Watts: Was, wenn wir nicht chronisch unterdrückt wären?


1„Der Garten bestand aus einem von Büschen und hohen Bäumen – Pinien und Eukalyptus – umgrenzten Rasenstück; auf der einen Seite stand das Haus, dessen Lampen den Garten in helles Licht tauchten. Als ich auf dem Rasen stand, fiel mir auf, dass die rauen Stellen, dort wo der Grasbewuchs spärlich, zertreten oder von Unkraut durchsetzt war, nicht länger als Schönheitsfehler störten. Zufällig verstreut über die Rasenfläche, schienen diese Stellen ein geordnetes Muster zu bilden, und verliehen dem Ganzen die Struktur von samtenem Damast; die rauen Stellen bildeten dabei die Teile, wo die samtene Oberfläche abgeschnitten war. Aus reiner Freude begann ich auf diesem Zauberteppich zu tanzen, und durch die dünnen Sohlen meiner Mokassins konnte ich spüren, wie der Boden unter meinen Füßen lebendig wurde, mich mit der Erde, den Bäumen und dem Himmel in einer Weise verband, dass ich mit allem, was mich umgab, eins zu werden schien.“ …

Ich fragte mich, ob das, was ich sah, ‚unter dem Einfluss von Drogen stand‘. Mit anderen Worten: Bestand die Wirkung von LSD auf mein Nervenkostüm in dem zusätzlichen Einbau eines chemischen Filters, der alles, was meine Sinne wahrnehmen konnten, in eine übernatürliche Lieblichkeit versetzte? Oder bestand der ganze Effekt von LSD eher darin, gewisse Hemmungen meines Verstandes, meiner Sinne abzubauen und mich in die Lage zu versetzen, Dinge so zu sehen, wie sie uns erscheinen würden, wären wir nicht chronisch unterdrückt? Über die exakte neurologische Wirkung von LSD ist wenig bekannt, was man aber weiß, suggeriert letztere Möglichkeit.

aus: Alan Watts: „Dies ist ES“


Na, schön high geworden? In der Textpassage oben geht es weniger um ein High-Werden an sich, sondern – man höre und staune – um klares Sehen. Alan Watts sagt: „Oder bestand der ganze Effekt von LSD eher darin, gewisse Hemmungen meines Verstandes, meiner Sinne abzubauen und mich in die Lage zu versetzen, Dinge so zu sehen, wie sie uns erscheinen würden, wären wir nicht chronisch unterdrückt?“ Als die Begine Marguerite Porète auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, war auch sie, man könnte sagen, total high. High allerdings ohne irgendeine chemische Droge, high durch absolute Hingabe an das namenlos Göttliche bei gleichzeitigem Verlust jeder persönlichen Identifikation. Alan Watts vermutet mit seiner Frage, dass dies eigentlich unser natürlicher Zustand sei, der uns nur nicht bewusst werde, weil wir chronisch unterdrückt seien. Der Begriff „unterdrückt“ gefällt mir in diesem Zusammenhang nicht so besonders, suggeriert er doch für mich so etwas wie ein lebenslanges Opferdasein und liefert uns damit einen prächtigen Vorwand, uns den Rest aller Zeiten im Pfuhl der Impotenz zu suhlen.

Ich erinnere mich dumpf an eine Aussage von Byron Katie. Eine Frau beklagte sich bitterlich darüber, dass sie von ihrem Vater eine gewisse Zeit lang missbraucht worden wäre. Byron Katie fragte nach, wie lange das gedauert habe. Dann fragte sie weiter, wie lange sie schon diese traurige Geschichte für sich und ihre Mitmenschen zelebriere. Es handelte sich um ein Vielfaches der Zeit, die sie vom Vater missbraucht worden war. Auch diese Zeit danach sei eine Zeit des Missbrauchs gewesen. Diesmal allerdings hätte sie sich selbst missbraucht.

Wenn wir uns also bei dem Thema der chronischen Unterdrückung selbst miteinbeziehen, erobern wir uns die Potenz wieder zurück, die wir brauchen, um den ganzen Müll, mit dem wir uns über die Jahre hin so geflissentlich identifiziert haben, aus unserem Bewusstsein schmeißen, indem wir unsere naive Blindheit erkennen und ihr unseren Glauben entziehen. Dass bei diesem Prozess LSD durchaus hilfreich sein kann, will ich ganz bestimmt nicht leugnen. Letztlich sollte (?) es jedoch auch ganz ohne Chemie möglich sein. Aber was weiß ich schon, was sein sollte? Ich weiß nur, dass es genauso geschehen kann, wie es Alan Watts beschrieben hat, mit oder ohne Chemie.

A

 

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13 Antworten zu Watts: Was, wenn wir nicht chronisch unterdrückt wären?

  1. kekabe schreibt:

    Guten Morgen:)…das stelle man sich mal vor:…wir würden die Story nicht nur so erleben, als seien wir die Story selbst, sondern wir würden genau dies erkennen!

    Was für ein schöner Beitrag…
    Danke und einen Gruß zu dir!
    Kerstin

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Kerstin, guten Morgen

      Nun stelle man sich mal vor, dass man sich das nicht nur vorstellt, sondern das tatsächlich so erlebt, dass wir die Story selbst sind und das wir genau dies erkennen. – und wir uns das nicht nur vorstellen.😉

      Herzlichst
      Nitya

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  2. Georg Alois schreibt:

    Einen wunderschönen Tag,
    zu diesem wunderschönen Beitrag!!!
    wünsche ich Dir, lieber Nitya.

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  3. Susanne schreibt:

    Solange ich an meine persönliche Geschichte glaube, d.h. sie für wahr nehme, glaube ich auch an mein derzeitiges Weltbild. Meine persönliche Geschichte ist der Kern dieses Weltbildes.
    Die Folge davon ist, dass ich damit auch meine Zukunft und damit mein zukünftiges Weltbild festschreibe.
    Bin ich wirklich bereit meine persönliche Geschichte JETZT aufzugeben ?

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  4. Ronny schreibt:

    erinnert mich an eine geschichte, ich war noch im im zarten jungentlichen alter villeicht 16, 17. gerade mit einem freund in venlo angekommen sassen wir an der theke eines coffeeshops und tranken eines dieser kleinen biere. da kam ein typ vielleicht um die 50 zu uns, der meinte, mein kumple is so voll der kann sein frisches bier nicht mehr trinken und bat es uns an. wir wussten beide, da ist was drin. doch wir tranken es ohne weiteren gedanken dazu.

    eine viertel stunde später waren für die nächsten 3 tage auf einem lsd trip. am nächsten morgen liefen wir durch a-dam und ich sagte das ist der zustand des buddhas. komisch war nur das ich absolut nix von irgendeinem buddha wußte, zumal ich mich auch eher sehr NORMAL fühlte.
    im rückblich, ich war einfach das geschehen.
    ja vielleicht hat es sich angefühlt als wäre die „chronische unterdrückung“ spontan verschwunden, und zwar so als wäre sie nie da gewesen.

    nur mometaufnahmen und sonst nichts. in diesem garten des buddha staden keine pinien, es war enge süße gassen, krachten die mit hausboten verziert waren. ein schwarzer der uns ausrauben wollte, ich weiß nicht warum sich das in wolhgefallen aufgelöst hat, ich war der zorn…

    heute scheint mir der buddha muß mit und ohne, von was auch IMMER, sein was er ist.

    und das mit der chronischen unterdrückung und all ihren nebenwirkungen, scheint mir auch so eine sache, man kann manche sehen die sind von solch eine „chronik“ kaum betroffen meinen jemand und etwas zu sein, und anderen den hängt der sack schwer am buckel und man kriegt mit das sie frei sind… und da scheint es substanziell keine wahl, keine macht im sinne von kontrolle zu geben

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    • Nitya schreibt:

      … man kann manche sehen die sind von solch eine „chronik“ kaum betroffen meinen jemand und etwas zu sein, und anderen den hängt der sack schwer am buckel und man kriegt mit das sie frei sind… und da scheint es substanziell keine wahl, keine macht im sinne von kontrolle zu geben.“

      Lieber Ronny, ja, so ist es, und keiner weiß mal wieder, warum das so ist.

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  5. punitozen schreibt:

    ……..Wenn wir uns also bei dem Thema der chronischen Unterdrückung selbst miteinbeziehen, erobern wir uns die Potenz wieder zurück, die wir brauchen, um den ganzen Müll, mit dem wir uns über die Jahre hin so geflissentlich identifiziert haben, aus unserem Bewusstsein schmeißen, indem wir unsere naive Blindheit erkennen und ihr unseren Glauben entziehen. ……

    Das trifft Es , lieber Nitya . Sich der naiven Blindheit bewußt werden . Anfänglich verwirrend bis schmerzhaft . Wird dem indoktrinierten “ falsche Idealbild des Ego “ der Glauben entzogen ,
    ist das Leben bunter . Ohne “ Hofmann- Sandoz-Tropfen “ , erlebe ich es unverzerrter , das Läbben !
    Herzgruß
    Punito

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    • Nitya schreibt:

      „Ohne ‚ Hofmann- Sandoz-Tropfen ‚ , erlebe ich es unverzerrter , das Läbben !“

      Ist das Läbben nicht immer einfach das Läbben, lieber Punito, verzerrt oder unverzerrt, quälend oder ekstatisch, langweilig oder spannend, beinhart oder berührend, … – und die Tropfen von ‚ Hofmann- Sandoz ‚ sind auch nur eine Facette darin?

      Herzlichst
      Nitya

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    • Eno Silla schreibt:

      King Crimson, lieber Punito, ich gehe in die Knie, und ich würde sofort einen LSD-Trip schmeissen, wenn ich einen hätte, die Band meiner Jugend, Musik, die auch heute noch Gänsehaut erzeugt!
      Ach diese Jugend, diese Vergänglichkeit, diese ganze Dummheit, dieses schrecklichschöne Leben, diese Unbegreiflichkeit…

      Nur für King Crimson Fans:

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      • punitozen schreibt:

        …….Ach diese Jugend, diese Vergänglichkeit, diese ganze Dummheit, dieses schrecklichschöne Leben, diese Unbegreiflichkeit…

        Deshalb sollte man Kenntnis haben von der

        erhabenen „Beschwörungsformel[ für das Reine Gewahrsein“, dem Mantra der Höheren Erkenntnis, dem unübertrefflichen, unvergleichlichen Mantra, das alles Leiden besänftigt.
        Dies ist die Wahrheit, keine Täuschung.
        Das im Reinen Gewahrsein verkündete Mantra lautet:
        „gate, gate, paragate, parasamgate— BODHI— svaha!“

        „gegangen, gegangen, ans andere Ufer gegangen, gänzlich hinüber gelangt- —ERWACHEN—aaah!“
        Hiermit ist das Herzstück über die Vollkommene Weisheit vervollständigt.

        Wat für`n Trip , lieber Eno , nicht-wahr ?🙂

        Herzlichst Punito
        P.S. King Crimson ist war und ist schon was Besonderes , für Geniesser der psychodelichen Lebensart !
        Noch ein “ Konserven-Schmankerl „aus “ Neulich war`s “ 4 You .

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