Laotse: Es gibt keinen Weg zur Erleuchtung


L
Es wird erzählt: Als Tschuang-Tse die Hütte, in der Lao-Tse, sein künftiger Meister lebte, zum ersten Mal betrat, sah Lao-Tse ihn an und sagte: „Merke dir eines: Frage mich niemals, wie man erleuchtet wird.“ Dabei war der arme Bursche gerade deswegen gekommen! Lao-Tse machte es ihm von Anfang an klar: „Ich werde dich nur unter dieser Bedingung als Schüler akzeptieren.

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Tschuang-Tse dachte: „Seltsam, ich bin doch gekommen, um erleuchtet zu werden. Genau deshalb wird man doch Schüler. Dieser alte Kerl verlangt etwas völlig Absurdes: Wenn du mein Schüler sein willst, versprich mir, dass du mich niemals fragen wirst, wie man erleuchtet wird!“

Zu spät! Er hatte sich bereits in den Alten verliebt. Er berührte seine Füße und sagte: „Ich verspreche, dass ich niemals fragen werde, wie man erleuchtet wird. Aber bitte, nimm mich als deinen Schüler an.“

Da erhielt er einen kräftigen Schlag. „Du Dummkopf! Wenn du nicht erleuchtet werden willst, wozu willst du dann Schüler werden? Ich nahm dir das Versprechen ab, weil ich dich für intelligent genug hielt, den Kern meiner Frage unmittelbar zu erkennen: Du bist erleuchtet. Es gibt keinen Weg, erleuchtet zu werden. Es ist unnötig. Selbst wenn du unerleuchtet werden wolltest, ist es nicht möglich.“

was halt so erzählt wird
BAlso ich war nicht dabei, kann also nicht bestätigen, ob sich die Sache so zugetragen hat, aber das ficht mich nicht wirklich an. Ich finde, das ist einfach eine hübsche Geschichte, wert also, erzählt zu werden. Tschuang-Tse hat also von diesem Lao-Tse gehört und sucht ihn auf, um das zu kriegen, was er mehr als alles andere haben will. Erleuchtung. Haste was, biste was. Kaiser, ein reicher Mann oder eben ein Erleuchteter. Letzterer genoss vielleicht sogar mehr Respekt als selbst ein Kaiser.

Tschuang-Tse kommt also zu Lao-Tse. Der guckt ihn an und sieht, dass er es mit einem intelligenten Burschen zu tun hat, der allerdings einige ziemlich hirnrissige Flausen im Kopf hat. Erleuchtung will er haben oder wissen, wie man dazu kommt. Also holt er zum ersten Schlag aus: „Frag mich einmal nach Erleuchtung und du kannst wieder verschwinden!“ Eigentlich hätte Tschuang-Tse jetzt gleich wieder von sich aus verschwinden können, da bei diesem Typen das Gewünschte nicht zu kriegen ist. Blöderweise ist ihm was dazwischen gekommen. Es wird berichtet: „Zu spät! Er hatte sich bereits in den Alten verliebt.“ Ich nehme mal an, dass damit nicht gemeint ist, dass Tschuang-Tse scharf auf den Alten war, sondern dass mit diesem „Verliebtsein“ etwas völlig anderes ausgedrückt werden sollte. Absolute Offenheit, absolutes Vertrauen, absolute Hingabe, … – und das ohne jeden Grund. Tschuang-Tse berührt die Füße des Alten und verspricht, alle seine Forderungen zu erfüllen, und bittet darum, ihn nicht als seinen Schüler zurückzuweisen.

Jetzt ist er reif für den zweiten und entscheidenden Schlag. Lao-Tse schimpft ihn im Augenblick völliger Selbsthingabe einen Dummkopf und katapultiert ihn gleichzeitig in ein absolut unlösbares Kōan, in ein Double Bind von Gottes Gnaden: „Du Dummkopf! Wenn du nicht erleuchtet werden willst, wozu willst du dann Schüler werden?“ Schockstarre im Gehirn. Der Verstand kapituliert. Und dann … aahhh.

Leider verpatzt der Erzähler an dieser Stelle die Geschichte. Lao-Tse gibt dem Tschuang-Tse die Lösung preis: „Du bist erleuchtet. Es gibt keinen Weg, erleuchtet zu werden. Es ist unnötig. Selbst wenn du unerleuchtet werden wolltest, ist es nicht möglich.“ Also mein Lao-Tse hätte das nie gemacht. Der zweite, entscheidende Schlag hätte völlig genügt, und bei Tschuang-Tse wäre schlagartig der Groschen gefallen. So aber sagt der Lao-Tse der Geschichte vorsichtshalber die Lösung vor. Das gildet nicht. Setzen, Lao-Tse. Sechs. – Also, nicht mein Lao-Tse.
C

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Eine Antwort zu Laotse: Es gibt keinen Weg zur Erleuchtung

  1. Ingeborg schreibt:

    😂😂😂😂😂😂😂 Was für eine schöne Geschichte.

    Gefällt mir

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