James Swartz: Es gibt nichts, was du hervorgebracht hast.


SAm Strand habe ich vor einiger Zeit eine Gruppe von Kindern gesehen, die eine Sandburg bauten. Eine Stunde lang arbeiteten sie mit ihren kleinen Eimern und Schaufeln freudig an der Burg, bevor sie sie ebenso freudig zerstörten und ins Meer liefen, um zu baden. Vor einigen Jahren war ich in London im National Museum und beobachtete tibetische Mönche dabei, wie sie ein komplexes, sehr fein gearbeitetes Mandala aus farbigem Sand herstellten. Wochenlang hatten sie daran gearbeitet, und einige Tage nach der Fertigstellung bliesen sie es fort. Was mögen sie dabei gedacht haben? Offensichtlich waren sie nicht daran interessiert, das Mandala noch länger zu genießen. In beiden Fällen werden durch die Handlungen keine bindenden vasanas produziert, dies scheinen Kinder intuitiv und Mönche bewusst zu verstehen. Handlungen, die in einem bestimmten Geist vollzogen werden, wirken nicht bindend, sondern befreiend. …

Du hast dir das Leben nicht selbst geschenkt. Um das zu erkennen, musst du kein Genie sein. Du hast auch nicht die Welt geschaffen, die dich umgibt, nicht deinen Körper oder deinen Geist. All die unzähligen, unsichtbaren Tätigkeiten, die in deinem Körper ausgeführt werden müssen, funktionieren ohne dein Zutun. Ehrlicherweise musst du einräumen, dass es nichts gibt, was du hervorgebracht hast. Eines schönen Tages hast du das Licht dieser Welt erblickt, und alles war vorbereitet, maßgeschneidert nach deinen Bedürfnissen. Wer oder was hat das getan? Ishvara, Gott, das dharma-Feld hat es getan. Es gibt keine andere Erklärung.

aus: James Swartz, „Die Wirklichkeit verstehen“

VJames Swartz ist Vedanta-Lehrer, der versucht, die Menschen mit Geduld und Spucke und mit seinen Argumenten an den Punkt zu bringen, an dem vielleicht der Groschen fallen wird. Er fordert die Leute also nicht auf, irgendetwas zu glauben, sondern will sie mit seinen Ausführungen überzeugen.

In dem Textausschnitt versucht er es erst mit einer Analogie, die allgemein bekannt ist: Kinder die eine Sandburg bauen und sie dann mit derselben Freude wieder zerstören, mit der sie sie erst ganz ernsthaft aufgebaut haben, und tibetische Mönche, die wochenlang an einem großen Sandmandala hingeschafft haben, nur um es danach wieder hoffentlich mit derselben Freude weggepustet zu haben, die die Kinder bei ihrem Vernichtungswerk hatten. Heinz Butz fällt mir ein, natürlich, mit seinem Satz: „Wir arbeiten hier nur für den Papierkorb!“ Er stand damit in krassem Gegensatz zu dem, worum es sonst in der Klasse für angewandte Malerei zu gehen hatte: Werke von bleibendem Wert schaffen! Kunst am Bau, das muss sorgfältig geplant sein und sorgfältig durchgeführt werden. Das sind tausend Schritte von der ersten Ideenskizze bis hin zur letztgültigen Ausführung. Und danach ist das Werk an der Wand oder an der Decke oder ich weiß nicht wo und hält und hält und hält … hoffentlich.

MKönnt ihr euch vorstellen, was das für Michelangelo und seine Helfer für eine Arbeit war, für dieses Deckenfresko die Farbe in den frischen Kalkputz zu bringen? Nein, das war wahrlich nicht für den Papierkorb gedacht, sondern für die Ewigkeit. Manchmal übernimmt ein Erdbeben die Arbeit der Kinder oder der tibetischen Mönche und zerstört in kürzester Zeit die Ewigkeitswerke. Neuerdings beteiligen sich ja die Taliban oder der IS oder ein paar andere Verrückte an dieser Zerstörung. Bei Letzteren fehlt allerdings der erste Teil, der in der Trimurti charakterisiert ist durch den Schöpfungsprozess. Nur zerstören gildet nicht.

Was mag James Swartz dazu bewogen haben, dem Aspekt der Zerstörung so großes Gewicht beizumessen? Er sagt, dass bei den Handlungen der Kinder und der Mönche keine bindenden vasanas produziert werden. Schöpfungs- und Zerstörungsprozess geschehen durch sie hindurch. Insofern haben sie weder erschaffen noch erhalten noch zerstört. Wenn all das in diesem Bewusstsein geschehen kann, entsteht keinerlei Anhaftung. Ich hoffe, dass keine Taliban oder andere Verrückte diese Zeilen lesen werden. Sonst kommen sie nur auf noch mehr dumme Gedanken.

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4 Antworten zu James Swartz: Es gibt nichts, was du hervorgebracht hast.

  1. Brigitte schreibt:

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  2. punitozen schreibt:

    Wenn ´s ICH nicht war , was war es sonst ?
    Ich wars nicht – gilt nicht . Aus der Ich -wars-nicht Nummer kommt keiner raus .
    Auch der Empörte hängt da mit drin , ebenso der Ist-leider-Gottes-so- nicht mehr-zuändern-Stoiker .
    Was soll`s – noch`nen Reim , darauf kannste dir einen Reim machen , lieber Nitya .
    “ Yoku mireba
    Nazuna hana saku
    Kakine kana . “ *
    BASHO

    * “ Wenn ich aufmerksam schaue ,
    Seh ich die Nazuna`
    An der Hecke blühen ! “

    und dann wäre da noch die westliche Talibanvariante zu erwähnen .
    “ Blume in der Mauer ,
    Ich pflücke dich aus den Mauerritzen ,
    Mitsamt den Wurzeln halte ich dich in der Hand ,
    Kleine Blume – doch wenn ich verstehen könnte ,
    Was du mitsamt den Wurzeln und alles in allem bist ,
    Wüßte ich , was Gott und Mensch ist . “
    Alfred Lord Tennyson

    Herzgruß
    PUNITO

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Punito, der Basho ist mir dann doch entschieden näher als dieser Alfred Lord Tennyson. Anscheinend lassen meine Talibanqualitäten etwas zu wünschen übrig.

      Zu dem Mandala fällt mir: Der farbige Sand ist völlig aufgeladen mit der Energie der Bewusstheit der Mönche. Er wird daher am Ende nicht einfach zusammengefegt und in der Tonne entsorgt, sondern mit größter Achtung und Achtsamkeit dem fließenden Wasser übergeben..

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