Tschuang-Tse: Die Schuld der Pferdezähmer und Heiligen


TEs ist Schuld der Künstler und Erfinder, den von Natur gegebenen Stoff durch Schaffung künstlicher Geräte zerstört zu haben. Es ist Schuld der Heiligen, das Tao und sein naturgegebenes Wirken durch Schaffung der Moral zerstört zu haben. Denn:

Solange die Pferde noch in der Wildnis leben, fressen sie Gras und saufen Wasser, wenn sie sich gut sind, reiben sie ihre Hälse aneinander, und wenn sie zornig sind, drehen sie sich die Hinterteile zu und schlagen aus. Das ist alles, was sie kennen. Doch spannt man sie ins Joch und zäumt sie in metallbeschlagenes Geschirr, dann lernen sie zu scheuen, sich aufzubäumen und zu bocken, das Gebiss in die Zähne zu nehmen und die Zügel durchzubeißen. Es ist die Schuld des ersten Pferdezähmers, dass die Pferde es lernten, tückisch zu werden.

Solange die Menschen noch in reiner Einfalt lebten, kamen sie nie auf den Gedanken, etwas Besonderes zu unternehmen oder besonders fernen Zielen nachzugehen. Wenn sie genug zu essen hatten, waren sie zufrieden  und klatschten sich den Bauch vor Wonne. Das war das einzige, was sie kannten.

Erst als die Heiligen mit ihrer künstlichen Sakralmusik und ihrenn peinlich abgestuften Riten die Welt verbessern, mit ihrer ausgeklügelten Moral das Volk beglückten, da stürzten sich die Menschen auf die Suche nach der Erkenntnis und jagten unaufhaltsam um die Wette nach dem Glück. Das ist die Schuld der Heiligen!

aus: Tschuang-Tse, „Was du Tao nennst, wo ist es zu finden?“

HKeine Religion? Keine Kunst? Unsere heiligsten Kulturkühe schlachten? Wieso?

Tschuang-Tse führt triftige Gründe ins Feld: Er erwähnt die wild lebenden Pferde, die noch nie Sättel, Zaumzeug und Sporen kennen gelernt haben und die einfach ihr ureigenes freies Leben leben. Und er erwähnt die „Heiligen“, die ihre Mitmenschen mithilfe ihrer Moral und ihren albernen Riten in der gleichen Weise wie die Pferde mit Zaumzeug, Sätteln und Sporen gefügig machen. Krippe, Kita, Schule, Hochschule, Bundeswehr, Beruf, … von der Wiege bis zur Bahre ein einziger Frondienst. Die Menschen sind so wenig frei wie die Pferde. Was immer sie den Pferden, ganz allgemein den Tieren und Pflanzen und der Erde antun, das tun sie auch ihren Mitmenschen und sich selbst an. Also wieder ein Zurück zur Natur à la Jean-Jacques Rousseau? Ist es das, was Tschuang-Tse hier seinen Mitmenschen empfiehlt? Und wenn ja, ließe sich das überhaupt in unserer Zeit noch verwirklichen?

Ich fürchte der Zug ist längst abgefahren und ich habe erhebliche Zweifel daran, ob sich Tschuang-Tse überhaupt in dieser Weise verstanden wissen wollte. Auch seine angebliche Technikfeindlichkeit ist in Zweifel zu ziehen. Zumindest wüsste ich nicht, wie wir heute bei ca. 7,4 Milliarden Menschen auf der Erde ohne viele unserer technischen Errungenschaften leben könnten. Nein, Tschuang-Tse geht es um die innere Haltung, die sich jenseits von Moral und Zwang ganz spontan entfalten kann.  Es geht ihm nicht um die Vernichtung von Technik, sondern darum, kein Maschinen-Herz zu entwickeln. Und dies ist nur möglich, wenn wir unser Zaumzeug, die Sättel und Sporen und den ganzen Moral- und Religionsklimbim wieder loswerden und aufhören, uns beherrschen zu lassen und andere beherrschen zu wollen.

B

 

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6 Antworten zu Tschuang-Tse: Die Schuld der Pferdezähmer und Heiligen

  1. Nitya schreibt:

    Probeliegen ohne Ei?

    S

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  2. Nitya schreibt:

    Schwarzstorch beim Horstbau

    Schwarzstorch

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  3. Eno Silla schreibt:

    wenn ein mensch
    einen entspannten tag erfährt
    das ist schon
    einen fantastischen abendhimmel wert:

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  4. Eno Silla schreibt:

    aus der wahnsinnigen menschenwelt:

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