Hui-neng: Gescheit und Dumm, Schnell und Träge


HVerehrte Zuhörer, ursprünglich gibt es in der Lehre der Wahrheit weder Plötzlich noch Allmählich. Aber in der Natur der Menschen gibt es Gescheit und Dumm, Schnell und Träge.

Diejenigen, die in Täuschungen befangen sind, nähern sich allmählich. Erleuchtete schnell. Wer jedoch selbst den ursprünglichen Geist erkennt und das ursprüngliche Wesen erblickt, weiß, dass es keine Unterschiede gibt.

Deshalb sind Plötzlich und Allmählich nur provisorische Begriffe.

aus: Hui-neng, „Das Sutra des sechsten Patriarchen“

PIn einer seiner Lehrreden spricht Buddha von den vier Arten von Pferden: dem ausgezeichneten Pferd, dem guten Pferd, dem schlechten Pferd und dem sehr schlechten Pferd. Das ausgezeichnete Pferd, so heißt es im Sutra, bewegt sich schon, bevor die Peitsche seinen Rücken überhaupt berührt; der bloße Schatten der Peitsche oder das geringste Geräusch vom Kutscher reicht aus, um das Pferd anzutreiben. Das gute Pferd rennt bei der geringsten Berührung der Peitsche auf seinem Rücken. Das schlechte Pferd rennt erst, wenn es Schmerz empfindet, und das sehr schlechte Pferd rührt sich nicht von der Stelle, bis der Schmerz ihm nicht durch Mark und Bein gegangen ist.

Wenn Shunryu Suzuki in seinem Buch „Zen-Geist, Anfänger-Geist“ diese Geschichte erzählt, sagt er, dass seine Schüler, wenn sie diese Geschichte gehört haben, immer das beste Pferd sein wollen, dass es aber, wenn wir sitzen, im Grunde völlig gleich ist, ob wir das beste Pferd oder das schlechteste Pferd sind. Er sagt dann auch, dass das wirklich schlechte Pferd im Sinne der Übung dennoch das beste ist.

Was ich im Laufe meiner Meditationspraxis erkannt habe, ist, dass es nicht darum geht, das beste Pferd oder das gute Pferd oder das schlechte Pferd oder das sehr schlechte Pferd zu sein. Es geht vielmehr darum, unsere wahre Natur zu finden und aus dieser heraus zu sprechen und zu handeln. Was auch immer unsere besondere Eigenschaft ist, darin besteht unser Reichtum, unsere Schönheit; darauf reagieren andere Menschen.

aus: Pema Chödrön: „Liebende Zuwendung – Freude im Herzen“
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Warum sollte ausgerechnet das Feld der Spiritualität vom Run auf den ersten (oder letzten) Platz verschont bleiben? Beim letzten Abendmahl, als Jesus aussprach, dass einer von ihnen ihn verraten würde, fragten alle Jünger: „Herr, bin ich’s?“ Dusseliger hätten sie auch nicht fragen können. Die Antwort hätte sich doch jeder selbst geben können. Und als sie hörten, dass Jesus fortgehen wird, fragten sie, wer sie denn dann führen soll? Jesus antwortete: „Dieser Ort, an den ihr gekommen seid.“ Da er aber weiß, dass sie damit nichts anfangen können und meinen unbedingt einen Führer zu brauchen, sagte er, sie würden wohl zu Jakobus dem Gerechten gehen, der so gerne führen würde. (Thomas 12)

Jeder will das beste Pferd sein, weil das, so die Hoffnung, als erstes das Ziel erreicht und deshalb auch am meisten geliebt wird. Shunryu Suzuki sagt, es sei völlig gleich, ob wir das beste oder das schlechteste Pferd seien. Und Hui-neng meint dazu: „Wer jedoch selbst den ursprünglichen Geist erkennt und das ursprüngliche Wesen erblickt, weiß, dass es keine Unterschiede gibt.“ Selbst ein Massenmörder wie Anguilama konnte bei seiner Begegnung mit Buddha den ursprünglichen Geist erkennen. Es wird berichtet, dass Mahakashyapa, der Nachfolger Buddhas, dem Ananda den Zutritt zum ersten Konzil, das die Lehren Buddhas sammeln sollte, mit der Begründung verweigerte, dass er den ursprünglichen Geist nicht erkannt habe. Dabei soll Ananda das beste Gedächtnis gehabt haben. Mahakashyapa soll sich auch geweigert haben, Ananda bei seiner Suche zu helfen. Erst als er ihm sagte, dass er das selbst herausfinden müsse, erst als Ananda jede Hoffnung auf Hilfe von außen aufgegeben hätte, hätte er ganz von selbst den ursprünglichen Geist erkannt. Interessant übrigens, dass bei Wikipedia Mahakashyapa, der der von Buddha anerkannte Dharma-Erbe war und als Vater der plötzlichen Erleuchtung gilt, neben Ananda nicht einmal erwähnt wird.

Ananda war vermutlich ein sehr schlechtes Pferd und daher bestens geeignet die Aussagen Buddhas zusammenzutragen, während Mahakashyapa möglicherweise das beste Pferd im Stall und an dieser Arbeit vielleicht nicht so interessiert war. Aber das sind halt alles nur so Geschichten. Für den ursprünglichen Geist ist es völlig gleich gültig, ob er scheinbar erkannt wird oder unerkannt bleibt: „Er ist und ich bin nicht mehr.“ (Marguerite Porète)

L

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3 Antworten zu Hui-neng: Gescheit und Dumm, Schnell und Träge

  1. fredo0 schreibt:

    es ist schon etwas verblüffend …
    erst der völlig unerwartete fall ins bodenlose …
    dann (wen wundert es) der „ich habs gefunden“-orden , der selbst verliehen wird.
    und das von dem , der ja gar nicht beteiligt war , aber sich ja allzugern mit fremden federn schmückt …
    und dann … so langsam auch diesen orden als faschingsscherz und völligen bullshit erkennend …
    ein sich geradezu demütig einkuscheln in die stinknormalität …
    und da … so ganz still und klammheimlich … findet sich ein feiner friede … in dem was nicht mehr besonders sein muss …

    tja … mehr ist wohl ohnehin nicht drin …😉

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  2. Nitya schreibt:

    tja … mehr ist wohl ohnehin nicht drin …😉

    „wohl“? Darf’s ein bisschen mehr sein?

    Steckt in diesem „wohl“ vielleicht doch die Frage: Wer weiß, vielleicht ist ja doch noch mehr drin? Oder: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein?

    Satchitananda – wahre Wirklichkeit, reines Bewusstsein, absolute Glückseligkeit vs. Stinknormalität?🙂

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