen Buckligen gesehen.“
    Herzgruß
    Punito

    ( Zitiert aus : http://www.die-welt-ist-im-wandel.de/Osho_Die_Erleuchtung.htm )

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