Ryōkan: ich überlasse die Welt sich selbst


R Zu träge, um Pläne zu schmieden,
überlasse ich die Welt sich selbst.
Reis im Beutel für zehn Tage,
ein Bündel Reisig neben dem Kamin.
Wozu das Gerede von Illusion und Erleuchtung?
Dem nächtlichen Regen lauschend, der auf die Schindeln tropft,
sitze ich behaglich hier und halte die Beine ausgestreckt.

Ryōkan Daigu

Ich habe nicht auf der Reihe, für wieviele Tage ich noch Essensvorräte habe, aber nachdem ich bis jetzt nicht verhungert bin, wird vielleicht auch die Zukunft Gnade vor Recht walten lassen und mich auch weiterhin mit dem Nötigen versorgen. Auch den Gashahn wird mir hoffentlich niemand abdrehen. Kein Grund also, Pläne zu schmieden und ich kann es halten wie Ryōkan und die Welt sich selbst überlassen.

Kann ich das? Kann ich das wirklich? Irgend so ein irrer Konzern namens Syngenta hat sich eine südamerikanische Tomatensorte patentieren lassen, die sie nicht einmal selbst gezüchtet haben, und ich soll beim Europäischen Parlament Einspruch erheben (https://www.campact.de/patente/appell/5-min-info-einspruch/). Also ich bin zu träge, um Pläne für mich zu schmieden, aber ich soll mich um diese Tomate kümmern. Eigentlich soll ich mich jeden Tag um irgendwas kümmern und irgendwelche Petitionen unterschreiben.  Muss ich, soll ich oder darf ich die Welt sich selbst überlassen?

Der Ryōkan hat sich einfach vom Acker gemacht. Er war zwar Zen-Meister mit Brief und Siegel, aber er hatte keine Lust, Schüler anzunehmen oder Abt zu spielen. Er trieb sich lieber herum, erbettelte sich sein Essen und schrieb Gedichte.  Anscheinend hatte er nicht das geringste Verantwortungsgefühl. Er spielte lieber mit den Kindern Ball und zog sich in die Einsamkeit zurück.K„Wozu das Gerede von Illusion und Erleuchtung? Dem nächtlichen Regen lauschend, der auf die Schindeln tropft, sitze ich behaglich hier und halte die Beine ausgestreckt.“ Nicht einmal über so wichtige Themen wie Illusion und Erleuchtung wollte er diskutieren. Wozu war der Kerl eigentlich nütze? Also wo kämen wir hin, wenn das jeder machen würde.

Ja, wo kämen wir da hin? Die Welt, um die sich dieser Ryōkan nicht kümmern wollte, wäre bestimmt sehr viel friedlicher, sehr viel harmonischer, sehr viel liebevoller, wenn die Menschen so verantwortungslos wären wie Ryōkan. Zumindest schadet der niemandem. Und allein das würde die ganze Welt wieder aufblühen lassen, wenn … das alle machen würden. Aber das machen ja gar nicht alle. Leider füge ich hinzu. Diese Welt geht nicht an Leuten wie Ryōkan zugrunde, sondern an all den Kleverles und Bescheidwissern. Sag ich mal so.


Ob die zunehmende Verblödung nur am Mineralienmangel liegt, weiß ich nicht. Aber ich kann es auch nicht ausschließen.

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5 Antworten zu Ryōkan: ich überlasse die Welt sich selbst

  1. Georg Alois schreibt:

    Auch wenn Du gestern die Fernsehsendung auf ARTE über das Bewusstsein gesehen hast, wirst Du, lieber Nitya, nicht entscheiden, die Füße hoch zu legen und den lieben Gott einen guten Mann sein lasse. Mittlerweile sind die Messmethoden so raffiniert, sagenhafte sieben Sekunden ist der Befehl im Gehirn schon sichtbar, bevor man willentlich glaubt zu handeln. Also ist das hier von mir Geschriebene „Unterhaltung“, denn es gibt keinen freien Willen und somit auch keine eigene Einsicht. Und Du, lieber Nitya, wirst also die Petition „verantwortungsbewusst“ unterschreiben und weiterhin die IS-Mörder aufs schärfste verurteilen.
    Wenn das ein Jeder akzeptieren könnte, dass es keinen freien Willen gibt, dann wäre ja auch das ganze Erleuchtungsspiel zu ende, und alles wäre fad, oder???

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Georg Alois, doch, entscheide ich, nämlich jetzt: Jetzt lege ich die Füße hoch. Das ist der Beweis. Es geht. Es geschieht wie ich will. Mein Wille ist Sein Wille.

      Also wie du siehst, habe ich die ARTE-Sendung nicht angeguckt und darf noch in kindlicher Unschuld Unsinn verzapfen. Was die Petition betrifft, habe ich übrigens völlig verantwortungslos nichts unterschrieben. Ich habe mir ausgerechnet, was das für eine Arbeit macht, wenn ich zukünftig bei jeder Tomatenart, Kartoffelart, Karottenart, Regenwurmart, Menschenart, … die sich irgendein Irrer patentieren lassen will, Petitionen unterschreibe und habe mich aufseuzend entschieden, schon wieder die Füße hochzulegen.

      Wenn das Erleuchtungsspiel zu Ende wäre, das wäre fad, meinst du? Ich finde das Erleuchtungsspiel fad. Ich seh gerade Magnolienblüten im Sonnenlicht – was für eine Pracht! Also dabei ist mir noch nie fad gewesen, Füße hoch gelegt oder nicht.

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    • Elwood schreibt:

      Ich habe zufällig diesen Beitrag auf Arte gesehen. Mein Hinter(n)lappen hat mich anscheinend dazu animiert über diese 7 sec. einige Gedankenkonstrukte zu organisieren. Zum Schluss kam nur raus, dass ich weiß, dass ich nichts weiß, nichts wissen kann und damit jeder Hochmut über meine Intellejenz zum Ableben kommen muss. Ich war; bin und werde ne hohle Nuss bleiben. Ich glaube aber nicht, dass die vermessene Wissenschaft zu solch einem Schluss kommen wird. Denn dieses unheilige Bewustsein ist unvergleichbar, nicht zu messen und taugt zu nichts Besonderen, sach ich mal…

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