Jed McKenna: fragt euch, was tatsächlich wahr ist


HWelcher Mechanismus ist es, der etwas so Einfaches wie Selbsterforschung bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und aufbläht? Das Ego. Einzig und allein das Ego. Das ist der Grundkonflikt einer jeden spirituellen Suche: Das Ego sehnt sich nach Erleuchtung, doch die Erleuchtung vermag das Ego nicht zu erlangen. Das Selbst kann kein Nicht-Selbst erlangen. Deshalb muss jeder, der meint, er müsse aus der Erleuchtung ein Geschäft machen, sie erst einmal auf leicht verdauliche Portionen zurechtstutzen – und etwas daraus machen, was vom Ego wohl erlangt werden kann. Erleuchtung light – weniger Kalorien, mehr Geschmack. Erleuchterung. …

Ich verrate euch alles, was ihr tun müsst, um erleuchtet zu werden: Setzt euch hin, haltet den Mund, und fragt euch, was tatsächlich wahr ist. Fragt es euch so lange, bis ihr es wisst. Das ist alles. Das ist die ganze Kunst. Das ist der ganze Weg zur Erleuchtung, die gesamte Methode. Sollte es jemals irgendwelche Fragen oder Probleme geben – egal, was für Fragen, egal, was das für Probleme sind -, die Antwort ist immer dieselbe: Setzt euch hin, haltet den Mund, und fragt euch so lange, was tatsächlich wahr ist, bis ihr es wisst.

Mit anderen Worten: ihr müsst über die Klippe springen. Nicht vor dem Abgrund stehen bleiben und übers Springen nachdenken. Kein Buch übers Springen lesen. Nicht die Kunst und Wissenschaft des Springens studieren. Keine Selbsthilfegruppe für Springer gründen. Keine Gedichte übers Springen schreiben. Nicht jemandem in den Hintern kriechen, der bereits gesprungen ist. Nein. Einfach nur springen.

aus: Jed McKenna, „Verflixte Erleuchtung“

FDas ist das Wesen der sog. Religionen: Aus etwas sehr Einfachem etwas sehr Kompliziertes und doch gleichzeitig scheinbar Erreichbares zu machen; erreichbar, wenn man nur brav den Anweisungen der Priester Folge leistet. Religion wird zum Geschäft gemacht, das nach den alten Regeln der Politik das ‚Blaue vom Himmel‘ verspricht, wenn man bereit ist, dafür ‚dem Teufel seine Seele zu verschreiben‘. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir es hier mit skrupellosen Tätern und armen Opfern zu tun hätten. Die (scheinbaren) Opfer beteiligen sich nur zu gerne an diesem Geschäft. Auf diese Weise können sie vermeiden, wovor sie am meisten Angst haben: In den Abgrund zu springen. So machen sie sich vor, auf dem Weg zur höchsten Erkenntnis zu sein, indem sie etwa Weihrauchstäbchen entzünden und ‚OM‘ chanten. Eben begegnete mir dieser spirituelle Hinweis: „Für das heutige Zeitalter – dem Zeitalter des Kampfes bzw. Streits (Kaliyug) – ist gemäß der Wissenschaft der Spiritualität das Chanten (also das kontinuierliche Wiederholen des Namens Gottes) die empfohlene Spirituelle Praxis.“ Also nicht OM, sondern den Namen eines Gottes. Welcher Gott es sein sollte, ist auf der Homepage der Organisation zu erfahren.

Jed McKenna scheint von diesen Kindergartenspielchen nicht allzu viel zu halten. Zumindest scheint er wenig Neigung zu haben, jede Menge Zeit in angebliche Sucher zu investieren. Und er will auch all diejenigen möglichst schnell in die Flucht treiben, die versuchen, ihm in den Hintern zu kriechen, weil sie annehmen, dass er bereits gesprungen ist. Die Sache sei ganz einfach, meint er: „Setzt euch hin, haltet den Mund, und fragt euch so lange, was tatsächlich wahr ist, bis ihr es wisst.“ Na ja, da fällt mir natürlich sofort wieder unser Seng-ts’an ein: „Suche NICHT nach dem Wahren – glaube bloß nicht an das, an was du glaubst.“ Ihr werdet mir hoffentlich verzeihen, dass ich den zweiten Satzteil geringfügig verändert habe. Nisargadatta drückt mit seinem neti- neti dasselbe aus. Was immer du glaubst, dass es das sei, ist es nicht. Es ist der Sprung in den bodenlosen Abgrund, das ‚Stirb, bevor du stirbst!‘

Für den, der all seine Vermeidungsstrategien erkannt hat, bleibt nur noch das: Springen oder Nicht-Springen.
S

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6 Antworten zu Jed McKenna: fragt euch, was tatsächlich wahr ist

  1. fredo0 schreibt:

    einst ….
    der bodenlose fall begann …
    einfach so …

    war da ein springen ?
    oder eher ein hineinstolpern ?
    oder gar ein aufgesaugt werden … ?
    jedenfalls in höchst banalem kontext …
    wer oder was hatte mich geschuppst ?
    wer hatte mir da ein bein gestellt ?
    war es ein „zündaussetzer“ der wahrnehmungsmaschine ?
    ein rülpser im schlund gottes ?
    tja …
    das fragt sich fredoo ab und an noch heute …
    mitlerweile schmunzelnd wegen der hartnäckigkeit ( und vergeblichkeit ) dieser neugier …
    denn wer oder was es auch war …
    es hat eh nix verändert …
    außer , daß diese mich damals derbe pestende suche nach veränderung ihr ende fand .

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    • Nitya schreibt:

      es ist mal wieder so ein „scheint so, als ob“ …
      fallen, springen, hineinstolpern, aufgesaugt werden, geschupst werden, ein Bein gestellt kriegen, Zündaussetzer, Rülpser Gottes, … alles Erklärungen im Nachhinein.

      Gab’s denn da eine Wahl? Oder bedufte es eines außerdordentlichen Mutes? – Wieder ein „scheint so, als ob“. Wieder so Geschichten, die man sich dann am Lagerfeuer in der Prärie erzählen kann.

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  2. punitozen schreibt:

    “ Wir üben Zazen (stilles Sitzen) mit dem Ziel, Satori (Erleuchtung) zu haben, nicht wahr?‘ Dummes Zeug! Willst du selbst für Zazen noch Trinkgeld haben? Wenigstens Zazen solltest du einfach und umsonst tun. Wenn man mich fragt, wofür Zazen gut ist, sage ich, dass es gut für nichts ist. Und dann heißt es: ‚Wenn es gut für nichts ist, lass ich es lieber bleiben!‘ Die Frage ist, was ist überhaupt gut für irgend etwas? “

    Kodo Sawaki

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  3. Elwood schreibt:

    Ich glaub Euch gar nichts mehr…….!
    Und mir auch nichts……..

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  4. punitozen schreibt:

    ….Ich glaub Euch gar nichts mehr…….!
    Und mir auch nichts……..
    Das macht auch nix , lieber Elwood !🙂
    Herzgruß
    Punito

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