Tschung-tse: Ich schämte mich dessen …


HIch nenne es nicht gut, wenn einer seine Natur Moral-Grundsätzen unterordnet, mag er auch noch so großen Ruhm dadurch erringen. Ich nenne es nicht gut, wenn einer seine Natur dem Geschmackssinn unterordnet, mag er es auch zu noch so großer Kochkunst bringen. Ich nenne es nicht feines Gehör, wenn einer seine Natur den Tönen unterordnet, mag er es auch zu noch so großen Künsten bringen. Ich nenne es nicht klares Sehen, wenn einer seine Natur den Farben unterordnet, mag er es dadurch auch zu noch so großen Fertigkeiten bringen.

Was ich gut nenne, ist nicht, was man Moral nennt; das Gute liegt allein darin, dem Wirken der Natur zu folgen. Was ich gut nenne, ist nicht, was die Moral gut nennt; es heißt nichts anderes, als die wirklichen Gegebenheiten von Schicksal und Natur pflichtmäßig zu beachten.

Was ich feines Gehör nenne, heißt nicht, auf äußerliche Klänge lauschen, es heißt allein, der Stimme seines Innern zu lauschen, und was ich klares Sehen nenne, heißt nicht, auf äußerliche Dinge schauen, es heißt allein, ins eigene Innere schauen. Wer nicht in sein Selbst schaut, sondern auf äußerliche Dinge nur, wer sich selbst nicht besitzt, sondern nur äußerliche Dinge, der mag wohl Fremdes besitzen, das Eigene aber nicht, der kann sich wohl, was anderen zu eigen ist, zu eigen machen, doch niemals sich sein Eigenstes zu eigen machen. Und wer sich wohl, was anderen zu eigen ist, zu eigen machen kann, der ist, mag er ein Held nun oder Räuber sein, doch auf dem falschen Wege. Ich schämte mich dessen vor den ewigen Gesetzen der Natur. Und deshalb wage ich nicht, mich an die Gesetze der Moral zu halten, und auch nicht, mich auf falschem Wege zu verlieren.

aus: Tschuang-tse, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

BEr gibt sich ja wahrlich viel Mühe, der Tschuang-tse, verständlich zu machen, worum es ihm bei diesem „Spüren Sie’s?“geht. Wenn das ein normaler Mensch hört, dass er spüren „soll“, lauschen „soll“, schaun „soll“, dann fallen ihm in aller Regel dazu nur seine Sinne ein, die er zum Einsatz bringen „soll“. Das Sollen hängt natürlich zusammen mit dem Machen, das er mobilisieren will, um seine Aufgabe zu erfüllen. Und je nach Veranlagung versucht er dann auf seinem „Lieblingskanal“ eine Wahrnehmung zu machen. Da er aber keine Ahnung hat, worauf dabei zu achten ist, gelangt er entweder sehr schnell an irgendwelche Einbildungen oder resigniert still vor sich hin.

Ins Innere zu spüren, zu lauschen, zu hören, … ist für die meisten Menschen ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn sie dann ihren Atem spüren oder ihren Herzschlag oder ein leises Blubbern in ihrem Gedärm hören oder irgendwelche Tagträume bildlich sehen, meinen sie vielleicht, dass es das sei, aber das ist es natürlich nicht. Es ist zwar „in ihrem Inneren“, aber sie benützen immer noch für die Wahrnehmung ihre Sinne.

Kein Wunder, dass Moral einen so hohen Stellenwert überall hat. Damit kommt auch jemand zurecht, der längst jeden Kontakt zu seiner Natur verloren hat. Wohin wir damit gekommen sind, sieht man nicht nur an den mafiösen Strukturen auf der ganzen Welt, sondern auch am Zustand unserer sog. Umwelt, die nicht mehr weit von der Grenze ihrer Belastbarkeit entfernt zu sein scheint.

Die „Rettung“ liegt auf der Hand. Die Menschen müssen zurückkehren zu ihrer erleuchteten Natur, die in ihrem Innersten auf sie wartet. Damit ist jedoch ganz sicher nicht der Run auf die schnelle Erleuchtung gemeint, sondern das Wiederentdecken der Zeitlosigkeit in seiner innersten Natur.

E

 

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Eine Antwort zu Tschung-tse: Ich schämte mich dessen …

  1. punitozen schreibt:

    Wenn ihr dem
    Buddha nachjagt, hat euch der Buddha-Wahn im Griff. Wenn ihr die Patriarchen sucht, seid ihr
    im Patriarchen-Wahn gefangen. Was auch immer ihr verfolgt, es führt zur Qual. Es ist viel
    besser, im gegenwärtigen Augenblick zu leben und nichts (mit Absicht) zu tun.“
    Lin Ji

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