Ram Dass: weil noch immer zu viel Kraft in ihnen steckt


RIch war von Root Beer besessen. Verstehst du, ich war mit Dingen wie Root Beer und Pizza zugange – die, wie du weißt, nicht gerade der Yoga-Ernährung entsprechen. Ich sitze also in meinem Zimmer und sage: „O.K., ich sitze jetzt einfach hier“, und alles ist herrlich. Plötzlich, im nächsten Augenblick, befinde ich mich am Kühlschrank, öffne eine Flasche Root Beer, und schon trinke ich. Das erste, was ich dann sage, ist: „Verdammt, ich bin schon wieder daran gescheitert – ich tauge zu nichts.“ Dann pflegte eine andere Stimme in mir zu sagen: „Root Beer trinken und sich selbst herunterputzen, weil er das Root Beer getrunken hat.“ Mit  anderen Worten, es gab da noch eine Stimme in meinem Innern, die kein Urteil abgab – sie konnte sich kaum weniger darum scheren, ob ich Root Beer trinke oder nicht – sie stellte lediglich fest, was vor sich geht. Das ist ein völlig unparteiischer Zeuge – kein Richter. Das ist kein Über-Ich. Sie sagt nicht: „Du wirst niemals einen guten Yogi abgeben, weil du nämlich schlecht bist.“ Sie sagt: „Hier stehst du – hier ist das, und da ist dies, und dort ist jenes.“ Nun, im Laufe der Entwicklung dieser Weisheit stellt es sich ein, dass du immer mehr und mehr Zeit darauf verwendest, jener Teil von dir anstatt alles Übrige zu sein. Du sagst daher: „Aha, – dort ist das Verlangen nach Erfolg, dort ist das Verlangen nach Macht, dort ist dieses Verlangen oder dort läuft jenes ab.“ Das ist wie mit einem unbewussten Flackern. Du machst etwas aus einem Verlangen heraus, das von dir Besitz ergriffen hat, und dann gibt es einen Augenblick, wo du erkennst, was du tust – worauf gewöhnlich ein Augenblick des Urteilens folgt. Aber dann wirst du Zeuge von diesem Urteil, und du gehst immer weiter durch diese kleinen flackernden Geschichten mit den Wünschen hindurch, die du nicht anhalten kannst, weil noch immer zu viel Kraft in ihnen steckt.

aus: Ram Dass, „Alles Leben ist Tanz“
rIch habe diesen letzten Satzteil zum Titel meines heutigen Beitrags gemacht: „…weil noch immer zu viel Kraft in ihnen steckt.“ Also, ich lebe noch, oh Wunder! Steckt einfach noch zu viel Lebenskraft in mir. Muss ich mich jetzt dafür verurteilen? Es gab mal eine Zeit, da hätte ich wie Bello jede Frau anspringen können, die auf der Straße vor sich hinwackelte. Hätte ich mich dafür schämen sollen? Niemand kann etwas für die Kraft, die in irgendetwas steckt. Und das bezieht sich um Gottes willen nicht nur auf den physischen Bereich. Vielleicht bildet sich jemand unbedingt das neueste Porsche-Modell ein. Dieses Verlangen kann so heftig sein, dass er erwägt, eine Bank zu knacken, um sich das Teil kaufen zu können.

Wer nun meint, das Problem wäre mit guten Vorsätzen, Unterdrückung oder Askese zu lösen, vergisst die alte Weisheit: „Was immer du bekämpfst, das stärkst du damit.“ Das Zölibat ist hierfür ein bekanntes Beispiel. Und das mit dem sog. Sublimieren scheint auch nicht so richtig zu funktionieren. Ich brauche bloß an die heilige Inquisition zu denken und die absolut sadistischen und sexuellen Projektionen der Pfaffen, mit denen sie ihre Angeklagten in Folter und Hinrichtung getrieben haben.

Ram Dass hat da einen ganz anderen Vorschlag. Einen Vorschlag, der durch und durch liebevoll ist und sehr erfolgversprechend. Es ist ein bisschen wie mit einem Muskel, der durch tägliche Übung gestärkt wird: Bleib nicht beim Urteilen stehen, sondern bezeuge sowohl das Verurteilte wie das Urteilen selbst. Nichts weiter, nur bezeugen. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Lust auf Root Beer ist Lust auf Root Beer ist Lust auf Root Beer. Verurteilen ist Verurteilen ist Verurteilen. Es ist wie eine grundsätzliche Erlaubnis, dass sein darf, was ist.

BNa denn – Prost!

 

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19 Antworten zu Ram Dass: weil noch immer zu viel Kraft in ihnen steckt

  1. Osheewan schreibt:

    Und dann ist da einfach biertrinken und nicht mal einer da der es bezeugt…

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  2. punitozen schreibt:

    “ JETZT `nen Kaffee – aaahhhh ! “
    Punito

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  3. Elwood schreibt:

    Wat dat is

    Dat is Unsinn
    seggt de Verstand
    Dat is wat dat is
    seggt de Leev

    Dat is een Malör
    seggt de Bereknung
    Dat is nix as Pien
    seggt de Angst
    Dat hett keen Schick
    seggt de Insicht
    Dat is wat dat is
    seggt de Leev

    Dat is to´n Grienen
    seggt de Stolt
    dat is lichtsinnig
    seggt de Vörsicht
    Dat is unmöglich
    seggt de Insicht
    Dat is wat dat is
    seggt de Leev

    ins Plattdeutsche übersetzt von Holger Lehmberg

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  4. Marianne schreibt:

    Die Kraf“, die in den eigenen „Macken“ (Schatten-Anteilen) steckt, ist Teil unserer Vitalität.
    Wenn wir sie „ausradieren“ wollen, werfen wir auch etwas von uns selbst mit „über Bord“.
    In Bayern gehört das Bier zur normalen Ernährung …😉

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    • Nitya schreibt:

      „In Bayern gehört das Bier zur normalen Ernährung …😉“

      Auch bei denen, die einen guten Yogi abgeben wollen?
      Oder wollen Bayern gar nie nicht einen guten Yogi abgeben?🙂

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      • Marianne schreibt:

        Ich frag‘ mal meine Yogalehrerin (sie ist schon siebzig und fit wie ein Turnschuh …), ob sie Bier trinkt …
        Selber tue ich das schon und … lasse ab und zu meine Leberwerte kontrollieren. Seit mir jemand gesagt hat, dass Menschen mit Blutgruppe 0 tierisches Eiweiß brauchen, lass‘ ich mir auch meinen Döner ab und zu wieder schmecken … Aber ich bin ja auch kein Yogi!😉

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      • Nitya schreibt:

        Wehe, deine Yogalehrerin trinkt Bier! Seit ich aus Bayern ausgewandert bin, hab ich mir das Biertrinken abgewöhnt. Mittlerweile genügt schon ein Schluck und ich seh Sternchen. Wenn deine Yogalehrerin fit wie ein Turnschuh ist und Bier trinken sollte, fang ich wieder zu saufen an. Dann bin ich einfach unterernährt und deshalb so’n Schlappsack.

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      • Marianne schreibt:

        Mein Eindruck ist, dass ihre Fitness eher vom Yogatraining kommt …

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      • Nitya schreibt:

        Na, dann bin ich ja beruhigt. Dann kann ich ja weiter versuchen, mich mit Kaffee unter die Ede zu bringen und meine Füße hochlegen.

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