Osho: ein wahrer Sucher ist ein Agnostiker


ODie Weisheit, die wirkliche Weisheit ist immer agnostisch. Merkt euch dieses Wort: Agnostiker, ein wahrer Sucher ist ein Agnostiker – er hält ein übersinnliches Sein für „nicht erkennbar“. Er behauptet niemals: „Ich weiß“ und sagt auch nie. „Dies ist die Wahrheit.“ Er ist völlig offen, er schottet sich nicht ab. Er hat kein Dogma, er hat kein Glaubensbekenntnis, er ist einfach nur bewusst und hellwach und stellt sich bereitwillig jeder Wirklichkeit, egal welcher. Auf jede Wirklichkeit, die sich ihm offenbart, lässt er sich willig ein. Er vertraut dem Leben. Nur Leute ohne Vertrauen ins Leben erfinden Glaubenssysteme, Dogmen, Theorien – um sich zu schützen. Der wirklich weise Mensch bleibt verwundbar und schottet sich nicht ab. Er bleibt offen für alle Wechselfälle, für Wind und Regen, für die Sonne, für den Mond, für das Leben, für den Tod, für Finsternis, für Licht – er ist offen für alles. Er braucht keine Deckung; seine Verwundbarkeit ist total.

aus: Osho, „The Pathless Path“

Kann ein wahrer Agnostiker überhaupt noch ein Sucher sein, habe ich mich gefragt. „Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Im Schatten sah ich ein Blümchen stehn, wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön.“ hinterließ uns einst Johann Wolfgang von Goethe. Das Blümchen war nicht gesucht worden, es tauchte wie aus dem Nichts auf und überraschte und bezauberte den Wanderer. Das ist für mich der wahre Agnostiker. Der Sucher hat schon ein Bild von dem vor Augen, was er sucht, mag es auch noch so verschwommen sein. Der eine sucht einen Biergarten, der andere die Erleuchtung – von einer Vorstellung geleitet werden beide.

Wirkliche Weisheit sei immer agnostisch, sagt Osho, und ich kann ihm nur beipflichten. Und weiter sagt er, dass ein Agnostiker ein übersinnliches Sein für ’nicht erkennbar‘ halte. Dazu fällt mir wieder ein, was Osho einmal über das Sehen gesagt hat:

Sieh den, der sieht,
und du tauchst ins Nichts.
Wir müssen unsere Aufmerksamkeit
vom Gesehenen auf den Sehenden verlegen.
Das Gesehene ist
Form, Tun und Sein.
Der Sehende ist
Formlosigkeit, Nichtstun, Nichts.

FAuch wenn nicht erkennbar also: Sieh den, der sieht. „Womit denn Karl Otto, Karl Otto, Karl Otto, womit?“ Na mit’m Fernglas bestimmt nicht, oh Henry! Das ist wirklich erstaunlich, wie tief die Gewohnheit in uns steckt, unsere Sinne nach außen zu richten, als ob jeden Moment die Gefahr bestünde, dass hinter dem nächsten Baum ein Tiger auf uns lauert. Wie sieht man also den Sehenden, der ja anscheinend nur in uns zu finden ist. Oshos Antwort: „Der Sehende ist Formlosigkeit, Nichtstun, Nichts.“ Auf gut Deutsch, er ist nicht zu sehen. Wir haben also keine Sinne und kein Instrument, um den Sehenden zu sehen und selbst wenn wir sie hätten, würden wir nichts sehen können. Auch der Hinweis von Antoine de Saint-Exupéry kann hier nicht wirklich weiterhelfen, dass das Wesentliche für das Auge unsichtbar sei und dass man nur mit dem Herzen gut sähe. Das ist schließlich nicht wörtlich zu verstehen, da ein Herz über keinerlei Sehorgan verfügt. Um das Gemeinte auch nur annähernd verstehen zu können, müsste das Sehen wohl mit Sein übersetzt werden. „Sei der, der sieht.“ Nun kann man sich ja nicht anstrengen, der zu sein, der sieht, weil man schon immer der Sehende gewesen ist. Wie soll man werden können, was man ist? Es kann sich also nur um ein Bewusstwerden dessen handeln, was schon immer der Fall gewesen ist.

Buddha-Figuren sind nur Symbole für bewusstes Sein. Niemand muss die Beine in knochenbrecherischer Weise kreuzen und stocksteif dasitzen. Wir sind schon immer, was wir zu sein versuchen. Warum sich also das Leben künstlich schwer machen? Noch einmal Ryōkans einfache Botschaft von gestern:

Wenn du einem Unheil begegnest,
ist es gut, dem Unheil zu begegnen.
Wenn du stirbst,
ist es gut zu sterben.
Dies ist die wunderbare Weise,
dem Unheil zu entrinnen.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Osho: ein wahrer Sucher ist ein Agnostiker

  1. Georg Alois schreibt:

    Lieber Nitya, ich kann jetzt nur hoffen, dass Du kein Logiker bist, denn eigentlich gibt es nach diesem Deinem wunderschönen Artikel nichts mehr zu sagen. Das ist „der Fingerzeig“, damit ist doch alles gesagt, oder? Da bin ich mal neugierig, was „aus Deiner Feder“ noch so fließt………..

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Lieber Georg Alois,

      es gab schon vor diesem Beitrag nichts zu sagen. Wenn mein Geschreibsel nicht vollkommen überflüssig wäre, würde ich hier bestimmt nichts mehr schreiben. So aber – just for fun …

      Gefällt mir

  2. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    Hab ` heute keine Lust auf Agnostik .
    So göttlich- schön –
    des Löwenzahn –
    goldgelbe Blütenpracht
    “ KATZ ! “ 🙂
    Herzgruß
    Punito

    .

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s