Ramesh Balsekar: Handlungen, die wie Untätigkeit erscheinen


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Die Weisen sagen,
derjenige ist wahrlich weise,
der ohne Wolllust handelt,
und ohne auf die Früchte seines Handelns zu schließen.
Die Handlungen haben auf ihn keine Auswirkungen,
denn sie schmelzen dahin in Meinem Wissen.

Die Bhagavad Gita [IV,19]

Dieser Vers unterstreicht nochmals die Bedeutung der Tatsache, dass die Handlungen eines Weisen so völlig natürlich sind, dass sie wie Untätigkeit erscheinen: Tatsächlich sind es Handlungen, die Nicht-Tun sind.

Der Weise des Tao hat es so ausgedrückt:

Der Mensch, in dem das Tao ohne Hindernis wirkt, verletzt mit seinen Handlungen kein anderes Lebewesen, und doch bezeichnet er sich nicht selbst als liebenswürdig oder sanftmütig. Der Mensch, in dem das Tao ohne Hindernis wirkt, kümmert sich nicht um die eigenen Interessen und verachtet nicht andere, die es tun. Er bemüht sich nicht um Geld und macht aus Armut keine Tugend. Er geht seinen Weg, ohne auf andere angewiesen zu sein, und ist nicht stolz darauf, alleine zu gehen.

aus: Ramesh Balsekar, „Die Bhagavad Gita – eine Auswahl“

BOb Ramesh in jungen Jahren ↑  nicht von der Tugend wusste? Ich weiß nicht mehr, woher der Ausspruch kommt (Kodo Sawaki?): „Ein guter Vater ist kein guter Vater.“ Ich könnte analog dazu sagen: Ein erleuchteter Meister ist kein erleuchteter Meister. Mir fällt wieder dieser Hinweis aus dem Tao Te King ein:

Höchste Tugend weiß von der Tugend nicht;
daher gibt es die Tugend.
Niedere Tugend lässt von der Tugend nicht;
daher mangelt die Tugend.
Höchste Tugend ist ohne Tun;
ist auch ohne Grund, warum sie täte.
Niedere Tugend tut,
hat auch einen Grund, warum sie tut.

Anders als in der mir vorliegenden Übersetzung habe ich übrigens den Begriff „Wollust“ in dem Bhagavad Gita-Vers eigenmächtig in den Begriff „Wolllust“ verwandelt. Es geht hier aus meiner Sicht nicht um eine der sieben katholischen Todsünden, sondern um die Lust am Wollen, am Haben-Wollen dessen was nicht (da) oder nicht „mein“ ist. Es geht ums Sein und nicht ums Tun. Ramesh weist auch darauf hin, „dass die Handlungen eines Weisen so völlig natürlich sind, dass sie wie Untätigkeit erscheinen: Tatsächlich sind es Handlungen, die Nicht-Tun sind.“

Wenn mir der Magen knurrt, könnte ich dies ein Tun ohne Tun nennen. „Ich“ knurre so vor mich hin ohne die geringste Absicht, zu knurren. Dies ist das, was Ramesh als natürlich bezeichnet. Es geschieht einfach, ob mein sog. Verstand damit einverstanden ist oder nicht. Und sogar mein Verstand müsste auf Nachfrage antworten: „Ich habe es nicht gemacht und nicht gewollt. Ich bin völlig unschuldig, Es geschah einfach. …“ Höchste Tugend weiß von der Tugend nicht … und befindet sich damit tatsächlich im Zustand völliger Unschuld.

Gestern war ich wieder einmal ganz versunken in das Treiben eines Eichhörnchens auf den beiden Lärchen vor meinem Küchenfenster. Es ist so erholsam, Wesen um sich zu haben, deren Tugend ohne Tun ist und deren Tun ohne Grund. Ob mein Magen knurrt oder ein Eichhörnchen den Baum hoch rennt – ich kann keinen Unterschied erkennen. Und ein Erleuchteter, wenn ich den Begriff überhaupt verwenden will, ist für mich wie ein Magenknurren oder ein Eichhörnchen. Er knurrt einfach oder rennt einen Baum hoch oder runter, wenn er kann.

Die Weisen sagen,
derjenige ist wahrlich weise,
der ohne Wolllust handelt,
und ohne auf die Früchte seines Handelns zu schließen.
Die Handlungen haben auf ihn keine Auswirkungen,
denn sie schmelzen dahin in Meinem Wissen.

H

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