Steven Harrison: Das Zeitalter der Revolutionen ist vorüber


SEine Kultur der Kreativität beeinflusst die überkommenen sozialen Strukturen nicht, indem sie sie konfrontiert, sondern indem sie darüber hinweggeht. Wahrzunehmen, dass diese Gebilde nicht relevant sind, ist die stärkste Kraft der Veränderung. Das Zeitalter der Revolutionen ist vorüber, und wir befinden uns mitten in einer Zeit plötzlicher und unerwarteter Paradigmenwechsel. Sämtliche Institutionen, seien sie staatlich, religiös oder wirtschaftlich, werden zusammengehalten von Glaubensvorstellungen und leben aus dem  Widerstand gegen Veränderung. Die neuen Revolutionäre sind solche, die in den kreativen Fluss des Lebens eintauchen und eine künftige Kultur dadurch hervorbringen, dass sie diese einfach leben. Das Kommerzielle bricht zusammen, wenn keiner mehr kauft; Kriege enden, wenn keiner mehr bereit ist, zu kämpfen; Diktatoren danken ab, wenn kein Bürger mehr kooperiert. Wenn Vorstellungen sich verschieben, geschieht Veränderung. Wenn Glaubenssysteme durchlässig werden, wird Veränderung zur fortwährend präsenten Möglichkeit. Dann wird die Kultur kreativ.

aus: Steven Harrison, „Was kommt“

CSo viele Wenns! Wenn meine Tante Räder hätt‘, wär sie’n Omnibus! Ich stimme Steven Harrison ja vollkommen zu. Wenn das alles so geschehen würde, könnte unsere Kultur kreativ werden und den ganzen alten Mist, der nur auf die Zerstörung unserer Welt hinausläuft, hinter sich lassen. Wenn …

Andererseits – hat jemand eine bessere Idee? Also ich nicht. Wenn das alles nicht geschehen sollte, was Steven Harrison da skizziert, bedeutet das ein grenzenloses Elend für diese unsere sterbende Welt. Auf was wartest du also noch? „Du“, habe ich geschrieben, weil das nur der Einzelne kann: Eine künftige Kultur dadurch hervorbringen, dass du sie einfach lebst. Da ist beileibe nichts Neues, was Steven Harrison da sagt. Ich muss nur an Gandhi mit seinem Satz erinnern: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht für diese Welt.“ oder an Paul Goodmans Hinweis: „Freie Aktion bedeutet, in der bestehenden Gesellschaft so zu leben, als sei sie eine natürliche.“ Es ist alles eigentlich schon ein ganz alter Hut. „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ von Carl Sandburg – und was erleben wir? So viele können gar nicht schnell genug dort hineilen, wo der Krieg tobt. Alle jammern und schieben weiß der Geier wem die Schuld für das ganze Desaster zu, aber kaum einer will bei sich anfangen.

BWenn ich mir das Vorwahlenspektakel in den USA betrachte: Es gäbe ja die Möglichkeit, das Feld nicht diesen geistigen Dinosauriern Trump und Clinton zu überlassen und es mal mit diesem Bernie zu versuchen. Aber auch Bernie wird die Welt nicht retten können, wenn nicht, ja, wenn nicht der Einzelne NEIN! zu diesem ganzen stupfsinnigen Quatsch der Politik-, Wirtschafts- und Religions-Dinosaurier sagt und sich ihm verweigert und endlich anfängt, seine ganze Kreativität in eine künftige Kultur der Kreativität zu stecken, indem er sie zu leben beginnt, ohne auf irgendeine Aufforderung oder Erlaubnis zu warten und ohne auf eine neue Lichtgestalt zu hoffen.

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4 Antworten zu Steven Harrison: Das Zeitalter der Revolutionen ist vorüber

  1. kekabe schreibt:

    Lieber Nitya,

    es ist wohl stets das sogenannte „Kleine“, was nur dann an Kraft gewinnt, wenn man sich dem Großen einfach entzieht. Die seltsame Macht der Mächtigen zu erkennen und nicht einverstanden sein, genügt doch vollkommen als Haltung und mündet nicht automatisch in Widerstand oder Kampf. Es kann in ein „anderes Erkennen“ münden, ja! Ins Loslassen irrer Wünsche, Schuld und Fantasien, ins Erkennen von der eigenen Macht in aller Ohnmacht. Vorbei an Ruhm und Heldentum.
    Das arme Wörtchen „wenn“…was es nicht alles zu tragen hat!!

    Herzliche Sonntagsgrüße und danke für deinen schönen Beitrag🙂,
    Kerstin

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Kerstin,

      ja, genau das ist es: Die Macht des sogenannten „Kleinen“, die dadurch entsteht, dass man sich dem sogenannten „Großen“ einfach entzieht. Dazu bedarf es nicht einmal des „NEIN!“, das uns Wolfgang Borchert seinerzeit so ans Herz gelegt hat. Sich einfach dem zuwenden, was gerade anliegt, ist genug. „Holzhacken und Wasserholen“, von mir aus, wie es die Zen-Leute gesagt haben. Das bedeutet immer gleichzeitig auch eine Abwendung von dem, was uns iregendwelche sog. „Großen“ als Bürgerpflicht oder Christenpflicht oder sonst irgendeine Pflicht aufzuschwatzen versucht haben.

      Einen herzlichen Sonntagsgruß auch dir und danke für deine Zeilen!
      Nitya

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  2. punitozen schreibt:

    Mächtige politische Bewegungen zeichnen sich stets durch eine religiöse Inbrunst aus .
    Diese Art der “ Religiösen Inbrunst “ ist nicht bei den Ärmsten dieser Welt anzutreffen .
    Sie sind zufrieden mit der Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse ( s. Maslowsche Bedürfnispyramide ) .
    Grosse Visionen gehen ihnen “ am Allerwertesten „vorbei , weil sie mit dem ÜBERLEBEN beschäftigt sind . Sie wollen nur ein bißchen mehr , und wenn es gelingen soll , das Leben , ein Dach über den Kopf , Wasser zur Durstbefriedung , zum kochen und zum waschen ,Nahrung gegen den Hungertod , der sie periodisch begleitet .
    Und dann sind da jene , die ein bißchen mehr haben . Sie halten Ausschau nach dem Größeren und lassen sich am ehesten von den Zukunfts-Verheißungen der Protagonisten aller Massenbewegungen infizieren .
    Ein Phänomen , wie es Eric Hoffer in dem “ Der Fanitiker “ 1951 zu beschreiben wußte :
    … Normalerweise schließen sich Menschen Organisationen an , um ihre Eigeninteressen vertreten zu wissen und selbst voranzukommen oder irgendwie zu profitieren . Wer sich hingegen einer revolutionären massenbewegung anschließt , tut es , “ um von einem verwünschten ICH frei zu sein “ . Wenn wir mit unserem Selbst unzufrieden sind , ist das in einer Massenbewegung unwichtig , denn das ICH ist irrelevant im Vergleich zur größeren “ heiligen Sache “ der Bewegung . Wo Menschen zuvor nur Enttäuschung und Sinnlosigkeit in ihrer individuellen Existenz erlebten , haben sie nun Stolz , Zutrauen , Hoffnung und ein Gefühl von Sinnerfülltheit . “ Der Glaube an eine heilige Sache ist i beträchtlichen Ausmaß Ersatz für verlorenes Selbstvertrauen . Zugleich bringt gerade dieser Verlust des Ich-Gefühl einenenormen Zuwachs an Selbstwertgefühl mit sich .

    Jene , die ein bißchen mehr haben ,- Sie halten das Räderwerk der Institutionen
    in Gang , währenddessen Punito die Apfelblüte entzückt !

    Einen schönen Sonntag
    Punito

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    • Nitya schreibt:

      Na, da ist der Otto Reutter weiter als ich, lieber Punito, ich komm ausdem Wundern gar nicht mehr raus.

      Der Herr bewahre uns alle vor politisch intendierter religiöser Inbrunst. Amen

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